Special | Ägypten | Wasser - Die knappe Ressource
Ägyptens Bevölkerung wächst – und der Bedarf an Wasser
Der Ausbau der Infrastruktur in Ägyptens Wassersektor erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. Deutschen Anbietern öffnet sich ein weites Betätigungsfeld.
30.04.2026
Von Sherif Rohayem, Marcus Knupp | Kairo
Ägyptens Trinkwasserversorgung basiert hauptsächlich auf dem Nil. Es gibt zwar einige Grundwasserreservoirs, jedoch sind diese endlich. Ebenso regnet es in dem Land, dessen Fläche zu 95 Prozent aus Wüste besteht, an nur wenigen Tagen im Jahr. Die Abhängigkeit von nur einem Fluss, mag er auch der längste der Welt sein, ist ein reales Klumpenrisiko: Angesichts eines Angebots von circa 530 Kubikmetern pro Kopf und Jahr herrscht in Ägypten laut der Definition der Vereinten Nationen Wasserknappheit.
Versorgung mit Trinkwasser steht auf der Kippe
Und diese Wasserknappheit verschärft sich – vor allem aufgrund des Bevölkerungswachstums von 1,7 Prozent im Jahr. Hinzu kommen externe Entwicklungen wie die Erderwärmung, die mehr Nilwasser auf seinem Weg nach Ägypten verdunsten lässt, oder Äthiopiens Grand Renaissance-Staudamm. Das Auffüllen dieses Stausees im Ursprungsland des Blauen Nils gräbt Ägypten buchstäblich das Wasser ab. Für politischen Streit sorgt, dass Äthiopien den Stausee auffüllt, ohne sich mit den nilabwärts liegenden Ländern Ägypten und Sudan auf eine Auffüllgeschwindigkeit zu einigen.
Fast alle Menschen in Ägypten haben Zugang zu Trinkwasser: 100 Prozent der städtischen Haushalte sowie 93 Prozent der ländlichen Haushalte verfügen über einen Leitungswasseranschluss. Das Leitungsnetz ist aber veraltet. Einige Rohre sind schon 100 Jahre alt, so Mamduh Raslan von der Holding Company for Water and Waste Water (HCWW), einem Staatsunternehmen des ägyptischen Ministeriums für Wohnungsbau, Dienstleistungen und städtische Gemeinschaften.
Viele Leitungen haben Lecks. Zu Wasserverlusten kommt es auch infolge illegaler Umleitungen, die an den Rohren angebracht werden. Zudem rechnen die 25 kommunalen Versorger (Water Companies), die unter dem Dach der HCWW stehen, den Wasserverbrauch nicht flächendeckend ab. Diese technischen und kommerziellen Wasserverluste summieren sich auf geschätzte 30 Prozent.
Wasserversorger können ihre Kosten nicht decken
Die den Wasserverlusten zugrunde liegenden Missstände liegen zum Teil am Investitionsdefizit in Ägyptens Wasser- und Abwassersektor. Grund für dieses Defizit wiederum ist die dünne Finanzdecke der HCWW und der 25 Water Companies. Denn selbst wenn die Versorger das Trink- und Abwasser abrechnen, sind die Tarife stark subventioniert. Bei einem Bevölkerungsanteil von rund einem Drittel unterhalb der Armutsgrenze und einer Inflationsrate von 14 Prozent (2025) folgt die Subventionierung von Trinkwasser einem naheliegenden, sozialpolitischen Kalkül.
Neben Energie und Transport zählt der Wassersektor zu den Investitionsschwerpunkten der ägyptischen Regierung. Dabei klafft eine Lücke, trotz geplanter staatlicher Ausgaben von 50 Milliarden US-Dollar (US$) allein für den Wassersektor im Zeitraum 2017 bis 2037. Um diese zu schließen, erhält Ägypten Hilfe von Gebern – hauptsächlich aus Deutschland, Japan, den USA, der EU sowie von der Weltbank.
Wasserversorgung in neuen Städten durch private Investoren
Als weiteren Baustein für die Finanzierung der kommunalen Wasserinfrastruktur hat die ägyptische Regierung private Investoren vorgesehen. Die New Urban Communities Authority baut für Ägyptens wachsende Bevölkerung gegenwärtig über 20 neue Städte. Anstelle der Water Companies betreiben und finanzieren in den neuen Zentren Privatunternehmen die Wasser- und Abwasserinfrastruktur, und zwar auf Basis von öffentlich-privaten Partnerschaften.
Deutsche Konkurrenz kommt auch aus Europa
Wegen der hohen Priorisierung der Wasserinfrastruktur bietet der Sektor Ausrüstern und Planern ein breites Betätigungsfeld, auch in Krisenzeiten. Obwohl Ägypten allgemein ein sogenannter Preismarkt ist, sind auch deutsche Unternehmen erfolgreich, weil sie ihre Kunden vor allem mit Technik überzeugen. Gerade in der Wasserinfrastruktur legen ägyptische Käufer bei der Auswahl der Ausrüstung großen Wert auf Effizienz und Verlässlichkeit. Allerdings: Insbesondere italienische und spanische Firmen konkurrieren stark mit deutschen Anbietern. In Ägypten ist häufig ein Satz zu hören: Nicht gute Qualität ist gefragt, sondern Qualität, die gut genug ist.
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Wir haben besonders aussichtsreiche Wassermärkte in Lateinamerika, Asien, Afrika und Europa unter die Lupe genommen. Alle Länderanalysen finden Sie auf unserer Seite zum Wassersektor.
Inzwischen haben deutsche Unternehmen aber auch günstigere Lösungen in petto. So bieten einige Firmen ihren Kunden an, Ausrüstung zu leasen. Ebenso kümmern sich Lieferanten um die Finanzierung, indem sie etwa die Fördergelder bei Gebern beantragen. Auch das Vorurteil vom schlechten deutschen Verkäufer lässt sich nicht halten. Und deutsche Anbieter genießen in Ägypten einen großen Vertrauensvorschuss.
Abwasserbehandlung nicht flächendeckend
Im Kontrast zu den Ballungsräumen steht das strukturschwache Oberägypten. So sind die ländlichen Gegenden trotz großer Ausbau-Anstrengungen mit einer Anschlussquote der Haushalte an das Abwassernetz von rund 60 Prozent noch unterversorgt. Zur Entwicklung der strukturschwachen Regionen hat Ägyptens Regierung die Initiative Haya Kareema (Würdiges Leben) ins Leben gerufen. Unter anderem sollen in Oberägypten über 300 neue Kläranlagen gebaut werden.
Die Industrie leitet ihr Abwasser in Ägypten häufig ohne Aufbereitung in den Nil. Peter Riad, Branchenexperte beim deutschen Wirtschaftsnetzwerk Afrika, sieht auf diesem technologisch anspruchsvollen Gebiet gute Auftragschancen für deutsche Anbieter, insbesondere bei der Verwertung von Klärschlamm. Riad verweist auf Pläne der Regierung, jährlich 3 Millionen Tonnen Klärschlamm in Biokraftstoff und Dünger umzuwandeln.
Ägypten erschließt neue Wasserquellen
Um neue Wasserquellen zu erschließen, investiert Ägypten große Summen in die Wiederverwendung von Abwasser. Die Landwirtschaft verbraucht mit Abstand das meiste Wasser und produziert zugleich viel Abwasser. In den vergangenen Jahren hat die ägyptische Regierung für Milliardenbeträge Anlagen zur Wiederaufbereitung von landwirtschaftlichem Abwasser gebaut: unter anderem Bahr El Baqar östlich von Port Said mit einer Kapazität von täglich 5,6 Millionen Kubikmetern oder El Hammam westlich des Nildeltas (7,5 Millionen Kubikmeter).
Daneben will die Regierung die Wasserentsalzung stark ausbauen. Der Krieg im Nahen Osten und die gestiegenen Preise für Energie wirken sich hier direkt aus, da Entsalzungsanlagen sehr energieintensiv im Betrieb sind, wie Riad ausführt. Derzeit existieren in Ägypten über 100 solcher Anlagen, die pro Tag circa 1,2 Millionen Kubikmeter Wasser entsalzen. Ziel ist es, diese Menge bis 2050 auf 8,85 Millionen Kubikmeter zu steigern. Öffentlich-private Partnerschaften sollen bei der Umsetzung helfen.
Steigende Energiekosten treiben die Betriebskosten der Anlagen nach oben, so Riad weiter. Sie können die Wassertarife erhöhen und Projekte verzögern. Ägypten ist jedoch auf zusätzliche Anlagen angewiesen, um Versorgungslücken zu schließen. Entsprechend gefragt sind Technologien aus Deutschland. Sie können den geplanten Ausbau stabilisieren und die Wasserversorgung widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks machen. Dazu zählen unter anderem Technik für eine effizientere Wasserbehandlung, Membranverfahren und erneuerbare Energien.
Zuständigkeiten im ägyptischen Wassersektor
Das Ministry of Housing, Utilities and Urban Communities ist zuständig für kommunale Wasser- und Abwasserversorgung mit den untergeordneten Organisationen:
Holding Company for Water and Waste Water sowie Water Companies
Das Ministry of Water Resources and Irrigation verwaltet das Nilwasser und andere Wasserquellen.