Wirtschaftsumfeld | Vietnam | Wirtschaftsstruktur
Die exportorientierte Industrie bestimmt die Wirtschaftsstruktur
Vietnam gewinnt für deutsche Unternehmen an Attraktivität als Absatz- und Beschaffungsmarkt. Vor Ort produzierende, ausländische Exportgrößen dominieren weiter die Wirtschaft.
12.01.2026
Von Peter Buerstedde | Hanoi
Gerade im Rahmen ihrer "China Plus One"-Strategie bauen ausländische Firmen weiter Produktionsstätten in Vietnam auf. Damit profitieren sie von den – im regionalen Vergleich – geringen Löhnen, guten Investitionsbedingungen und vielen Freihandelsabkommen. Vor allem japanische, südkoreanische und taiwanische Firmen haben in den letzten Jahren Fabriken errichtet. Seit etwa drei Jahren ziehen verstärkt chinesische Investoren nach, um US-Strafzöllen zu entgehen und ihre Industriekunden im Land zu bedienen. Deutsche Investoren spielen eine vergleichsweise geringe Rolle und haben in den letzten fünf Jahren fünf bis zehn Fabriken pro Jahr eröffnet.
Vietnam ist zu einem der weltweit wichtigsten Produktionsstandorte für Elektronik, Kleidung, Schuhe und Möbel geworden. Mit einer Exportquote von mehr als 90 Prozent spielt die Ausfuhr eine bedeutende Rolle für die Wirtschaft. Dies macht das Land anfällig für globale Wirtschaftskrisen und Handelskonflikte. Gleichzeitig verstärken viele Unternehmen durch die wechselhafte Zollpolitik der USA ihre Diversifizierungsbemühungen. Daher erhält Vietnam weiter einen starken Zustrom an Investitionen, vor allem im Elektroniksektor.
Das Land wird als Absatz- und Beschaffungsmarkt zunehmend interessant für deutsche Firmen. In der wachsenden Mittelschicht haben deutsche Produkte einen sehr guten Ruf. Die deutschen Exporte nach Vietnam sind in den vergangenen zehn Jahren um 90 Prozent gestiegen. Mit 3,7 Milliarden Euro im Jahr 2024 fallen sie jedoch weiterhin deutlich geringer aus als die Importe aus Vietnam, die sich auf 15,3 Milliarden Euro beliefen.
Zahlreiche Freihandelsabkommen machen den Standort attraktiv. Das 2020 geschlossene Abkommen zwischen Vietnam und der EU verbessert den Marktzugang für deutsche Anbieter von Konsumgütern und begünstigt die Beschaffung von Waren aus Vietnam.
Die Regierung verfolgt den ehrgeizigen Plan, aus Vietnam bis 2045 eine Industrienation zu machen. Gleichzeitig ist das Land stark vom Klimawandel betroffen und hat sich hohe Ziele im Bereich Klimaschutz gesetzt. Besonders im Energiesektor sind große Investitionen erforderlich, um bis 2050 klimaneutral zu werden. Der Energiesektor hängt derzeit noch stark von der Kohleverstromung ab. Der Übergang zu Gas, Kernenergie und erneuerbaren Energien dürfte in den kommenden Jahrzehnten interessante Geschäftschancen eröffnen.
Gleiches gilt für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Die Vorbereitungen zum Bau zahlreicher neuer Bahn- und Metrolinien werden seit 2024 sehr viel aktiver verfolgt, weil sich die Regierung davon starke Impulse für das Wirtschaftswachstum erhofft.
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Hochmoderne Exporte treiben das Wirtschaftswachstum
Strukturell bestehen große Unterschiede in Vietnams Wirtschaft. Getrieben durch die Investitionen ostasiatischer – vor allem japanischer und südkoreanischer – Firmen, haben sich in Teilen hochmoderne Geschäfts- und Industriestrukturen etabliert. Diese Firmen produzieren größtenteils für den Export. Eine besondere Rolle spielen die Lieferketten von Samsung, Apple, LG und Canon, die ihre Präsenz im Land sukzessive ausgebaut haben. Einzelne große vietnamesische Privatkonglomerate wie Vingroup oder FPT sowie das Staatsunternehmen Viettel können, gerade in Hinblick auf Digitalisierung, international mithalten.
Kleine und mittlere lokale Unternehmen sind aber kaum in den Produktionskreislauf der ausländischen Exportgrößen integriert. Vietnamesischen Firmen fehlt es vielfach noch an Arbeitsproduktivität, technischer Ausstattung und Know-how, um für den Weltmarkt zu fertigen. Vor allem getrieben durch die ostasiatischen Investitionen entwickelt sich in manchen Bereichen jedoch langsam eine lokale Zulieferindustrie – etwa in der Metall- und Kunststoffverarbeitung sowie in der Elektronikbranche.
Verarbeitende Industrie gewinnt an Gewicht
Die Regierung hat 2025 ein breit angelegtes Reformprogramm angekündigt, um die Innovationskraft inländischer Firmen und das Investitionsumfeld zu verbessern. Der Ausgang ist ungewiss. Die Modernisierung staatlicher Industriegiganten kommt derweil nur schleppend voran.
Die Landwirtschaft hat zugunsten der verarbeitenden Industrie und dem Dienstleistungsbereich an Bedeutung für die vietnamesische Wirtschaft eingebüßt. Das verarbeitende Gewerbe legte von 21 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt 2015 auf 24 Prozent 2024 zu, während die Landwirtschaft von 15 auf 12 Prozent geschrumpft ist. Deutlicher ist die Verschiebung bei der Beschäftigung. Arbeiteten 2015 noch 44 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft, waren es 2024 nur noch 26 Prozent.
Sektoren | Anteil am BIP 2024 | Anteil an den Beschäftigten 2024 |
|---|---|---|
| Dienstleistungen | 40,3 | 37,5 |
| Verarbeitendes Gewerbe | 24,4 | 23,6 |
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 11,9 | 26,4 |
Bergbau (inklusive Öl- und Gasförderung) | 2,5 | 0,4 |
Baugewerbe | 6,0 | 8,9 |
Energieversorgung | 4,2 | 0,3 |
Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung und Beseitigung von Umweltverschmutzungen | 0,5 | 0,3 |
Staatliche Verwaltung und sonstige | 10,1 | 2,6 |
Nord- und Zentralvietnam ziehen mehr Investoren an
Vietnam verfügt über drei große Wirtschaftszentren. Der Süden rund um Ho-Chi-Minh-Stadt ist der wirtschaftliche Mittelpunkt des Landes. Jedoch sind die Löhne hier im Landesvergleich relativ hoch, es herrscht Platzmangel und auch der Zugang zu Häfen ist schwierig. Dennoch ist der Standort weiter beliebt bei deutschen Firmen. Der Norden um Hanoi und Haiphong hat in den vergangenen Jahren an Attraktivität gewonnen – vor allem für die Elektronik- und Kfz-Industrie. Sowohl der Tiefseehafen in Haiphong als auch gute Straßenverbindungen nach China binden die Region an die Weltmärkte an.
Ein drittes Zentrum bildet sich in Zentralvietnam rund um Da Nang und Hue heraus. Günstige Grundstückspreise und Löhne locken vor allem japanische, südkoreanische und US-amerikanische Firmen an. In den letzten Jahren haben auch mehr deutsche Firmen hier Fabriken errichtet. Das Mekong-Delta ganz im Süden ist die Kornkammer des Landes. Der Großteil der Reisproduktion geht in den Export. Zudem ist das Gebiet die Hauptregion für die Fischzucht.
Gebiet | BIP pro Kopf (in Euro) | Bevölkerung (in Mio.) |
|---|---|---|
| Südosten (Ho-Chi-Minh-Stadt, Dong Nai, Tay Ninh) | 6.840 | 21,2 |
| Delta des Roten Flusses (Hanoi, Haiphong, Bac Ninh, Hung Yen, Ninh Binh) | 5.520 | 25,0 |
| Da Nang | 3.667 | 2,8 |
Mekong Delta (Can Tho, An Giang, Ca Mau, Dong Thap, Vinh Long) | 2.015 | 21,2 |
| Vietnam insgesamt | 4.246 | 102,1 |