Wachsende Weltbevölkerung, neue Nischenprodukte und Märkte – die Landwirtschaft profitiert von vielen Trends. Herausforderungen bergen Klimawandel, Irankrieg und die Infrastruktur.
Die argentinische Agroindustrie ist mit Rekordzahlen ins Jahr 2026 gestartet. Allein im Januar verkaufte der Sektor Waren im Wert von 4,2 Milliarden US-Dollar (US$) ins Ausland. Das waren 18 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, so das Wirtschaftsministerium. Hintergrund ist auch die hervorragende Ernte, die die Erzeuger in der Saison 2025/26 einbringen konnten.
2 bis 3
%
der weltweiten Agrarexporte stammen aus Argentinien.
Abgesehen von Rekordexporten von Produkten wie Rindfleisch oder Gerste betont das Ministerium in seiner Meldung die Entwicklung kleinerer Nischen mit Monatsumsätzen von unter 5 Millionen US$. Seit sieben Jahren verzeichnen beispielsweise Oregano (kumulatives Plus: 910 Prozent) und gefrorene Schweineinnereien (+488 Prozent) einen Aufwärtstrend. Nicht nur das Angebotsportfolio, auch die Abnehmerstruktur wird breiter. Zu den wichtigsten Kunden zählen derzeit Vietnam, Indonesien, Bangladesch, Brasilien, Indien und China.
Das Produktionsniveau hat selbst die optimistischsten Prognosen übertroffen. 'Free-on-board' (fob), das heißt ohne Transport- und Versicherungskosten, ist argentinischer Weizen der wettbewerbsfähigste auf dem Weltmarkt.
Matías Contardi
Marktanalyst an der Bolsa de Comercio de Rosario
Positive Impulse aus Weltnachfrage und Abkommen mit den USA
Die weltweit zunehmende Nachfrage nach Agrarprodukten kommt Argentinien zusätzlich zugute. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und des steigenden Fleischkonsums gehen die Marktforscher von Business Research Company von einem jährlichen Zuwachs des globalen Agrarmarktes von durchschnittlich 6,7 Prozent von 2026 bis 2035 aus. Argentinien kann daran teilhaben. Das Land verfügt über hervorragende Böden, große Flächen und ein günstiges Klima. Und seine Landwirte arbeiten effizient und flexibel und setzen auf moderne Technologien.
Weitere Impulse erhofft sich Argentinien von dem am 6. Februar 2026 unterzeichneten U.S.-Argentina Agreement on Reciprocal Trade and Investment (ARTI). Es beinhaltet für den Pampasstaat eine massive Erhöhung des zollbegünstigten Rindfleischkontingents in die USA von 20.000 auf 100.000 Tonnen. Dies soll 2026 Mehreinnahmen von rund 800 Millionen US$ in die Kassen des devisenklammen Landes spülen. Darüber hinaus enthält das ARTI:
- Zollfreiheit für 1.675 argentinische Exportgüter, viele davon aus dem Agrarbereich,
- Finanzierungs- und Investitionsprogramme der USA zugunsten kritischer Sektoren einschließlich der Agrarindustrie,
- günstigere US-Landtechnik und Agrarchemie durch Zollsenkungen.
In dieser Hinsicht gestaltet sich das EU-Mercosur-Abkommen weniger spektakulär.
Was das EU-Mercosur-Abkommen für argentinische Steaks bedeutet:
Rindfleischimporte aus den Mercosur‑Ländern Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay in die EU unterliegen je nach Produkt einem Zollsatz von 45 bis 50 Prozent. In dem Abkommen räumt die EU den Mercosur‑Staaten ein Importkontingent von 99.000 Tonnen Rindfleisch zu einem reduzierten Zollsatz von 7,5 Prozent ein. Davon entfallen auf Argentinien 30 Prozent (29.700 Tonnen).
Insgesamt lag die Rindfleischproduktion in den Mercosur-Staaten 2023 bei 15,5 Millionen Tonnen. Die Quote von 99.000 Tonnen entspricht damit 0,6 Prozent der Mercosur‑Produktion, so ein Factsheet der EU-Kommission. Umgelegt auf die rund 450 Millionen Bürger der EU entspricht dies 220 Gramm Rindfleisch pro Kopf.
Mehr Informationen rund um das EU-Mercosur-Abkommen finden Sie auf der GTAI-Sonderseite.
Klimaveränderungen beeinflussen Kaufverhalten
Doch bei aller Euphorie ist die Lage der Landwirtschaft nicht ungetrübt. Ein Grund hierfür sind Extremwetterlagen, denen der Sektor regelmäßig ausgesetzt ist. Zuletzt verwüsteten im Februar 2026 heftige Stürme 400.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Dafür brachten die Stürme wieder Regen, nach wochenlangem Wassermangel der bereits zu massiven Ertragsverlusten geführt hatte. Mit Blick auf den Klimawandel dürften sich solche Ereignisse künftig häufen – und die Bauern stellen sich darauf ein:
- Schon heute werden etwa 80 bis 90 Prozent der Felder in Direktsaat bestellt; das heißt, der Boden wird vor der Aussaat nicht aufgebrochen. Dies senkt die Bodenerosion erheblich. Künftig dürften solche bodenschonenderen Verfahren eine noch größere Rolle spielen.
- So beobachtet der Landmaschinenhersteller Claas eine steigende Nachfrage nach Raupen- beziehungsweise Kettenfahrzeugen, weil diese auch auf nassen Flächen eingesetzt werden können und den Boden weniger verdichten. Auch Schnelligkeit dürfte künftig eine größere Rolle spielen, wenn sich die Zeitfenster, in denen geerntet werden kann, verkleinern.
- Angesichts steigender Temperaturen und zunehmender Dürren wird die Nachfrage nach Pumpsystemen und Bewässerungsanlagen steigen. Einem Bericht der U.S. International Trade Administration von 2023 zufolge werden in Argentinien rund 5 Prozent der bewirtschafteten Fläche, also knapp 2 Millionen Hektar, künstlich bewässert.
Intelligente Lösungen für künstliche Bewässerung gesucht
Künstliche Bewässerung in Argentinien hat ihre Tücken. Laut der UN-Organisation FAO zählt das Land zu den zehn Staaten, in denen rund 70 Prozent der weltweit salzbelasteten Böden liegen. In bewässerten Agrarregionen wie Mendoza oder San Juan zeigt sich bereits eine deutliche Bodenverschlechterung, verursacht durch übermäßige Bewässerung und fehlende Drainage.
Zwar steigt die Nachfrage nach Präzisionsbewässerung, künftig dürfte sie jedoch noch stärker zulegen – ebenso wie der Bedarf an Drainagemanagement, digitalen Überwachungssystemen und angepassten Pflanzenarten.
Hinzu kommt die Bewässerung mit arsenhaltigem Grundwasser, etwa in den Provinzen La Pampa, Buenos Aires oder Córdoba. Reichert sich das Arsen in Nahrungspflanzen an, entstehen Gesundheitsrisiken. Technisch ließe sich das Problem durch Umkehrosmose mindern, doch das Verfahren ist teuer und energieintensiv – und die Entsorgung des entfernten Arsens bislang ungelöst.
Mehr Informationen rund um die Themen Wasserwirtschaft und Bewässerung finden Sie in unserem GTAI-Special.
Iran-Krieg wirkt bis Südamerika
Generell gehen wir davon aus, dass der Anstieg der Preise für Treibstoff und für Düngemittel infolge des Irankrieges höher sein wird, als der Anstieg der Nahrungsmittelpreise. Dies wird die Rentabilität deutlich verschlechtern.
Matías Contardi
Analyst an der Bolsa de Comercio de Rosario
Weiterer Gegenwind kommt vom Krieg im Nahen Osten: Höhere Preise für Diesel und Düngemittel treffen die Bauern direkt. Hinzu kommen die steigenden Kosten für den ohnehin schon teuren Transport.
Argentinien ist stark von Düngemittelimporten abhängig. Im Jahr 2025 importierte das Land rund 4,1 Millionen Tonnen, 28 Prozent mehr als 2024. Der Gesamtverbrauch lag 2025 bei 5,1 Millionen Tonnen, so die Handelsbörse von Rosario. Wertmäßig bezieht Argentinien fast 30 Prozent der Düngemittel aus dem Nahen Osten und 13 Prozent aus Russland.
Zwar dürfte der globale Preissprung für Düngemittel bisher noch nicht bei den Landwirten angekommen sein. Denn für die nächste große Aussaat von Weizen im Mai sollten die Bauern die Düngemittel bereits – und noch zu alten Preisen – gekauft haben, so eine Branchenexpertin. "Interessant wird es ab September (Sojaaussaat) und Oktober (Sonnenblumen). Ob diese dann von der Düngemittelpreiserhöhung betroffen sind, hängt davon ab, wie lange die Straße von Hormus geschlossen bleibt, und welches Ausmaß die Zerstörung an der Infrastruktur in den betroffenen Ländern hat."
Besonders deutlich zeigt sich die Problematik im Transportsektor – nicht nur auf den oft tausende Kilometer langen Seewegen zu den Abnehmermärkten, sondern auch im Binnentransport. Bereits vor dem Krieg schmälerten hohe Logistikkosten die Rentabilität, steigende Erdölpreise haben die Lage weiter verschärft. Argentinien ist ein riesiges Land mit schwach ausgebauter Infrastruktur. So koste der Lkw‑Transport einer Tonne Weizen vom Feld bis zum Hafen etwa so viel wie der anschließende Seetransport bis nach Vietnam, sagt Gustavo Idígoras, Präsident der Kammer der Ölsaaten‑Industrie CIARA.
Mit Fortdauern des Konfliktes im Nahen Osten könnte sich die hohe Distanz von den Krisenherden jedoch auch positiv auswirken, hoffen Branchenvertreter. "Immerhin sind wir hier sicher."
Investitionen rund um die Landwirtschaft| Thema | Situation | Projekte |
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| Düngemittel | Mit rund 2,1 Millionen Tonnen entfallen mehr als die Hälfte der argentinischen Düngemittelimporte auf stickstoffbasierte Produkte wie Harnstoff (Urea). Ein Ausbau der Harnstoff‑ und Düngemittelproduktion würde die Versorgungssicherheit erhöhen. | Im 1. Quartal 2026 beantragte der argentinische Erdöl- und Stromkonzern Pampa Energía einen multilateralen Kredit über 1,5 Milliarden US$ zum Bau einer Harnstoffanlage auf Gasbasis. Zudem prüft Profertil, bislang der einzige Harnstoffproduzent des Landes, ein Erweiterungsprojekt. Die Anlage in der Provinz Buenos Aires produziert derzeit jährlich rund 1,3 Millionen Tonnen granulierten Harnstoff sowie 790.000 Tonnen Ammoniak. |
| Logistik/Infrastruktur: Eisenbahn | Unterentwickelte Eisenbahninfrastruktur | Kurzfristig ist mit der Ausschreibung von fünf Eisenbahnlinien zu rechnen. Zwei davon sollen die Agrarzentren Santa Fe und Córdoba mit den Exporthäfen in Rosario verbinden, eine weitere von Rosario nach Norden Richtung Paraguay und Brasilien führen. Nach Angaben der Ölsaaten‑Kammer CIARA hat sich bereits ein Konsortium aus landwirtschaftlichen Produzenten und Branchenunternehmen wie Louis Dreyfus formiert, das sich beteiligen will. |
| Logistik/Infrastruktur: Schiffstransport | Derzeit können Schiffe den Hafen Rosario am Paraná nicht voll beladen verlassen, da die Fahrrinne versandet ist. Der Paraná ist die wichtigste Exportroute für Argentiniens Agrarprodukte. Eine Vertiefung der Fahrrinne soll den Einsatz von Schiffen der Panamax‑Klasse ermöglichen und die Logistikkosten senken. | Seit November 2023 läuft die Ausschreibung für eine auf 30 Jahre angelegte Konzession zur Vertiefung des Paraná. Die Entscheidung wird für Mai 2026 erwartet, könnte sich jedoch verzögern: Der bisherige Betreiber Jan de Nul aus Belgien steht im Verdacht, durch die Ausschreibungsbedingungen begünstigt zu sein, weshalb Konkurrenten wie DEME geklagt haben. Ziel ist eine Vertiefung auf mindestens 39 bis 40 Fuß (11,9 bis 12,2 Meter; derzeit rund 34 Fuß). |
Quelle: BNAmericas 2026; Cámara de la Industria Aceitera de la República Argentina (CIARA; Kammer der Ölsaaten-Branche) 2026; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026