Wirtschaftsumfeld | Vietnam | Arbeitskräfte
Fachkräfte
Arbeitskräfte sind weiter reichlich vorhanden, aber regional gibt es Unterschiede. Fachkräfte sind dahingegen landesweit immer schwerer zu finden.
20.08.2025
Von Peter Buerstedde | Hanoi
Noch immer kann Vietnam mit vielen jungen Arbeitskräften trumpfen. Nach Prognosen des General Statistics Office of Vietnam (GSO) wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (16-64 Jahre) in den kommenden zehn Jahren um rund 490.000 Personen pro Jahr zulegen.
Gleichzeitig wandern weiter Menschen vom Land ab und ziehen in Städte, um Industrie- und Dienstleistungsberufen nachzugehen. Die Stadtbevölkerung soll nach Prognosen von GSO in den kommenden zehn Jahren um 1,8 Millionen Menschen pro Jahr anwachsen. Prozentual wird die urbane Bevölkerung von 41 auf dann 55 Prozent anwachsen.
Die Beschäftigtenzahlen sind nach der Coronakrise stetig angestiegen. Neue Jobs sind vor allem in den Bereichen Handel und Dienstleistungen entstanden, während sich Industrie und Bau nur langsam von einer Schwächephase seit 2023 erholen. Ein Einbruch der Nachfrage auf Auslandsmärkten hatte zu Entlassungen in den wichtigen Exportindustrien Textilien, Schuhe, Möbel und Elektronik geführt.
Im 1. Halbjahr 2025 sind gegenüber dem Vorjahreszeitraum 538.000 Jobs hinzugekommen. Handel und Dienstleistungen beschäftigten 523.000 Personen zusätzlich. In Industrie und Bau entstanden 259.000 Jobs, während die Landwirtschaft 244.000 Beschäftigte verlor.
Deutsche Unternehmer müssen regionalen Arbeitskräftepool im Blick haben
Auch wenn es landesweit genügend Arbeitskräfte gibt, kann die regionale Verfügbarkeit – sogar von ungelernten Mitarbeitern – ein Problem darstellen. Die Situation ist recht volatil. Derzeit ist es durch zahlreiche neue Fabrikeröffnungen in der Elektronik schwieriger, Mitarbeiter in Bac Ninh und Thai Nguyen zu finden. Diese beiden Regionen im Norden Vietnams sind Elektronikzentren.
Das starke Wachstum der Städte kann dazu führen, dass Fabriken in Stadtnähe schwieriger Mitarbeiter finden und halten können, weil die Menschen dort mehr Jobmöglichkeiten haben. Aber auch fernab der Zentren kann es schwierig sein, ausreichend Arbeitskräfte zu finden, weil vietnamesische Mitarbeitende weite Anfahrtswege scheuen. Deutsche Unternehmen müssen die lokale Verfügbarkeit von Arbeitskräften bei einer Ansiedlungsentscheidung berücksichtigen.
Unternehmen müssen zumeist selber ausbilden
Die Verfügbarkeit von ausgebildeten Fachkräften ist ein wachsendes Problem. Die verarbeitende Industrie – vorrangig die Bereiche Elektronik, Elektrotechnik sowie Automatisierung – sucht händeringend nach erfahrenen Mitarbeitenden und Führungskräften. Facharbeitskräfte in den Bereichen IT und Software sind besonders gefragt. In deutschen Produktionsstätten wird massiv nach technischem Personal und Ingenieuren gesucht. Auch im Dienstleistungsbereich und Verkauf, insbesondere in den Funktionen Kundendienst, Vertrieb, Marketing und Buchhaltung, mangelt es an Mitarbeitern.
In einer Umfrage unter japanischen Firmen, die ähnlich anspruchsvoll bei der Mitarbeitersuche sind wie deutsche Firmen, beklagten in Vietnam mehr Unternehmen Mitarbeiterengpässe als in Thailand, Kambodscha oder Indonesien. Deutlich schwerer hatten es japanische Firmen in Taiwan, Malaysia, Südkorea und den Philippinen.
Vietnam im weltweiten Vergleich |
Die Qualifikation potenzieller Kandidaten ist problematisch. Lediglich 29 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre verfügte im 2. Quartal 2025 über einen Ausbildungsstand, der über einen reinen Schulabschluss hinausgeht. Laut GSO sind rund 64 Prozent der Arbeitskräfte in informellen Arbeitsverhältnissen in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungsbereich beschäftigt, wo sie keinerlei Training erfahren. Zwar sind junge Arbeitskräfte technikaffin und mit guten mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundlagenkenntnissen ausgestattet. Allerdings hapert es an einer hinreichend praktisch orientierten Berufsausbildung.
Auch gut ausgebildete Fachkräfte verfügen häufig nicht über ausreichende Englischkenntnisse oder die in Unternehmen benötigten Kompetenzen wie Eigeninitiative und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Viele Firmen investieren daher eigenständig in die Aus- und Fortbildung ihrer Mitarbeiter. Dies ist auch ein gutes Mittel, um Mitarbeiter stärker an das Unternehmen zu binden und die Fluktuation zu verringern. Weil immer mehr chinesische Investoren ins Land kommen, suchen viele Unternehmen, darunter auch deutsche, derzeit vermehrt nach chinesischsprachigen Vertriebsmitarbeitern.
Die Deutsche Auslandshandelskammer in Vietnam (AHK Vietnam) fördert in Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen wie Bosch, Messer, B. Braun oder Schenker mit ihrem Programm Dual Vocational Training die berufliche Bildung und Ausbildung von Beschäftigten. Einrichtungen wie die Vietnamesisch-Deutsche Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt bilden in technischen Berufen aus. Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) engagiert sich im Bereich der Berufsausbildung.