Branchen I USA I Energiespeicherung, Batterien
US-Batterieindustrie richtet sich neu aus
Die schwache Nachfrage nach E-Autos führt zu einem Kurswechsel. US-Batteriewerke produzieren zunehmend Speicher für das Stromnetz und KI-Rechenzentren.
17.06.2026
Von Heiko Stumpf | San Francisco
Als der Aktienkurs von Ford im Mai 2026 auf ein Dreijahreshoch stieg, lag der Impuls nicht im klassischen Autogeschäft. Treiber war vielmehr die Gründung der Tochtergesellschaft Ford Energy, mit der der Konzern in das neue Geschäftsfeld stationärer Energiespeicher einsteigt.
Für den Konzern stellt dies einen milliardenschweren Strategiewechsel dar: Eine ursprünglich für Elektrofahrzeuge konzipierte Batteriezellfabrik in Glendale, Kentucky wird für 2 Milliarden US-Dollar (US$) umgerüstet und soll künftig containerbasierte Großspeichersysteme produzieren. Ab 2027 ist eine jährliche Kapazität von 20 Gigawattstunden vorgesehen.
Ein Batterie-Joint-Venture mit dem südkoreanischen Hersteller SK On wird aufgelöst. Im Zuge der Neuordnung übernimmt SK On eine Fabrik in Tennessee und positioniert sich ebenfalls im Markt für stationäre Energiespeicher.
Schwache Nachfrage nach E-Autos sorgt für Überkapazitäten
Die Entwicklung bei Ford ist kein Einzelfall, sondern Teil eines grundlegenden Marktumschwungs. Unter Präsident Donald Trump wird der unter der Vorgängerregierung von Joe Biden aufgebaute Förderrahmen für Elektrofahrzeuge weitgehend zurückgefahren. In der Folge schwächt sich die Nachfrage nach batterieelektrischen Fahrzeugen deutlich ab.
Während die unter Biden initiierten Projekte bis 2030 auf eine Produktionskapazität von rund 7 Millionen batterieelektrischen Fahrzeugen jährlich abzielten, gehen aktuelle Prognosen nur noch von einem Bedarf von 3 bis 3,5 Millionen Fahrzeugen aus. Deshalb streichen die Autobauer Modelle und verschieben Investitionen – mit unmittelbaren Folgen für die Batteriefertigung. Große Teile der bis 2030 geplanten Zellkapazitäten von über 1.000 Gigawattstunden dürften unter den neuen Marktbedingungen – zumindest für E-Autos – nicht mehr benötigt werden.
Batterieförderung bleibt unter Trump weitgehend bestehen
Unter US-Präsident Trump wurde das Rahmenwerk zur Förderung von Elektroautos größtenteils zurückgebaut. Die Batterieproduktion kam hingegen glimpflich davon: Zentrale Förderanreize des Inflation Reduction Act (IRA) bleiben bestehen.
Section 45X – Advanced Manufacturing Production Tax Credit
- bis zu 35 US$/kWh Steuergutschrift für Batteriezellen
- bis zu 10 US$/kWh Steuergutschrift für Batteriemodule
- bis zu 10 % der Produktionskosten für aktive Batteriematerialien und kritische Mineralien
Durch den One Big Beautiful Bill Act (OBBBA) wurde die Laufzeit der Förderung bis Ende 2030 verkürzt. Seit 2026 gelten Einschränkungen für Foreign Entities of Concern (FEOC), worunter insbesondere Staaten wie China, Russland und Nordkorea gefasst werden. Wenn Projekte von Akteuren aus diesen Staaten kontrolliert werden oder wesentliche Vorprodukte, Komponenten oder Technologien von diesen beziehen, ist keine Förderung möglich.
Stationäre Speicher werden zum Auffangnetz
Der boomende Markt für Energiespeicher entwickelt sich zur rechten Zeit zum Stabilitätsfaktor. Laut Prognosen der Solar Energy Industries Association (SEIA) dürfte die neu installierte Leistung von Batteriespeichersystemen (BESS) im Jahr 2026 auf rund 35 Gigawatt steigen – ein Zuwachs von 25 Prozent gegenüber 2025 (mit 28 Gigawatt). Bis 2030 dürfte der jährliche Zubau rund 47 Gigawatt erreichen.
Neben Ford verschieben deshalb auch andere Hersteller ihren Fokus von der Elektromobilität hin zu stationären Energiespeichern. LG Energy Solution richtet mehrere US-Standorte zumindest teilweise auf entsprechende Anwendungen aus, darunter eigene Anlagen in Holland und Lansing (Michigan) sowie Joint-Venture-Standorte mit General Motors und Honda in Tennessee und Ohio. Auch Samsung SDI und Stellantis passen ihr Projekt in Indiana entsprechend an.
"Die Umrüstung erfordert zugleich eine Anpassung der Zellchemie: Während in Fahrzeugen vor allem Lithium‑Ionen-Batterien mit Nickel‑Mangan‑Kobalt‑Kathoden (NMC) zum Einsatz kommen, dominieren bei stationären Anwendungen Lithium‑Eisen‑Phosphat‑Zellen (LFP)", erklärt Salvatore Sternkopf, Co-Founder des deutschen Start-ups ioncentric.
Auch die Anforderungen an das Batteriemanagement verändern sich. "Im Fahrzeug stehen Energiedichte und Reichweite im Vordergrund, bei stationären Systemen ist hingegen eine langfristig wirtschaftliche Betriebsführung entscheidend. Entsprechend steigt der Bedarf an präziser Zustandsüberwachung und Diagnostik", so Sternkopf. Im Mai 2026 erkundete ioncentric den US-Markt im Rahmen einer Delegation des Markterschließungsprogramms nach Los Angeles und berichtet insbesondere im Bereich der Batteriediagnostik von wachsendem Interesse.
Energiehunger von Rechenzentren treibt den Speicherausbau
Der Großteil der Nachfrage nach Batteriespeichern geht von Energieversorgern und Netzbetreibern aus. Sie reagieren damit auf den stark steigenden Strombedarf – insbesondere durch KI‑getriebene Rechenzentren. Deren Anteil am US‑Stromverbrauch könnte von zuletzt rund 4,4 Prozent auf über 11 Prozent bis 2030 steigen.
Um die wachsenden Kapazitäten erneuerbarer Energien ins Netz zu integrieren, bauen Energieunternehmen ihre Speicherkapazitäten massiv aus. Nach Angaben der Energy Information Administration (EIA) dürften sich die angeschlossenen Speicher kurzfristig mehr als verdoppeln – von 42,2 Gigawatt 2025 auf 85,3 Gigawatt bis 2027.
Zugleich setzen auch Rechenzentrumsbetreiber stärker auf Batteriespeicher. "Während bislang vor allem unterbrechungsfreie Stromversorgungen (USV) zur Absicherung dienten, gewinnen sogenannte Behind‑the‑Meter-Systeme an Bedeutung", erklärt Christopher Chico vom Blog The Battery Chronicle. "Sie ermöglichen Lastmanagement und können mehrjährige Wartezeiten beim Netzanschluss in den USA erheblich verkürzen. Neue Projekte können dadurch Jahre früher in Betrieb gehen", so Chico im Gespräch mit GTAI.
Neue Förderung für Batteriematerialien
Der wachsende Speichermarkt entwickelt sich für Anbieter von Batteriematerialien zu einem zweiten Standbein. Die Biden-Regierung hatte für den Aufbau einer Batteriewertschöpfungskette Fördermittel in Milliardenhöhe vergeben – von Kathoden, Anoden und Separatoren bis hin zu Lithiumminen.
Unter Präsident Donald Trump wurden rund 180 Projekte auf den Prüfstand gestellt, was zu Verzögerungen führte. Batterien standen bislang vor allem mit Elektromobilität und erneuerbaren Energien in Verbindung. Mittlerweile erweitert sich das Bild jedoch deutlich: Neben KI und Rechenzentren rückt auch die Bedeutung für die Verteidigungs- und Raumfahrtindustrie in den Fokus.
Viele Förderbescheide aus der Biden-Ära wurden inzwischen bestätigt. Im Mai 2026 kündigte die Regierung sogar eine neue Förderrunde über 500 Millionen US$ im Rahmen des Battery Materials Processing and Battery Manufacturing and Recycling Grant Program an. Die US‑Regierung hatte sich unter Trump zuvor bereits direkt am Lithiumprojekt Thacker Pass in Nevada beteiligt und stellt für das Projekt des Unternehmens Lithium Americas einen Kredit von rund 2,3 Milliarden US$ bereit. Ab 2028 sollen jährlich zunächst rund 40.000 Tonnen Lithiumcarbonat produziert werden.