Start-Ups in Ägypten

Seit der Revolution wächst die Gründerkultur in Ägypten

Seit 2011 wird das Unternehmertum in Ägypten unter jungen Menschen populärer. Auch deutsche und europäische Akteure engagieren sich in der Förderung.

28.01.2019

Ägyptens Unterstützung für Jungunternehmer wächst

Seit der Revolution 2011 verzeichnet Ägypten eine wachsende Gründungs- und Innovationskultur. Während vorher der öffentliche Dienst mit seinen sicheren Arbeitsplätzen für viele Absolventen das angestrebte Ziel war, wird die unternehmerische Selbstverwirklichung zunehmend populärer. Der Global Entrepreneurship Monitor 2016/2017 (GEM) ermittelte, dass der soziale Status erfolgreicher Unternehmer und das Unternehmertum als Karriereoption in Ägypten einen besonders hohen Stellenwert genießen.

Kairo ist der lokale Dreh- und Angelpunkt für Start-ups und verfügt mit Abstand über das größte Ökosystem mit zahlreichen Inkubatoren. Schon seit 2010 fördert das staatliche Technology Innovation and Entrepreneurship Center (TIEC) die Informations- und Kommunikationstechnologiebranche und nimmt Jungunternehmen für ein Jahr unter seine Fittiche. Der Inkubator Injaz Egypt ist eine Nichtregierungsorganisation, die für drei bis sechs Monate Unternehmen beherbergt. Der Inkubator Gesr gehört zur Stiftung Misr el-Kheir und konzentriert sich auf Projekte in den Bereichen Wasser, Energie, Nahrungsmittel, Bildung und Gesundheit mit einer Unterstützungsdauer von sechs bis zwölf Monaten.

Bedaya wurde 2011 von der General Authority for Investment and Free Zones als Inkubator gegründet. Ziel ist es, jungen Unternehmen den Zugang zu finanziellen und anderweitig unterstützenden Dienstleistungen zu erleichtern. Das AUC Venture Lab war 2013 der erste Inkubator einer Universität in Ägypten, der American University in Kairo. Es richtet sich an Unternehmen in der Früh- und Wachstumsphase und verzichtet als nicht gewinnorientierter Inkubator auf Anteile an den Start-ups. Dass nicht nur in Kairo die Musik spielt, belegt ein neues Projekt in Suez mit technischem Fokus. Das Wagniskapitalunternehmen Innoventures, die Universität Suez und die Academy of Scientific Research and Technology (ASRT) planen einen "Start-up-Reaktor". Dieser ist Teil eines landesweiten Inkubatorprogramms der ASRT namens INTILAC.

Der Accelerator Flat6Labs plant ein gemeinsames Programm mit der europäischen Förderbank EBRD. Über einen Zeitraum von vier Jahren sollen Start-ups von praxisorientierten Workshops, spezialisierten Beratern und Aktivitäten zur Geschäftsplanung profitieren. Falak ist der Accelerator des staatlichen Programms Fekretak Sherketak (Deine Idee ist Dein Unternehmen), das junge Menschen und Unternehmertum fördert. An Falak ist auch die lokale Investmentbank EFG Hermes beteiligt.

Ein traditionsreicher Standort ist der Technologie- und Innovationspark GrEEK Campus, der bereits seit 1964 im Zentrum Kairos besteht. Enpact aus Berlin eröffnete hingegen erst im Mai 2018 ein „Start-up-Haus“ im lebendigen Downtown Cairo. Die Initiative wird unter anderem vom Auswärtigen Amt getragen und organisiert neben Räumlichkeiten auch Mentoringprogramme und Delegationsreisen. Die in verschiedenen Stadtteilen entstehenden Coworking Spaces bilden ebenfalls eine Basis für junge Unternehmen.

Noch 2016 landete Ägypten bei der staatlichen Unternehmensförderung lediglich auf Platz 56 von 65 Ländern im Global Entrepreneurship Monitor (GEM). Seitdem verstärkt sich das Engagement jedoch durch Initiativen wie Fekretat Sherketak. Die staatliche Information Technology Industry Development Agency (ITIDA) fördert kleine Unternehmen aus den Bereichen Softwaredesign und Elektronikfertigung durch Beratung und vergünstigte Kredite. Auch die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit ist aktiv und arbeitet im Rahmen der Stärkung des Privatsektors und von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mit jungen ägyptischen Firmen.

Für technologiebasierte Gründungen können auch Technologiezonen wie das Smart Village (mit Inkubatoren) oder der Cairo Technology Park in Kairo sowie die geplante Knowledge City in der neuen Verwaltungshauptstadt Anknüpfungspunkte bilden. Letztere soll aus Vertretungen ausländischer Universitäten, Forschungseinrichtungen und einem regionalen Softwareexportzentrum bestehen. Ägyptische Schulen sind bislang kein Hotspot unternehmerischer Bildung, wie Rang 64 von 65 im GEM 2016 unterstreicht.

Risikobereitschaft der Kapitalgeber wächst langsam

Der GEM 2016 sieht Ägypten bei der Unternehmensfinanzierung auf Platz 44 von 65 Ländern. Zu Beginn stützen sich Gründer oft auf Eigenkapital von Familien, Freunden und Bekannten. Einige bemängeln, dass sie klassische Bankkredite meistens erst dann ohne größere Hürden erhalten können, wenn das Unternehmen bereits mehrere Jahre erfolgreich arbeitet. Insbesondere der Weg bis dahin ist oft steinig, wenn Finanzmittel besonders dringend benötigt werden, aber nur schwer verfügbar sind.

Die Unterstützung für Start-ups in der Frühphase verbessert sich aber offenbar. Das Nachrichtenportal Enterprise berichtete von einem Finanzierungsrekord. In den ersten fünf Monaten 2018 vermeldeten zehn Unternehmen Investitionen von insgesamt 17,8 Millionen US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entsprach das einem Plus von rund 21 Prozent. In späteren Phasen stützen sich Finanzierungen oft auf Investoren aus der Region. Damit verbindet sich der Vorteil, dass diese auch Wissen über Märkte außerhalb von Ägypten besitzen.

Laut Forbes Middle East zielt der große internationale Wagniskapitalfonds und Accelerator „500 Startups“ verstärkt auf die MENA-Region (Middle East and North Africa) ab. Im Mai 2017 mobilisierte der Fonds erste 15 Millionen US$ zur Unterstützung junger Unternehmen in der Region. Cairo Angels als Netzwerk von Investoren in Kairo ist zu einer bekannten Adresse geworden. Ein auch in den Medien präsenter Angel-Investor in Ägypten ist Khaled Ismail. Sein Unternehmen KIAngel stellt Startkapital für Unternehmen bereit. Ismail legt besonderen Wert darauf, dass Gründer Gelegenheiten und den richtigen Zeitpunkt ausreichend berücksichtigen.

Häufig steht bei der Betrachtung von Start-ups die Finanzierungsfrage im Mittelpunkt. Neben den Finanzen sollte jedoch auch die Bedeutung von Mentoring und Beratung zu Themen wie Recht und Steuern nicht unterschätzt werden. Unternehmen sind mit vielen Fragen konfrontiert und können von erfahrenen Ratgebern sehr stark profitieren und verbreitete Fehler vermeiden. In der Anfangsphase ebenso berufserfahrenes wie auch bezahlbares Personal zu finden, stellt Gründer immer wieder vor eine knifflige Aufgabe. Entsprechend verzeichnen viele Unternehmen eine hohe Fluktuation.


Text: Oliver Idem

28.01.2019

In Ägypten spielen soziale Aspekte eine Rolle

Obwohl seit 2011 eine Gründungswelle durch Ägypten rollt, sind so gut wie keine Zahlen zu Start-ups verfügbar. Die Datenlage im Land ist auch allgemein eher schwierig. Diese Tatsache betrifft auch Vertreter neuer Unternehmen. Gründer haben vielfach Schwierigkeiten, an verfügbare, aktuelle und bezahlbare Informationen selbst zu ihrer eigenen Branche oder zur Konkurrenzsituation darin zu kommen. Eine oft zitierte Zahl ist ein Risiko von 80 bis 90 Prozent, mit einem Start-up zu scheitern.

Eindeutige Boombranchen für Gründer existieren in Ägypten nicht. Häufig fällt auf, dass junge Unternehmen Lücken schließen, die vom Markt oder Staat nicht ausgefüllt werden. Dieses gilt zum Beispiel bei Vergleichs-, Vermittlungs- oder Bewertungsportalen. In einem Land mit sehr unterschiedlich qualifizierten und dienstleistungsorientierten Handwerkern sind verlässliche Empfehlungen besonders wertvoll. Ähnliche Geschäftsideen beziehen sich auf die Suche nach guten Ärzten oder bewährten haushaltsnahen Dienstleistern. Die von einer niedrigen Basis aus wachsenden erneuerbaren Energien ziehen ebenfalls Start-ups an. Manche neuen Unternehmen stammen aus den Bereichen Technik und Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), andere sind in den Feldern Mode, Design und Kunsthandwerk aktiv.

Für die zumeist jungen Teams der neuen Unternehmen scheint außerdem der Themenkomplex Umwelt und Nachhaltigkeit eine größere Rolle zu spielen, als das insgesamt in Ägypten der Fall ist. Oft integrieren die Gründer soziale Ansätze ganz selbstverständlich, ohne sich als explizites „social start-up“ zu bezeichnen. Mit Aquaponiksystemen bezahlbare Nahrungsmittel ohne Pestizidrückstände zu erzeugen, in ländlichen Regionen handwerkliche Arbeitsplätze durch die Verarbeitung lokaler Rohstoffe zu schaffen oder entlegenen Orten durch dezentrale Solarlösungen erstmals elektrischen Strom zu bringen sind Beispiele für solche Ansätze. Die regionalen Gegensätze und die schwierige finanzielle Situation vieler Ägypter spornt viele Jungunternehmen dazu an, auch etwas für die Gesellschaft zu tun.

Kairo ist das Gründerzentrum

Obwohl Ideen in verschiedenen Landesteilen entstehen, ist Kairo die eindeutige Gründungshochburg in Ägypten. Ende 2015 kürte Forbes die Stadt sogar als einen der zehn Top-Standorte zur Gründung eines Start-ups. Zu dieser Bedeutung trägt sicher auch bei, dass die Stadt über bedeutende nationale und internationale Universitäten verfügt und das politische und wirtschaftliche Zentrum Ägyptens ist. Mit dem RiseUp Summit findet seit 2013 jährlich eine vielbeachtete Veranstaltung zu Unternehmertum und Innovation in Kairo statt.

Zu den am Markt erfolgreichen Start-ups zählt Instabug, eine Gründung von 2012. Das Unternehmen startete mit der Idee, Hinweise auf Programmierfehler einfach durch das Schütteln des Endgeräts zu übermitteln. Auch der 2008 gegründete mobile Bezahldienst Fawry zählt zu den bekanntesten Gründungen der vergangenen zehn Jahre. Fawry konnte früh finanzkräftige und erfahrene Partner gewinnen und ist heute mit 75.000 Servicepunkten in 300 ägyptischen Städten vertreten. Im Mai 2018 vereinbarte Fawry mit der Metrogesellschaft in Kairo, auch die Bezahlung von Fahrkarten online anzubieten. Für 2018 strebt das Unternehmen an, Transaktionen im Gesamtwert von rund 1,7 Milliarden Euro nach 1,2 Milliarden Euro im Vorjahr abzuwickeln.

In der noch jungen Solarbranche Ägyptens tauchen häufig die Namen zweier Start-ups auf. KarmSolar entstand 2011 und vermarktet Pump- und Bewässerungssysteme ebenso wie große netzgebundene oder Offgrid-Energiestationen. Das Tochterunternehmen KarmBuild fokussiert sich auf den energieeffizienten und nachhaltigen Gebäudebau. Solartechnik wird dabei bereits in das Gebäudedesign einbezogen. SolarizEgypt bietet Fotovoltaikgesamtlösungen an und finanziert, entwirft, installiert und betreibt entsprechende Anlagen. Das Unternehmen wurde 2013 gegründet. Erst im November 2017 ging die App Halan online. Das stark wachsende Start-up koordiniert Fahrgemeinschaften für Motorräder und Tuktuks. Laut eines Medienberichts verzeichnete Halan innerhalb der ersten Monate mehr als 100.000 Downloads und vermittelt täglich eine vierstellige Anzahl von Fahrten.


Text: Oliver Idem

28.01.2019

Großer ägyptischer Binnenmarkt lockt bislang kaum

Ägyptische Start-ups expandieren häufiger in neue Märkte, als dass ausländische Gründer den ägyptischen Markt anvisieren. Aufgrund des zwar großen Binnenmarktes mit fast 100 Millionen Einwohnern, aber geringer Kaufkraft orientieren sich etabliertere Start-ups gerne in Richtung Ausland. Insbesondere die Golfregion wirkt attraktiv durch eine höhere Kaufkraft sowie die sprachliche und kulturelle Nähe. Auch der europäische Binnenmarkt hat seine Anziehungskraft auf einige ägyptische Start-ups, zum Beispiel wenn es um Kooperationen bei Forschung, Entwicklung und Innovation geht.

Mehrere bekannte Jungunternehmen sind etwa fünf bis sechs Jahre auf dem ägyptischen Markt aktiv und visieren nun weitere Länder an oder sind dort bereits vertreten. Das Internetportal Vezeeta verknüpft Informationen über Arztpraxen mit Onlineterminbuchungen und Ärztebewertungen. Mittlerweile hat Vezeeta auch Büros in Jordanien, dem Libanon, Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten eröffnet. Laut Unternehmensangaben erfolgen monatlich 60.000 Buchungen bei 4.500 registrierten Praxen. Das Onlinepersonalbeschaffungsportal Wuzzuf expandiert in die Golfregion. Nach eigenen Angaben wurden bereits über 100.000 Arbeitsverträge über das Portal abgeschlossen. Derzeit orientieren sich die Betreiber der Fahrgemeinschaftsapp Swvl in Richtung Afrika/Nahost und Südostasien, um über Ägypten hinaus aktiv zu werden.

Ausländische Start-ups in Ägypten tauchen in den Medien und der allgemeinen Wahrnehmung kaum auf. Möglicherweise genießen bei regionalen Start-ups Märkte mit höherer Kaufkraft eine größere Priorität. Zwei allgemein erfolgreich expandierende ausländische Unternehmen in Ägypten sind Uber und Careem. Beide bieten Mitfahrmöglichkeiten an. Careem entstand 2012 in Dubai, und Uber wurde bereits 2009 in den USA gegründet.

Das Angebot der beiden Unternehmen trifft gleich in mehrfacher Hinsicht einen Nerv in Ägypten. Seit mehreren Jahren baut der Staat Kraftstoffsubventionen ab und das ägyptische Pfund hat stark abgewertet. Entsprechend verteuerten sich der Kauf, die Wartung und der Betrieb von Fahrzeugen. Hinzu kommt ein nicht den Bedarf deckender öffentlicher Nahverkehr. Um zeitnah zu einem Ziel zu gelangen, ist das Auto vielfach die einzige Option. Uber und Careem bieten sowohl Autobesitzern die Möglichkeit eines Hinzuverdienstes als auch den Mitfahrern günstige Fahrten. Nach Protesten von Taxifahrern wurde im Frühjahr 2018 ein gesetzlicher Rahmen für die Mitfahrdienste abgesteckt.


Text: Oliver Idem

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