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Mobilität, Energie, Produktion: Nordamerika richtet sich neu aus
Rückgang bei Elektroautos, Speicherboom, Batterieoffensiven und Nearshoring: Nordamerika ordnet sich neu. Wo deutsche Firmen ansetzen könnten und was sie beachten sollten.
11.02.2026
Von Heiko Steinacher | Toronto
Im Dezember 2025 zog Ford die Notbremse: Der US-Autobauer stoppte sein Batteriewerk in Kentucky, entließ 1.600 Beschäftigte und kündigte an, auf stationäre Speicher statt E-Autos zu setzen. Der Schritt verdeutlicht den Stimmungsumschwung in den USA – und wie stark sich die Rahmenbedingungen für die Auto- und Zulieferindustrie seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus verändert haben.
Trotz dieser Entwicklungen bleiben die USA in Nordamerika der größte Markt – bei Elektrofahrzeugen, geplanter Zellfertigung und dem Ausbau stationärer Speicher.
USA: E-Auto-Flaute und Speicherboom
Im Detail allerdings zeigt sich indes ein differenziertes Bild. Die neue US-Regierung hat zentrale Klimaschutzvorgaben zurückgenommen und die E-Auto-Förderung gestrichen. Der 7.500-US-Dollar (US$)-Steuervorteil für E-Autos lief Ende September 2025 aus – mit unmittelbaren Folgen: Die Verkäufe reiner Elektromobile brachen im 4. Quartal ein, während Hybridfahrzeuge Rekordabsätze erzielten. Ford stoppte geplante E-Modelle und schrieb fast 20 Milliarden US$ ab, GM drosselte mehrere Baureihen. Die von der Trump‑Administration geleitete EPA kündigte außerdem an, die Emissionsstandards von 2027 bis 2032 zu lockern.
Gleichzeitig entstehen neue Chancen: Hersteller von Batteriespeichern und Netzinfrastruktur erleben einen Boom. Denn während die Förderung für E-Autos endet, bleiben Anreize für große Stromspeicher bestehen. Ab 2026 greifen zudem strikte "Buy American"-Regeln für Energiegroßspeicher, die insbesondere chinesische Komponenten ausschließen. Für europäische Anbieter zählt künftig vor allem: lokale Präsenz.
US-weit fließen nun Milliarden in Speichertechnologien. LG Energy Solution eröffnete 2025 in Michigan eine Fertigung speziell für Lithium-Eisenphosphat (LFP)-Zellen zur Netzspeicherung, Fluence (ein Joint Venture von Siemens und AES) wächst, Tesla expandiert. Ford will das stillgelegte Werk in Kentucky ab 2027 für die Produktion von Speicherzellen umrüsten und jährlich rund 20 Gigawattstunden liefern, vor allem für Rechenzentren und Energieversorger.
Für deutsche Zulieferer eröffnet sich hier ein überraschendes Betätigungsfeld. Der Grund: Know-how aus der automobilen Elektrotechnik – Batteriemanagementsysteme, Leistungselektronik, Kühlsysteme – lässt sich auf Großspeicher übertragen. Unternehmen, die bislang Batteriekomponenten für Pkw fertigen, können diese Expertise nun in einen wachsenden Markt übertragen. Systemanbieter suchen verlässliche Zulieferer für elektrische Nebenaggregate, Steuerungs‑ und Kühlsysteme sowie Qualitätstechnik.
Allerdings gelten die gleichen strikten Vorgaben wie im E-Autobereich: Ohne lokale Produktion in den USA (oder enge Zusammenarbeit mit US-Partnern) ist ein Markteintritt schwierig. "Buy American"-Vorgaben und die Ausschlussregeln für bestimmte ausländische Anbieter (Foreign Entities of Concern/FEOC), etwa aus China, erzwingen eine US‑basierte Wertschöpfung. Für deutsche Unternehmen ist das ein deutlicher Hinweis, frühzeitig über Lokalisierungsmodelle, Joint Ventures oder eigene US‑Serviceeinheiten nachzudenken. Andernfalls bleiben ihnen große öffentliche Beschaffungsprogramme versperrt.
Kanada: Batterieoffensive mit Hindernissen
Kanada hat sich mit großzügigen Subventionen als Schlüsselspieler in der nordamerikanischen Wertschöpfungskette positioniert. In Ontario entstehen mit Volkswagen-PowerCo (St. Thomas) und Stellantis/LG (NextStar in Windsor) zwei der größten Batteriefabriken des Kontinents.
Doch es gibt Dämpfer: Honda hat eine angekündigte Milliardeninvestition in Ontario vertagt, offenbar wegen unsicherer Marktaussichten angesichts der US-Politik. Und ein großer koreanischer Batteriematerialhersteller hat den Bau einer Kathodenfabrik in Bécancour, Québec, pausiert – wegen abgekühlter E-Auto-Nachfrage und wachsender Überkapazitäten. Projekte, die 2022 noch optimistisch kalkuliert waren, stoßen 2025 auf Zurückhaltung.
Toyota setzt dagegen einen industriepolitisch relevanten Akzent: Der Konzern hat im Januar 2026 in Ontario die Produktion der sechsten, hybrid-exklusiven RAV4‑Generation aufgenommen und 0,8 Milliarden US$ investiert. Die Verlagerung der Batteriepackfertigung nach Kanada ist ein klares Signal für lokale Wertschöpfung trotz Unsicherheiten im Markt.
Für deutsche Unternehmen bleibt Kanada attraktiv: Die großen laufenden Projekte ziehen weiterhin Zulieferaufträge an, besonders in Automatisierung, Messtechnik, Fertigungstechnik, Prozesssteuerung und Anlagenbau. Siemens investiert 110 Millionen US$ in ein Zentrum für KI-gestützte Fertigungstechnik – ein Hinweis auf weiteres Wachstum.
Gleichzeitig gewinnen Recycling und Rohstoffaufbereitung an Bedeutung. Nordamerika wird in den kommenden Jahren Tausende Tonnen Altbatterien verarbeiten müssen – ein Bereich, in dem kanadische Pionierunternehmen wie LiCycle und Lithion schon früh aktiv waren. Für deutsche Spezialanbieter in Sensorik, Sortierung, Anlagenbau oder hydrometallurgischen Verfahren entstehen stabile Nischenmärkte.
Für deutsche KMU ergeben sich daraus klare Handlungsempfehlungen:
- Kanada bleibt trotz Rückschlägen ein attraktiver Hightech-Standort. Wer flexibel ist und sowohl batterielektrische als auch konventionelle Technologien anbietet, kann Chancen nutzen – etwa bei Hybridfahrzeugen oder Retrofit-Lösungen
- Lokalisierung ist entscheidend: Produktion oder Partnerschaften vor Ort sichern Marktzugang und USMCA-Konformität
- Neue Felder wie stationäre Speicher, Recycling und Rohstoffverarbeitung bieten Potenzial – gerade für spezialisierte deutsche Anbieter
Die USMCA-Überprüfung 2026 könnte neue Regeln bringen. Unternehmen sollten ihre Lieferketten frühzeitig anpassen und auf Compliance achten.
Mexiko: Gewinner des Nearshoring-Booms im Pausenmodus
Mexiko hat in den vergangenen Jahren kräftig vom Nearshoring-Trend und der Neuordnung der nordamerikanischen Lieferketten profitiert. Immer mehr Produktionen werden in das unmittelbare Umfeld der USA verlagert. BMW erweitert sein Werk im Bundesstaat San Luis Potosí für vollelektrische Modelle der kommenden "Neuen Klasse", inklusive Batteriemontage. Audi baut in Puebla ein Battery Pack Center, Volkswagen modernisiert Linien. Auch deutsche Zulieferer investieren weiter: Kirchhoff Automotive errichtet für 60 Millionen US$ ein Werk, Continental erweitert seine Elektronikfertigung.
Doch die US-Zollpolitik und die im Sommer 2026 anstehenden USMCA‑Neuverhandlungen sorgen zunehmend für Unsicherheit. In stark vom US-Markt abhängigen Branchen werden Investitionsentscheidungen zunehmend aufgeschoben.
Mexikos Standortvorteile – günstige Löhne, erfahrene Arbeitskräfte, US-Nähe
Sie machen das Land attraktiv für Zulieferer. Zwar ermöglicht das USMCA grundsätzlich zollfreien Zugang zum US‑Markt, doch die Einhaltung des komplexen regionalen Wertschöpfungsanteils (Regional Value Content/RVC) ist aufwendig. Viele Unternehmen zahlten daher zunächst lieber den moderaten 2,5‑Prozent‑Zoll nach WTO‑Meistbegünstigung (Most‑Favoured Nation/MFN), statt die Vorgaben vollständig abzubilden.
Seit 2025 wirken jedoch zusätzliche US‑Zölle: Die aktuelle Zollpolitik unterläuft den klassischen USMCA‑Mechanismus, weil amerikanische Importeure selbst bei USMCA‑konformen Fahrzeugen nur noch den US‑Anteil anrechnen dürfen, während der Rest des Fahrzeugwerts mit 25 Prozent belegt wird. Die MFN‑Zölle kommen hinzu.
Das erhöht den Druck auf Fahrzeughersteller und Zulieferer, ihre Lieferketten stärker zu lokalisieren – wer langfristig bestehen will, muss sowohl USMCA‑konform als auch zollrobust produzieren.
Nordamerika bleibt ein Markt mit großem Potenzial – bei wachsender Komplexität. Gefragt sind Portfolios, die Komponenten für Hybridantriebe ebenso abdecken wie Lösungen für stationäre Speicher, Automatisierung und Fertigungstechnik. Zugleich steigt der Druck, Wertschöpfungsschritte in den USA, Kanada oder Mexiko anzusiedeln, um USMCA‑Regeln und "Buy American"-Vorgaben zu erfüllen.