Wirtschaftsumfeld | Ungarn | Arbeitskräfte

Fachkräfte

In Ungarn fehlen Fachkräfte. Der demografische Wandel und Bildungsdefizite verknappen das Angebot. Neue Gastarbeiterregeln bremsen die Rekrutierung aus Drittstaaten.

Kirsten Grieß

Von Kirsten Grieß | Budapest

Im Mai 2026 lag die ungarische Arbeitslosenquote laut nationalem Statistikamt mit 4,3 Prozent auf dem Niveau des Vorjahres. Zwischenzeitlich war sie auf 4,8 Prozent gestiegen. Die Zahl der Erwerbstätigen ging im Frühjahr 2026 gegenüber dem Vorjahr um rund 33.000 zurück. Darin zeigt sich die seit drei Jahren schwache Wirtschaftsentwicklung. Dass der Arbeitsmarkt dennoch vergleichsweise robust blieb, ist auch auf den strukturellen Fachkräftemangel zurückzuführen.

Qualifizierte Fachkräfte fehlen in fast allen Branchen. Engpässe bestehen zunehmend bei Arbeitskräften in der Produktion, im Bau, in der Logistik und im Dienstleistungssektor. Weil Rekrutierung und Einarbeitung zeit- und kostenintensiv sind, hielten viele Unternehmen trotz schwacher Auftragslage zunächst an ihrem Personal fest. Statt Beschäftigte in größerem Umfang zu entlassen, verkleinerten sie ihre Belegschaften vor allem über natürliche Fluktuation und den Verzicht auf Nachbesetzungen.

Ungarn im weltweiten Vergleich

Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit gegebenenfalls von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.

 

Im Jahr 2025 nahm der Stellenabbau jedoch zu. Einer Analyse der Onlineplattform HR Portal und des Datendienstleisters Opten zufolge reduzierten vor allem Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes ihren Personalbestand. Betroffen waren unter anderem die Automobil- und Batterieindustrie. Gleichzeitig steigt der Personalbedarf mit dem Hochlauf neuer Industrieinvestitionen. BMW und CATL bauen ihre Belegschaften am Standort Debrecen schrittweise auf. Dort entstehen tausende neue Arbeitsplätze. Auch Zulieferer und Dienstleister dürften mehr Mitarbeiter benötigen.

In der zweiten Jahreshälfte 2026 könnte sich der Arbeitsmarkt weiter anspannen. Mit der erwarteten Konjunkturerholung und dem Produktionsanlauf weiterer Industrieprojekte steigt der Personalbedarf. Zusätzliche Impulse sind mittelfristig von Investitionen aus EU-Mitteln zu erwarten. Deren Auszahlung bleibt allerdings an Reformen und Projektfortschritte gebunden. Für 2027 erwartet die OECD im Jahresdurchschnitt eine Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent.

Demografie begrenzt Arbeitskräfteangebot

Einer steigenden Nachfrage steht ein langfristig schrumpfendes Arbeitskräfteangebot gegenüber. In den vergangenen fünf Jahren ging Ungarns Bevölkerung im Schnitt um rund 40.000 Menschen pro Jahr zurück. Die Geburtenziffer sank 2025 auf 1,31 Kinder je Frau. Zudem arbeiten viele Ungarn im Ausland, vor allem in Österreich und Deutschland, wo die Löhne deutlich höher sind.

Unternehmen schließen Ausbildungslücken

Das öffentliche Bildungssystem deckt den Fachkräftebedarf der Unternehmen nur unzureichend. Qualität und Leistungsfähigkeit unterscheiden sich regional erheblich. Schwächen bestehen unter anderem bei den für internationale Investoren wichtigen Fremdsprachenkenntnissen. Im IMD World Talent Ranking 2025 belegte Ungarn in diesem Einzelindikator Rang 62 unter 69 Volkswirtschaften. Auch bei der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte kam das Land nur auf Rang 62.

Industrievertreter kritisieren zudem Defizite in der beruflichen Bildung. Zwar bestehen gesetzliche Grundlagen für die duale Ausbildung, ihre Umsetzung ist jedoch landesweit uneinheitlich. Vor allem größere deutsche Unternehmen entwickeln deshalb gemeinsam mit lokalen Bildungseinrichtungen eigene Ausbildungsprogramme. Unterstützung erhalten sie vom Deutsch-Ungarischen Wissenszentrum der AHK Ungarn, das auf die Entwicklung betrieblicher Aus- und Weiterbildungsprogramme spezialisiert ist.

Die ungarischen Ausbildungsprogramme sind in der Regel im fachlich-technischen Bereich auf einem recht hohen Niveau. Deutliche Unterschiede zeigen sich jedoch bei der schulischen Ausbildung und den Soft Skills.

Jörg Dötsch Geschäftsführer Deutsch-Ungarisches Wissenszentrum GmbH

Rekrutierung aus Drittstaaten wird schwieriger

Mit Blick auf neue Industrieprojekte sind Unternehmen zunehmend auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Der Bedarf entsteht nicht nur bei den Großinvestoren selbst, sondern auch bei Zulieferern und Dienstleistern. In den vergangenen Jahren ist insbesondere die Zahl der Beschäftigten aus Drittstaaten deutlich gestiegen. Unter der vereinfachten Gastarbeiterregelung der Orbán-Regierung erfolgte ihre Rekrutierung häufig über spezialisierte Personaldienstleister.

Bereits im Wahlkampf hatte Ministerpräsident Péter Magyar angekündigt, den Zuzug von Gastarbeitern aus Nicht-EU-Staaten einzuschränken. Am 5. Juni 2026 setzte die neue Regierung die Erteilung von Gastarbeiter-Aufenthaltserlaubnissen für neu einreisende Drittstaatsangehörige aus. Betroffen ist jedoch nur diese vereinfachte Genehmigungsform. Andere Aufenthaltstitel, bereits erteilte Genehmigungen und laufende Antragsverfahren bleiben unberührt.

Die Beschäftigung von Drittstaatsangehörigen bleibt damit möglich, wird aber aufwendiger. Nach Einschätzung des Geschäftsführers des Personaldienstleisters WHC, Viktor Göltl, verlängert sich die Bearbeitungszeit bei einer alternativen Beschäftigungsgenehmigung von etwa zwei auf rund fünf Monate. Industrie- und Arbeitgebervertreter drängen daher auf transparente und dauerhaft planbare Regeln.

13.08.2026 Interview | Ungarn | Arbeitsmarkt
"Wir wünschen uns verlässliche Regeln für Gastarbeiter"

Die Industrie sucht Personal, doch Ungarns Arbeitsmarkt bleibt angespannt. WHC-Chef Viktor Göltl über Demografie, EU-Mittel und Gastarbeiterregeln.

Regionale Reserven nur begrenzt mobilisierbar

Bei der Standortwahl sollten Unternehmen regionale Unterschiede beim Arbeitskräfteangebot und Bildungsniveau berücksichtigen. Laut Eurostat lag die Beschäftigungsquote der 15- bis 64-Jährigen 2025 landesweit bei 75,1 Prozent. Damit lag sie 4,1 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt. Zwischen den einzelnen Regionen Ungarns beträgt die Differenz rund 10 Prozentpunkte. 

In Budapest, den westlichen Landesteilen und etablierten Industriezentren sind zusätzliche Arbeitskräfte bei Quoten von knapp 80 Prozent nur begrenzt verfügbar. In Teilen Süd-, Ost- und Nordungarns liegen die Werte dagegen bei rund 70 Prozent. Mit Investitionsanreizen versucht die Regierung, neue Projekte verstärkt in strukturschwächere Gebiete zu lenken. Die dortigen Arbeitskräftereserven lassen sich aufgrund des schlechteren Bildungsniveaus nur begrenzt für neue Vorhaben erschließen.

Entsprechend wichtig ist eine frühzeitige Prüfung der regionalen Personalverfügbarkeit bei der Standortplanung. Längere Pendelwege oder ein Umzug für eine neue Stelle sind in Ungarn wenig verbreitet. Die geringe räumliche Mobilität erschwert den Ausgleich zwischen Regionen mit unterschiedlich großen Arbeitskräftereserven.

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