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US-Autoindustrie leistet Pionierarbeit bei humanoiden Robotern
In den USA werden Humanoide zur Realität. Auf erste Einsätze in der Autofertigung könnten bald auch andere Branchen folgen – und den Weg für einen riesigen Markt ebnen.
20.07.2026
An der künftigen Bedeutung von humanoiden Robotern zweifeln im Silicon Valley nur wenige. "Die physische KI ist da – jedes Industrieunternehmen wird zu einem Robotikunternehmen werden“, erklärte Nvidia-Chef Jensen Huang auf der GTC 2026 in San José. Damit diese Vision Wirklichkeit wird, braucht es jedoch Vorreiter und frühe Anwender. Eine Rolle, die in den USA vor allem die Automobilindustrie übernimmt – mit starker Beteiligung deutscher Unternehmen.
Neue Aufgaben für Humanoide bei BMW
Zu den Pionieren zählt insbesondere BMW. Ende Juni 2026 kündigte der Konzern an, im Werk Spartanburg (South Carolina) den humanoiden Roboter Figure 03 einzusetzen – das neueste Modell des Silicon-Valley-Start-ups Figure AI. Für BMW ist es bereits der zweite Praxistest mit einem Humanoiden. Schon 2024 kam der "Vorgänger-Kollege" Figure 02 in Spartanburg zum Einsatz. Dort unterstützte der Roboter über einen Zeitraum von zehn Monaten die Produktion von mehr als 30.00 X3-Modellen.
„Das Werk Spartanburg ist die Wiege der humanoiden Robotik im operativen Tagesgeschäft der BMW Group. Nachdem wir bereits einen Piloten mit dem Figure 02 in unserem Karosseriebau erfolgreich abgeschlossen haben, freuen wir uns nun darauf, den Figure 03 für einen Sequenzierungs-Anwendungsfall in der Logistik einzusetzen“, sagt Ulrich Wieland, Vice President of Production Control and Logistics bei BMW Manufacturing.
Während Figure 02 im Karosseriebau Blechteile für den Schweißprozess in Fertigungsanlagen einlegte, sortiert Figure 03 nun angelieferte Komponenten und bereitet diese für den Weitertransport an die jeweiligen Montagestationen vor.
Neue Bereiche können automatisiert werden
Für die Automobilindustrie sind Humanoide insbesondere deshalb interessant, weil sie bislang schwer automatisierbare Tätigkeiten übernehmen können. Anders als klassische Industrieroboter sind sie für variable und körperlich wenig belastende Aufgaben ausgelegt, die bisher überwiegend von Menschen erledigt werden. Dadurch können neue Automatisierungsfelder erschlossen werden, ohne dass dafür die Produktionsumgebung angepasst werden muss. Deshalb setzen auch andere Unternehmen auf Humanoide.
So will Hyundai ab 2028 den von Boston Dynamics entwickelten Roboter Atlas in seiner Metaplant im Bundesstaat Georgia einsetzen. Zunächst soll der Humanoide Aufgaben in der Teilebereitstellung (Parts Sequencing) übernehmen. Ab 2030 ist zudem der Einsatz bei Montagearbeiten vorgesehen.
Der deutsche Automobilzulieferer Schaeffler gehört zu den ersten Kunden von Agility Robotics aus Portland (Oregon). Deren humanoider Roboter Digit transportiert im Schaeffler-Werk in Cheraw (South Carolina) bereits Material und Paletten. Zu den weiteren Kunden des Start-ups zählen unter anderem Toyota, Amazon und der Logistikdienstleister GXO. Mercedes-Benz wiederum erprobt den Einsatz humanoider Roboter des US-Unternehmens Apptronik.
In den USA winkt ein Milliardenmarkt
In den Pilotprojekten übernehmen Humaniode zunächst repetitive Arbeiten, sodass sich die menschlichen Kollegen anderen Aufgaben widmen können. Mit zunehmender Reife der Technologie erwarten viele Branchenvertreter jedoch, dass Humanoide künftig auch komplexere Arbeitsabläufe bewältigen. Dadurch könnten die Roboter perspektivisch dazu beitragen, den absehbaren Arbeitskräftemangel in der US-Industrie abzufedern.
Laut Deloitte könnten bis 2033 rund 1,9 Millionen Stellen in der US-Industrie unbesetzt bleiben. Daneben gelten auch Logistik sowie Dienstleistungsbranchen wie Handel, Gastronomie und Gesundheitswesen als vielversprechende Einsatzfelder. Entsprechend könnte in den USA ein gewaltiger Absatzmarkt entstehen.
Nach Einschätzung der Investmentbank Barclays könnten bis 2035 rund 3,5 Millionen humanoide Roboter in den USA im Einsatz sein. Das entspräche etwa 2 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Langfristig fällt das Potenzial noch deutlich größer aus: Morgan Stanley prognostiziert bis 2050 rund 78 Millionen Humanoide in den USA.
Erste Hersteller bringen sich in Stellung
Unter den Robotikherstellern ist der Wettlauf um die beste Startposition bereits in vollem Gang. Mehrere Unternehmen bereiten sich mit konkreten Schritten auf die Massenfertigung vor. Besonders Tesla macht Ernst mit der Vision seines Gründers Elon Musk und will sich langfristig von einem Autohersteller zu einem Robotikunternehmen entwickeln. Symbolträchtig lief im Werk Fremont bei San Francisco kürzlich das letzte Model S vom Band – jenes Modell, das die frühe Identität Teslas wie kaum ein anderes Fahrzeug geprägt hat.
Nun werden die Fertigungslinien umgerüstet, um künftig humanoide Roboter vom Typ Optimus zu produzieren. Parallel dazu baut Tesla in Austin (Texas) eine weitere Fertigungsstätte für Optimus auf. An beiden Standorten könnte die Produktion bereits 2027 anlaufen. Langfristig peilt Tesla eine Jahreskapazität von bis zu 11 Millionen humanoiden Robotern an.
Auch Hyundai verfolgt ehrgeizige Pläne. Gemeinsam mit Boston Dynamics plant der Konzern, in Georgia ab 2028 jährlich rund 30.000 Humanoide des Typs Atlas zu produzieren. Und auch die Start-ups beginnen zu skalieren: Figure AI steigert in seiner Fertigungsstätte BotQ im Silicon Valley die Produktion kontinuierlich und peilt langfristig eine Stückzahl von bis zu 12.000 pro Jahr an.
Auf der anderen Seite der San Francisco Bay in Hayward plant 1X Technologies den Bau von bis zu 10.000 Robotern jährlich. Agility Robotics verfügt in Oregon bereits über einen Standort, der für eine Jahreskapazität von bis zu 10.000 Einheiten ausgelegt ist.
US-Markt lockt deutsche Firmen an
Auch deutsche Robotikunternehmen setzen auf den amerikanischen Markt. Schlagzeilen machte im Juni 2026 Neura Robotics aus Metzingen. Gemeinsam mit namhaften Partnern wie Nvidia, Amazon und Qualcomm sammelte das Start-up 1,4 Milliarden US-Dollar (US$) ein. Das frische Kapital soll auch zur Expansion genutzt werden: So plant das Unternehmen Standorte in den USA für seine Neura Gyms – reale Trainingszentren, in denen Partnerunternehmen humanoide Roboter testen und trainieren können. Auch Agile Robots aus München verfügt bereits über eine Niederlassung in den Vereinigten Staaten.
Humanoide Roboter – eine einzigartige Chance für den deutschen Mittelstand
Zwischen humanoiden Robotern und der Automobilindustrie besteht von Beginn an eine enge Symbiose. Autobauer zählen nicht nur zu den frühen Anwendern der Technologie, sondern sind auch maßgeblich an deren Entwicklung und Produktion beteiligt. Die Investmentbank Barclays bezeichnet Humanoide deshalb als „Autos im Kleinformat“. Ein wesentlicher Grund: Rund 50 Prozent der Produktionskosten entfallen auf Aktuatoren – die „Gelenke und Muskeln“ der Roboter.
Dabei bestehen große technische Überschneidungen zur Automobilindustrie. Zu den wichtigsten Komponenten zählen:
- Elektromotoren
- Lager
- Getriebe
- Sensorik und Antriebstechnik
Gerade hier verfügen deutsche Zulieferer über große Stärken. Laut Barclays ist Europa bei hochpräzisen Komponenten für Aktuatoren führend und hält einen Weltmarktanteil von 34 Prozent. Mehr als 10 Prozentpunkte entfallen auf Deutschland.
Nach einem optimistischen Szenario von Roland Berger könnte der Markt für humanoide Roboter bis 2050 ein Volumen von 4 Billionen US-Dollar erreichen und damit sogar den der heutigen weltweiten Automobilindustrie übertreffen. Ein extrem fruchtbares Wachstumsfeld für deutsche Branchenzulieferer könnte hier bestellt werden.