Wirtschaftsausblick I Armenien
Wachstumstrend in Armenien hält an, Sondereffekte klingen ab
Für Armeniens Wirtschaft wird ein jährliches Wachstum von 5 bis 6 Prozent erwartet. Die Entwicklung stützt sich auf Dienstleistungen und Bau sowie auf Konsum und Investitionen.
19.06.2026
Von Uwe Strohbach | Eriwan
Top-Thema: Steuererleichterungen stärken Armeniens Hightechindustrie
Armenien fördert seit 2025 verstärkt Hightechprojekte. Das Förderpaket ist auf sieben Jahre angelegt. Der Branchenumsatz soll bis 2031 auf rund 6 Milliarden US-Dollar (US$) steigen. Das entspricht mehr als einer Verdopplung gegenüber 2025.
Das Programm sieht umfassende Steuererleichterungen vor. Unternehmen, die ausländische Fachkräfte oder Quereinsteigende beschäftigen, erhalten 60 Prozent der Lohnsteuer zurück. Auch die Forschung profitiert von zusätzlichen Steueranreizen. Die Initiative umfasst 32 Hightechsparten, darunter IT, Elektronik, Medizintechnik und unbemannte Systeme.
Wirtschaftsentwicklung: Konjunktur bleibt robust trotz abklingender Sondereffekte
Für 2026 und 2027 wird ein stabiles Wirtschaftswachstum von rund 5 bis 7 Prozent erwartet. Zwischen 2022 und 2025 wuchs die Wirtschaft im Schnitt um 8,5 Prozent. Der Anstieg beruhte auf Sondereffekten des Russland-Ukraine-Kriegs. Das Wachstum normalisiert sich inzwischen.
Konjunkturtreiber bleibt die starke Binnennachfrage. Dienstleistungen wachsen 2026 und 2027 um rund 7 Prozent. Bau und Investitionen legen um 15 Prozent oder mehr zu. Industrie und Landwirtschaft wachsen um etwa 4 Prozent. Wichtige Impulse kommen aus den Bereichen Finanzen, IKT, Immobilien und unternehmensnahe Dienstleistungen.
Das 2025 durch Vermittlung der USA geschlossene Abkommen mit Aserbaidschan stärkt Armeniens Rolle im Mittleren Korridor. Die Regierung orientiert sich stärker an der EU und den USA aus. Neue Logistikprojekte sind geplant.
Trotz positiver Aussichten fehlen weiterhin Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum und Diversifizierung. Zudem bestehen Risiken. Der prowestliche Kurs stößt in Russland zunehmend auf Kritik. Moskau erwägt, vergünstigte Lieferverträge für Erdgas, Ölprodukte und Rohdiamanten zu beenden. Dies hätte potenziell erheblichen Folgen für Armenien.
Hohe Investitionen in Infrastruktur und Schlüsselbranchen
Die Investitionen bleiben 2026/2027 mit jeweils über 7 Milliarden US$ hoch. Das entspricht mehr als dem Dreifachen des Wertes von 2019. Jährlich fließen mehr als 2 Milliarden US$ in die Infrastruktur.
Der Privatsektor investiert in ein großes KI-Datenzentrum, den Wohnungsbau sowie in Tourismus-, Freizeit- und Sporteinrichtungen. Zudem steigt die Kapitalzufuhr in die Landwirtschaft, insbesondere in Gewächshäuser und die Tierzucht. Wichtige Investitionsfelder bleiben außerdem die Modernisierung der Gas- und Stromverteilungsnetze.
Konsum zieht an – Tourismus als bedeutender Hoffnungsträger
Der private Konsum dürfte 2026 und 2027 weiter zulegen. Er bleibt ein zentraler Wachstumstreiber.
Eine Armutsquote von 22 Prozent und eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent sowie niedrige monatliche Bruttolöhne von durchschnittlich 780 US$ im Jahr 2025 begrenzen jedoch das das Konsumniveau.
Rund zwei Drittel der privaten Ausgaben entfallen auf Lebensmittel, etwa ein Viertel auf kommunale Dienstleistungen. Für andere Ausgaben bleibt entsprechend wenig Spielraum.
Für zusätzliche Umsätze im Handel und im Dienstleistungssektor sorgt der weiter wachsende Tourismus. Das Komitee für Tourismus erwartet für 2026 rund 3 Millionen ausländische Besucher. Im Jahr 2025 waren es 2,3 Millionen.
Warenimporte legen 2026 und 2027 deutlich zu
Nach einem Boom normalisiert sich der Außenhandel. Der starke Anstieg zwischen 2022 und 2024 beruhte vor allem auf Reimporten und -exporten sowie auf Transithandelsgeschäften mit Edelsteinen und Gold. Über Armenien verliefen diese zwischen Russland, Indien, Hongkong auf Seiten der Einfuhr sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) auf Seiten der Wiederausfuhr. Neue Zollregeln der Eurasischen Wirtschaftsunion begrenzen solche Geschäfte seit 2025 deutlich.
Marktbeobachter erwarten für 2026 und 2027 einen Anstieg der Warenimporte um jeweils rund 15 Prozent. Treiber ist die steigende Nachfrage nach Investitionsgütern für öffentliche und private Projekte.
Die Warenexporte dürften 2026 um etwa 10 Prozent und 2027 um bis zu 18 Prozent zulegen. Impulse liefern höhere Ausfuhren von Metallen und Metallerzeugnissen sowie ein verstärktes Liefergeschäft von Teilen der verarbeitenden Industrie.
Zu den wichtigsten Einfuhrgütern zählten 2025 Maschinen und Ausrüstungen im Wert von 2,6 Milliarden US$. Wichtige Lieferländer Armeniens sind Russland, China, Georgien, Iran und Deutschland. Wichtige Exportmärkte sind Russland, die VAE und China.
Deutsche Perspektive: Geschäftschancen in Nischenmärkten
Trotz der begrenzten Marktgröße bietet Armenien Liefer- und Kooperationschancen für deutsche Unternehmen. Diese ergeben sich insbesondere beim Ausbau der Infrastruktur in den Bereichen Energieversorgung, Wasser- und Abwasserwirtschaft sowie Verkehr. Dazu gehören der Straßenbau sowie der Ausbau und die Modernisierung der Metro und des Flughafens in Eriwan. Bei der Planung neuer Wasserspeicher greift Armenien gezielt auf ausländisches Know-how zurück.
Den Wohnungsbau kofinanzieren die Asiatische Entwicklungsbank mit 310 Millionen US$, die Weltbankgruppe mit 250 Millionen US$. Beide Geberorganisationen sind ebenfalls im Gesundheitssektor aktiv, aktuell im Umfang von rund 152 Millionen US$, was Geschäftschancen für Anbieter von Medizin- und Labortechnik eröffnet.
Zusätzliche Möglichkeiten bietet der Ausbau der Tourismus- und Freizeitinfrastruktur, etwa durch Investitionen in Hotels, Erholungsanlagen und Sportstätten. Auch im Agrarsektor steigt der Investitionsbedarf, insbesondere in der Gewächshauswirtschaft, der Tierzucht und der Bewässerung.
Wichtige Kooperationsfelder bleiben die Softwareentwicklung und der Bau von Hightechgeräten. Über geplante Investitionsprojekte informiert die Wirtschaftsförderagentur Enterprise Armenia.