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Branche kompakt | Ungarn | Bauwirtschaft

Ungarische Bauwirtschaft im Tief

Die Baubranche in Ungarn ist im Abschwung. Wohnungs- und Infrastrukturbau verzeichnen einen starken Rückgang an Investitionen. Das Jahr 2024 könnte aber die Wende bringen. 

Von Kirsten Grieß | Budapest

  • Markttrends

    Eingefrorene EU-Gelder, ausbleibende Investitionen, steigende Preise für Baumaterial - die ungarische Bauwirtschaft schrumpft. Die Bauleistung geht zurück.

    Nach Jahren des Wachstums belastet die Baubranche die ohnehin schwächelnde ungarische Wirtschaft. Im 2. Quartal 2023 ging die Wirtschaftsleistung Ungarns das vierte Mal in Folge zurück. Das Land befindet sich in einer Rezession. Der Anteil der Bauwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt lag in den vergangenen fünf Jahren bei durchschnittlich 5 Prozent und ist damit deutlich geringer als der Beitrag der Industrie mit rund 17 Prozent. Das Volumen der Bauproduktion wuchs 2022 preisbereinigt noch um 2,5 Prozent auf einen Wert von 21,2 Milliarden Euro. Zum Ende des 2. Quartals 2023 lag die erbrachte Bauleistung schon um 3,8 Prozent unter dem Vorjahreswert. Für das Gesamtjahr soll die Bauproduktion um insgesamt 7,6 Prozent zurückgehen.

    -7,6 %

    Prognose für die Veränderung der Bauleistung 2023. 

    Die Rahmenbedingungen für die Bauwirtschaft haben sich deutlich verschlechtert. Die Branche klagt über steigende Kosten infolge des Ukrainekriegs und einen spürbaren Auftragsrückgang. Das hohe Haushaltsdefizit und fehlende Mittel aus EU-Programmen zwingen die ungarische Regierung zu einem strikten Sparkurs. Im Jahr 2023 stellte der Staat einen Großteil seiner Förder- und Investitionsaktivitäten ein. Auch wichtige Programme im Wohnungsbau wurden nicht verlängert. Im Infrastrukturbereich stoppte der Minister für Bau und Verkehr János Lázár einen Großteil noch nicht begonnener Investitionsprojekte.

    Marktvolumen der Bauwirtschaft in Ungarn (in Milliarden Euro, reale Veränderung in Prozent)

    Kennziffer

    2021 1)

    2022 2)

    Reale Veränderung 2022/2021

    Wert der erbrachten Bauleistungen insgesamt, davon

    18,521,22,5

    Wohnungsbau (Neubau)

    2,32,84,0
    Wohnungsbau (Sanierung)2,22,87,0

    Sonstiger Hochbau (Neubau)

    4,65,68,1
    Sonstiger Hochbau (Sanierung)3,83,8-3,0

    Tiefbau / Infrastrukturbau

    (Neubau)

    3,13,4-1,0
    Tiefbau / Infrastrukturbau (Sanierung)2,52,8-1,5
    1 Umrechnungskurs 1 Euro = 358,52 HUF (2012), 2 Umrechnungskurs 1 Euro = 391,33 HUF (2022).Quelle: EUROCONSTRUCT 2022, 2023; Staatliches Statistikamt KSH 2023

    Wohnungsneubau bricht ein

    Das Sorgenkind der Branche ist der Wohnungsbau. Im Neubausegment bremsen sinkende Reallöhne, steigende Bauzinsen und -kosten bei gleichzeitig stagnierenden Verkaufspreisen die Nachfrage. Das schlägt sich in der Zahl der genehmigten Bauanträge nieder. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern lagen diese 2022 um 17 Prozent niedriger als im Jahr zuvor. Im Gesamtjahr 2023 soll sich die Zahl noch einmal fast halbieren. Bei Mehrfamilienhäusern erwartet das Baumarktforschungsnetzwerk EUROCONSTRUCT für neue Projekte ein Minus von rund einem Drittel im laufenden Jahr. Die wertmäßige Bauleistung im Wohnungssegment soll 2023 von 5,6 Milliarden Euro um 13,5 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro schrumpfen.

    Gleichzeitig brechen die Aktivitäten im Bereich Sanierung ein, nachdem Anfang 2023 die staatliche Förderung von Gebäudesanierungen gestoppt wurde. Das Förderprogramm startete 2021, Hauptadressaten waren Privathaushalte, denen der Staat bis zu 50 Prozent der Renovierungskosten von maximal rund 8.000 Euro erstattete. Ungarns Wohngebäude sind für 27 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Landes verantwortlich. Der Gebäudebestand ist vor allem aus energetischer Sicht in schlechtem Zustand, und es besteht dringender Sanierungsbedarf. Das Programm wurde angesichts der Energiepreiskrise sehr gut angenommen. Laut Finanzministerium beantragten rund 250.000 Haushalte staatliche Zuschüsse.

    Ohne Fördermittel keine Sanierung

    Die Bauleistung im Sanierungssegment soll 2023 um 12 Prozent zurückgehen. Das trifft vor allem Hersteller von Baumaterialien. Die Menge der verkauften Baumaterialien ging in den ersten fünf Monaten 2023 bereits um 35 Prozent zurück, so der nationale Verband der Bauunternehmen ÉVOSZ. Einer Ende Juli durchgeführten Umfrage der ungarischen Baustoffkette Újház zufolge sind aktuell 47 Prozent der geplanten energetischen Modernisierungsmaßnahmen von neuen Fördermaßnahmen abhängig. Das alarmiert Bauunternehmer und Baustoffhersteller gleichermaßen. Fachverbände werben deshalb für eine Wiederauflage der Sanierungsförderung.

    Im Nicht-Wohnungsbau ist der staatliche Investitionsstopp ebenfalls spürbar. Öffentliche Neubau- und Renovierungsprojekte im Bildungs- und Gesundheitswesen, in Kultur und Tourismus werden aktuell aufgeschoben oder mit stark gekürztem Budget umgesetzt. Ähnlich sieht es im Infrastrukturbau aus. Betroffen ist vor allem der Transportbereich, viele Straßen- und Bahnbauprojekte sind auf Eis gelegt. Vereinzelt werden dennoch neue Bauprojekte angeschoben. Der Investitionsbedarf in der Verkehrsinfrastruktur ist hoch, und die Regierung rechnet letztlich doch mit einer baldigen Freigabe von EU-Mitteln. Von Kürzungen nicht betroffen ist der Ausbau der Bahnstrecke Budapest-Belgrad, der fast vollständig über einen chinesischen Kredit finanziert wird.

    Internationale Ansiedlungen als Lichtblick

    Drei Segmente brechen den Abwärtstrend. Die Bauleistung im Industrieneubau wuchs im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf einen Wert von 2,2 Milliarden Euro. Treiber sind hier insbesondere ausländische Investitionsprojekte im Bereich Elektromobilität. Die ungarische Regierung verfolgt das industriepolitische Ziel, weltweit zum zweitgrößten Batterieproduzenten aufzusteigen. Die Ansiedlungen werden großzügig gefördert, Unternehmen erhalten Steuernachlässe und Zusagen zu öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur. Vergleichsweise positiv entwickelt sich auch die Tiefbauleistung für die Segmente Energie- und Wasserversorgung: Für 2023 werden Zuwächse von 10 beziehungsweise 8 Prozent prognostiziert. Der Lagerbau profitiert von Investitionen im Industriebau und dem Trend zum Online-Shopping. Seit 2019 wächst das Bauvolumen in diesem Bereich jährlich um durchschnittlich 20 Prozent und lag 2022 bei 551 Milliarden Euro.

    Mit Blick auf das laufende Jahr wird sich die Situation der Baubranche nicht wesentlich verändern. Im Jahr 2024 könnten einige Branchensegmente aber wieder anziehen. Erste Signale deuten darauf hin. Anfang August verkündete der Minister für Bau und Verkehr, János Lázár, dass in den kommenden zehn Jahren 14,6 Milliarden Euro in die Entwicklung der Eisenbahninfrastruktur fließen werden. Außerdem sind größere Straßenbauprojekte in Planung. Hinsichtlich der Finanzierung verwies der Minister auf ausstehende EU-Gelder beziehungsweise neue Kredite, eine Ausweitung der Mautpflicht ist ebenfalls geplant. Der energetischen Gebäudesanierung können die EU-Mittel wichtige Impulse geben. Die Nachfrage nach Bauleistungen würde deutlich stimuliert, vor allem aber auch die Nachfrage nach Baustoffen und Bauelementen. Besonders bei Außentüren und Fenstern oder modernen Heizungs- und Kühlungsanlagen könnten deutsche Hersteller zum Zuge kommen.

    Ausgewählte Großprojekte der Bauwirtschaft in Ungarn
    Akteur/ProjektInvestitionssumme (in Mio. Euro)ProjektstandAnmerkungen
    Ausbau des Kernkraftwerks PAKS (zwei Reaktorblöcke von je 1.200 MW brutto)12.500; russischer Kredit von 10.000Fertigstellung für 2030 vorgesehen

    PAKS II. Zrt.

    Generalunternehmen: JSC ASE EC - Tochter des russischen Rosatom-Konzerns

    Modernisierung und Ausbau Bahnstrecke Budapest - Belgradüber 2.000; Kreditvertrag mit Chinas Eximbank über 1.855 Millionen Euro wurde Ende April 2020 unterzeichnetgeplante Fertigstellung 2025Joint Venture Kínai-Magyar Vasúti Nonprofit Zrt.
    Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahnverbindung Budapest - Bratislava - Warschau (250 bis 350 km/h; ungarischer Abschnitt: 170 km)k.A.; Finanzierung aus der Connecting Europe Facility (CEF) angestrebtMachbarkeitsstudie erstelltMinisterium für Bau und Verkehr
    Bau eines Automobilwerks durch Mercedes-Benz in Kecskemét1.000Grundsteinlegung 2018Mercedes-Benz Manufacturing Hungary
    Verlängerung M3 Autobahn von Nyíregyháza zur Rumänischen Grenze 28,0 + 17,5 km450 + 400Erste Phase wird von Duna Aszfalt gebaut, zweite ist in Vorbereitung, Fertigstellung bis Ende 2026Ministerium für Bau und Verkehr

    Duna Terasz Vista

    Wohnungsbauprojekt Budapest, 2 Wohngebäude mit 632 Wohneinheiten und Umgestaltung der ehemaligen Industriefläche für Freizeit/Sport

    k.A.Fertigstellung bis 2026D&B Real-Estate Gruppe

    Neues Stadtquartier Zugló in Budapest

    7 AA+ Bürogebäude, 1 Wohnungskomplex (168 WE), 1 Einkaufszentrum (10.000 m2), Fußgängerzone und Freizeitparks (42.000 m2

    k.A.Fertigstellung Q2 2026, Bauarbeiten bei 6 Gebäuden schon begonnenBayer Construct, Nationaler Vermögensverwalter Ankauf Mitte 2023 für 625 Mio. Euro 

    Waberer's Logistikzentrale in Ecser

    47.000 m2

    37Fertigstellung Q1 2024Waberer's International Nyrt.
    Quelle: Recherchen von Germany Trade and Invest

     

    Von Kirsten Grieß | Budapest

  • Branchenstruktur

    Ob Baubetriebe, Baustoffproduzenten oder Baustoffhandel - die gesamte Baubranche leidet unter der Krise. Die Unternehmen hoffen auf neue finanzielle Impulse für 2024.  

    Zwischen 2010 und 2022 war der Staat mit Abstand größter Investor am Baumarkt. Jede dritte Investition war staatlicher Natur. Laut Bauminister János Lázár mussten im vergangenen Jahr geplante Investitionen von umgerechnet rund 14 Milliarden Euro ausgesetzt werden. Für 2023 wurden weitere Programme und Projekte gestoppt oder komplett gestrichen. Das trifft Bauunternehmer, Baustoffhersteller und den Baustoffhandel gleichermaßen.

    Lokale Akteure dominieren den Baumarkt

    Das Register des nationalen Statistikamts KSH führte im Juli 2023 knapp 151.000 Bauunternehmen. Das ist ein Plus zum Vorjahr von 1.650 Unternehmen. Dabei fällt eine besondere Dichte an Kleinstbetrieben mit weniger als 5 Mitarbeitern auf. Diese erbrachten im Jahr 2022 rund ein Drittel der Bauleistung. Lediglich 8 Prozent des gesamten Produktionsvolumens steuerten Bauunternehmen mit über 250 Mitarbeitern bei. Die Betriebe sind mehrheitlich in ungarischer Hand. Duna Aszfalt des Oligarchen Lászlo Szíjj führt als Generalunternehmen zahlreiche staatliche Straßen- und Tiefbauprojekte durch. Eine der größten Tiefbaugesellschaften, Mészáros és Mészáros Zrt., ist im Besitz des Orbán-Vertrauten und aktuell reichsten Ungarn Lőrinc Mészáros. Mit Strabag und Metal Hungaria Holding mischen auch zwei österreichisch geführte Bauunternehmen an der Spitze des Baumarkts mit.

    Wichtige Branchenunternehmen in Ungarn (Umsatz in Millionen Euro; Veränderung in Prozent)

    Unternehmen

    Sparte      

    Umsatz 2022

    Veränderung

    2022/2021

    Mitarbeitende *)
    Market Epito Zrt.

    Hochbau und 

    Tiefbau

    796- 2,2588
    Duna Aszfalt Zrt.Tiefbau592- 24,2k.A.
    Kesz Epito Zrt.Hochbau und Tiefbau255- 2,9263
    STRABAG Altalanos Epito Kft.Hochbau und Tiefbau2143,8k.A.
    ZAEV Epitoipari Zrt.Hochbau205- 9,3321
    WEST HUNGARIA BAU Kft.Hochbau und Tiefbau204- 12,1261
    Mészáros és Mészáros Zrt.Tiefbau196k.A.138
    Colas Ut Zrt.Tiefbau191- 2,8367
    METAL HUNGARIA HOLDING Zrt.Hochbau18231,9242
    FEJER-B.A.L. Zrt.Hochbau16720,0241
    * Angaben vom August 2023.Quelle: EMIS 2023

    Baustoffhandel geht um ein Drittel zurück

    Ein Grund für die Probleme der ungarischen Bauwirtschaft ist auch die Entwicklung der Erzeugerpreise im Baugewerbe. Im 1. Halbjahr 2023 stiegen diese um rund 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das ist allerdings bereits eine leichte Entspannung, 2022 betrug die branchenbezogene Teuerungsrate im Jahresmittel knapp 25 Prozent. Die Mehrheit der Baustoffhändler erwartet laut einer Umfrage des Fachverbands ÉVOSZ für die zweite Jahreshälfte sinkende Preise für einige Baustoffe und -produkte. Der Preisrückgang ist allerdings vor allem eine Folge der gesunkenen Nachfrage. Im noch bestehenden Geschäft agieren die Konsumenten sehr preissensibel.

    Der Präsident des ungarischen Verbands für Baustoffe und Bauprodukte (MÈASZ) László Szarka schätzt, dass auf dem lokalen Markt rund 500 Baustoffproduzenten und Installateure aktiv sind. Darunter sind etwa 35 größere Hersteller, 400 Unternehmen operieren im Bereich Gebäudetechnik und -installation. Rund 1.000 Baustoffhändler erwirtschaften durchschnittlich umgerechnet 2,6 Millionen Euro jährlich. Laut Branchenexperten ging in den ersten fünf Monaten 2023 die Menge der verkauften Baumaterialien um 35 Prozent zurück. Das liegt einerseits am Einbruch im Wohnungsneubau. Als Hauptursache wird von der Branche aber der Stillstand im Bereich Sanierung gesehen.

    Produktion ausgewählter Bauprodukte in Ungarn (in Millionen Euro; Veränderung in Prozent)

    Sparte 1)

    2022

    Veränderung 2022/2021

    16.23 Bauteile aus Holz42322,8
    22.23 Baubedarfsartikel aus Kunststoff53518,7
    23.1 Glas und Glaswaren53924,6
    23.3 Keramische Baumaterialien22046,5
    23.4 Sonstige Porzellan und Keramikprodukte368-0,5
    23.5 Zement, Kalk und gebrannter Gips272-5,1
    23.6 Erzeugnisse aus Beton, Zement, Gips1.24820,8
    * NACE Rev.2.Quelle: Quelle: Staatliches Statistikamt KSH 2023

    Arbeiter und Fachkräfte fehlen 

    Die Arbeitslosenquote lag in Ungarn 2022 bei nur 3,6 Prozent. Der Wirtschaft fehlen qualifizierte Fachkräfte. Das spürt auch die Baubranche. Laut Deutsch-Ungarischer Auslandshandelskammer (AHK Ungarn) gibt es etwa auf dem Wärmepumpenmarkt nicht genügend Installateure, um die steigende Nachfrage zu bedienen. Aufgrund des Lohngefälles wandern viele Arbeitnehmer ins Ausland ab. Um Großprojekte im Industriebau nicht zu gefährden, wirbt die Regierung seit Jahren aktiv ausländische Arbeitskräfte an. Doch dagegen formiert sich bereits lokaler Widerstand, zuletzt etwa rund um das Bauvorhaben des chinesischen Batterieproduzenten CATL in Debrecen

    Die GTAI-Reihe Lohn- und Lohnnebenkosten liefert ausführliche Informationen zur aktuellen Lage auf dem ungarischen Arbeitsmarkt und zu den rechtlichen Rahmenbedingungen.

    Von Kirsten Grieß | Budapest

  • Rahmenbedingungen

    Die ungarische Regierung verunsichert Investoren durch diskriminierende Maßnahmen in der Baustoffindustrie. Erste Auszahlungen der EU-Zuschüsse werden ab 2024 erwartet.   

    Kurzer Prozess beim Bauantrag

    Der administrative Prozess für den Bau von Wohn- und Geschäftsgebäuden in Ungarn ist unkompliziert und transparent geregelt. Allerdings können sich Zuständigkeiten kurzfristig ändern. Grundsätzlich bedarf es einer Baugenehmigung durch die örtliche Baubehörde. Diese Aufgabe übernimmt in der Regel ein lokal ansässiger Notar. Die Frist für die Erteilung der Baugenehmigung beträgt 15 Tage. Bauvorhaben mit absehbaren Umweltauswirkungen müssen vorab durch die zuständige Umweltschutzbehörde auf Basis einer Umweltverträglichkeitsprüfung genehmigt werden. Auch solche mehrstufigen Genehmigungsverfahren wickelt die lokale Baubehörde als One-Stop-Shop ab und übernimmt die Abstimmung mit den beteiligten Fachbehörden.

    Ein Sonderfall in der ungarischen Bauwirtschaft sind Bau-, Umbau- und Erweiterungsvorhaben in Einzelhandelsgebäuden mit einer Gesamtfläche von über 400 Quadratmetern. Für Einkaufszentren dieser Größe besteht ein grundsätzliches Bauverbot. Ausnahmen sind per Sondergenehmigung und über mehrstufige Verträglichkeitsprüfungen möglich und werden angesichts neuer Shopping-Malls im Land offenbar regelmäßig gewährt. Seit 2012 versucht die Fidesz-Regierung mit dem "Plaza-Stop"-Gesetz die Konzentration auf dem Einzelhandelsmarkt einzudämmen und lokale Händler zu stärken. Die EU leitete dazu 2014 ein Vertragsverletzungsverfahren ein.

    Regulatorisches Umfeld verunsichert Unternehmen

    Mitte 2022 führte die ungarische Regierung Sonderertragssteuern für einzelne Branchen ein. Betroffen sind auch Baustoffhersteller für Zement, Ziegel, Baukeramik und Fliesen. Der Steuersatz beträgt 90 Prozent auf alle Verkaufserlöse, die über einem staatlich festgelegten Höchstpreis liegen. Die Verordnung wurde mehrfach modifiziert und inzwischen bis zum 1. Januar 2025 verlängert. Seit Juli 2023 müssen große CO2-Emittenten wie Zementhersteller zudem eine CO2-Abgabe von 40 Euro pro Tonne entrichten. Für Verunsicherung sorgt die Ankündigung eines neuen Gesetzes, dass dem Staat Vorkaufsrechte für bestimmte Baustoffe einräumt. Die Maßnahmen zielen vorwiegend auf ausländische Hersteller ab, was Investoren zunehmend irritiert.

    Nicht nur betroffene Unternehmen kritisieren die staatlichen Eingriffe im Bausektor. Die Europäische Kommission sieht darin einen klaren Verstoß gegen die Niederlassungsfreiheit und klagte im Juli 2023 vor dem europäischen Gerichtshof. In Brüssel steht parallel dazu die Entscheidung an, inwiefern Ungarn für die eingefrorenen 22 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt 2021 bis 2027 und die ausstehenden 5,8 Milliarden Euro aus der Aufbau- und Resilienzfazilität (ARF), einem befristeten Instrument von NextGenerationEU, grünes Licht erhält.

    EU-Gelder können Baumarkt wiederbeleben

    Von den Haushaltsmitteln im Rahmen der Kohäsionspolitik sind allein rund 7 Milliarden Euro für Maßnahmen im Bereich Umwelt und Energieffizienz sowie integrierte Verkehrsentwicklung vorgesehen. Im Plan für die Verwendung der ARF-Mittel sind weitere 1,4 Milliarden Euro für den Ausbau der Transportinfrastruktur gelistet. Konkret soll mit 386 Millionen Euro der Austausch von Fenstern in bis zu 12.000 Haushalten und die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude finanziert werden. Zum 31. August beantragte Ungarn außerdem vergünstigte Wiederaufbaukredite in Höhe von 3,9 Milliarden Euro. Diese sind für das ARF-Zusatzkapitel REPowerEU vorgesehen. Laut Tibor Navracsics, dem Minister für regionale Entwicklung, sollen darüber vor allem Projekte in den Bereichen Energieinfrastruktur und Energieeffizienz finanziert werden.

    Brüssel hat die Zahlungen der Kohäsions- und Wiederaufbaumittel an innerstaatliche Reformen geknüpft. Diese betreffen vor allem Fragen der Rechtsstaatlichkeit, der Freiheit der Medien und Wissenschaften, der Rechte von Minderheiten und der öffentlichen Auftragsvergabe. Ob das auch für die Kredite zutrifft, ist umstritten. Angesichts der aktuellen wirtschaftspolitischen Schieflage ist Ungarn stärker als ohnehin auf Gelder aus Brüssel angewiesen. Im Laufe des Frühjahrs wurde daher an den von der EU vorgegebenen Meilensteinen gearbeitet, auch eine Justizreform wurde auf den Weg gebracht. Der Ball liegt seit Sommer 2023 wieder im Feld der Europäischen Union. In Budapest erwartet man bestenfalls für Mitte November eine Entscheidung. Finanzexperten bezweifeln allerdings, dass es 2023 noch zu Auszahlungen kommt. Die Hoffnung liegt in vielerlei Hinsicht auf 2024. Eine Freigabe von EU-Geldern könnte auch der Baubranche zu mehr Dynamik verhelfen.

    Tipps für den Markteinstieg
    • Eine inländische Tochtergesellschaft oder lokale Partnerschaften eröffnen den Zugang zu Fördergeldern und öffentlichen Ausschreibungen.
    • Auf Compliance sollte in Ungarn geachtet werden. Das Land belegt Platz 77 im "Corruption Perception Index".
    • Bei längerfristigen Vertragsabschlüssen entstehen Wechselkursrisiken.
    • Für Investoren empfiehlt es sich, mit bilingualem Personal oder Partnern zu arbeiten.

     

    Die GTAI stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.

    Von Kirsten Grieß | Budapest

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    AHK Ungarn

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Portal 21

    Informationsangebot zu Dienstleistungen in Europa

    Építési és Közlekedési Minisztérium (ÉKM)

    Ministerium für Bau und Verkehr

    Építési Vállalkozók Országos Szakövetsége (ÉVOSZ)

    Ungarischer Fachverband der Bauunternehmer

    Magyar Építőanyag és Építési Termék Szövetség (MÉASZ)

    Ungarischer Fachverband der Baustoff- und Bauprodukthersteller

    Magyar Épületgépészek Szövetsége (MÉGSZ)

    Verband ungarischer Gebäudetechniker 

    Magyar Építéstechnika

    Ungarische Fachzeitschrift für Gebäudetechnik 

    Construma

    Internationale Baumesse, jährlich, nächste Messe: 10. bis 14. April 2024

    Központi Statisztikai Hivatal (KSH)

    Staatliches Statistikamt Ungarn


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