Die britische Kreislaufwirtschaft wird durch zahlreiche regulatorische Veränderungen modernisiert. Dabei wartet die Branche auf eine wichtige Wachstumsstrategie.
Die britische Regierung kommt beim Aufbau der Kreislaufwirtschaft nur langsam voran. In England lag die Recyclingquote 2024 bei 43,8 Prozent. Damit blieb sie deutlich unter dem politischen Ziel, die Recyclingrate bis 2035 auf 65 Prozent zu steigern.
Wachstumsstrategie für Recyclingsektor dringend erwartet
Die Branche wartet seit Monaten auf die Veröffentlichung des angekündigten Circular Economy Growth Plans. Er gilt als strategische Klammer für den Sektor.
65
%
soll die Recyclingquote 2035 betragen. Im Jahr 2024 verharrt sie noch bei 43,8 Prozent.
Nach Informationen des Department for Environment, Food and Rural Affairs (Defra) steht die Veröffentlichung kurz bevor. Der Plan soll neue Schwerpunkte setzen und gezielt Fördermittel für die Kreislaufwirtschaft mobilisieren.
Die weitere Verzögerung sorgt in der Branche für Kritik. Viele Unternehmen hätten sich frühzeitigere Klarheit über Prioritäten, Förderinstrumente und den langfristigen Infrastrukturbedarf gewünscht.
Die aktuellsten verfügbaren Daten des Department for Environment, Food and Rural Affairs (Defra) liegen erst für das Jahr 2020 vor.
Parallel erhöhen regulatorische Verschärfungen den Druck auf die Recyclingwirtschaft. Bis 2027 wird im gesamten Königreich ein Pfandsystem für Einweggetränkeverpackungen eingeführt. Gleichzeitig wird die Herstellerverantwortung für Verpackungen weiter verschärft.
Zudem gelten in England seit Ende März 2026 einheitliche Vorgaben für die Mülltrennung („Simpler Recycling“). Sie sollen das Recycling spürbar ausweiten. Kommunen, Entsorger und Industrie müssen deshalb in neue Systeme investieren. Das reicht von Pfandautomaten bis zu Sortier- und Aufbereitungsanlagen.
Recycling als politisches Ziel
Die Maßnahmen von Defra zielen klar auf höhere Recyclingquoten. Wertstoffe sollen länger im Wirtschaftskreislauf bleiben. Zudem soll die Abhängigkeit von Rohstoffimporten sinken und Emissionen sollen zurückgehen.
Vor diesem Hintergrund setzt die Regierung weniger auf freiwillige Maßnahmen als auf verbindliche Vorgaben. Regulierung wird damit zum zentralen Hebel. Sie treibt den Umbau der Kreislaufwirtschaft faktisch an, auch wenn der Circular Economy Growth Plan noch aussteht.
Verschärfung der Produzentenverantwortung für Verpackungen
Mit der reformierten Herstellerverantwortung für Verpackungen ("Packaging Extended Producer Responsibility (pEPR)") verlagert die Regierung die Kosten der Sammlung, Sortierung und Entsorgung seit April 2025 stärker auf die Verpackungshersteller.
Die daraus resultierenden Einnahmen fließen an Kommunen und verbessern deren finanzielle Spielräume. Für Entsorger und Anlagenbetreiber erhöht sich damit die Planungssicherheit – ein zentraler Faktor für Investitionen in moderne Sortier‑ und Recyclingtechnik.
Die daraus resultierenden Einnahmen fließen an Kommunen und verbessern deren finanzielle Spielräume. Für Entsorger und Anlagenbetreiber erhöht sich damit die Planungssicherheit. Das ist ein zentraler Faktor für Investitionen in moderne Sortier- und Recyclingtechnik.
Ab dem Haushaltsjahr 2026/27 soll ein materialspezifisches Gebührensystem zusätzliche Anreize für recyclingfreundliches Verpackungsdesign setzen. Dann wird die tonnenbasierte Abgabe für schwer recycelbares Material teurer.
Die Kommunen müssen das Geld, das sie über pEPR erhalten, zweckgebunden für eine verbesserte Verpackungsabfallsammlung und -verwertung verwenden. Die Regierung schätzt die jährlichen Einnahmen auf umgerechnet etwa 1,4 Milliarden Euro.
Angesichts der teilweise immensen kommunalen Defizite kommt der Mittelaufwuchs zur richtigen Zeit. Während einzelne Kommunen wie Stratford-on-Avon, Milton Keynes und South Oxfordshire Recyclingquoten von über 60 Prozent erreichen, stagniert der landesweite Durchschnitt seit Jahren.
Der Londoner Stadtteil Tower Hamlets sowie die großen Städte Birmingham und Liverpool bilden mit Quoten von 17,0 beziehungsweise 17,9 und 20,3 Prozent die Schlusslichter. Das liegt auch an der desolaten Finanzlage, vor allem in Birmingham. Konkrete, großflächige Investitionspläne der Kommunen sind noch nicht bekannt.
"Simpler Recycling"-Standardisierung erzwingt Umbau
Der Druck auf die kommunale Abfallwirtschaft steigt mit der Einführung einheitlicher Sammelvorgaben in England über die "Simpler Recycling"-Strategie zum 31. März 2026.
Sie treibt die Erhöhung der Recyclingquote und erfordert Investitionen in die Recyclinginfrastruktur. Dazu zählen klassische Recycling- und Sortierprojekte. Hinzu kommen Anlagen zur energetischen Abfallverwertung, zunehmend in Form von Waste-to-Hydrogen-Projekten. Beispiele sind geplante Anlagen in Manston (Kent) oder im Thames Freeport, die Abfälle zur Wasserstofferzeugung nutzen sollen.
Ausgewählte Investitionsprojekte in der Abfallwirtschaft im Vereinigten Königreichin Millionen Euro| Projekt/Akteur | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
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| Energie-Rückgewinnungsanlage; Tilbury Docks, East London; Akteur: Viridor | 457 | im Bau; Geplante Inbetriebnahme: 2028 | Die Anlage wird jährlich bis zu 350.000 Tonnen Restmüll verarbeiten, die erzeugte erneuerbare Energie soll den Bedarf von umgerechnet 93.000 Haushalten decken |
| Wasserstoff aus Abfallanlage; Tilbury Tax Site, Thames Freeport; Akteur: Chinook Hydrogen | 232 | in Planung | Produktion von bis zu 12 Tonnen CO2-negativem Wasserstoff pro Tag aus nicht recycelbaren Restabfällen |
| Wasserstoff aus Abfallanlage; Manston, Kent; Akteur: Hydrogen Transition Energy | 139 | in Planung | Umwandlung von Haushalts- und Gewerbeabfällen in sauberen Wasserstoff |
| Wasserstoff aus Abfallanlage; Ballymena, Nordirland | 35 | in Planung | Die Anlage soll bis zu 40 Tonnen nicht recycelbaren Abfall pro Tag umwandeln |
| Anaerobe Vergärungsanlage; Skipton, North Yorkshire; Akteur: Advanced Fuel Partners | 23 | in Planung | Die Anlage wird jährlich bis zu 144.000 Tonnen landwirtschaftliche Abfälle und Gülle verarbeiten, um daraus erneuerbares Biomethan für die Einspeisung in das nationale Gasnetz zu gewinnen. Die Anlage wird außerdem bis zu 90.000 Tonnen festen Gärrest und 50.000 Tonnen flüssigen Dünger sowie 17.000 Tonnen lebensmitteltaugliches Kohlendioxyd und 17.000 Tonnen Ammoniumsulfat produzieren |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Gleichzeitig ringt das Land noch mit seiner Ausrichtung. Mehr Recycling ist zwar das politische Ziel. Doch parallel entstehen weiterhin Projekte zur energetischen Abfallverwertung. Für deutsche Unternehmen eröffnet dieser Umbruch breite Marktchancen.
Einführung von Pfandsystem für Getränkeverpackungen im Herbst 2027
Ein weiterer Schritt für die Recyclingwirtschaft ist die Einführung des geplanten Pfandsystems für Einweg‑Getränkeverpackungen (Deposit Return Scheme, DRS).
Anders als in vielen EU-Staaten existiert im Königreich bislang keine flächendeckende Pfandinfrastruktur. Die Einführung des Pfandsystems in Schottland wurde mehrfach verschoben. Nun wird ein einheitlicher Start im gesamten Königreich zum 1. Oktober 2027 angestrebt.
Der Start des Systems erfordert erhebliche Investitionen: Rücknahmeautomaten im Einzelhandel sowie Zähl- und Sortieranlagen und eine angeschlossene Recyclinglogistik. Ziel sind Rücklaufquoten von über 90 Prozent und besonders saubere Materialströme, etwa für PET und Aluminium.
Von Marc Lehnfeld
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London