Wirtschaftsausblick | Chile
Chiles Wirtschaft mit guten Aussichten für 2027
"Megarreforma" und hohe Rohstoffpreise – nach einem verhaltenen Jahr 2026 soll Chiles Wirtschaft 2027 durchstarten. Das erhöht auch die Absatzchancen deutscher Firmen.
09.07.2026
Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile
Top-Thema: Regierung Kast nach Fehlstart unter Zugzwang
"Chile puede más – Chile kann mehr", sagte Daniel Mas, der neue chilenische Doppelminister für Wirtschaft und Bergbau, bei der Eröffnung der Bergbaumesse Exponor am 8. Juni 2026 in Antofagasta. Und Senatspräsidentin Paulina Núñez ergänzte, Chile müsse effizienter, produktiver und schneller werden. Dazu brauche es mehr Fachkräfte, weniger Bürokratie und vor allem mehr Zutrauen in der Bevölkerung.
Tatsächlich ist die erst seit März 2026 amtierende Regierung unter dem rechtskonservativen Präsidenten José Antonio Kast unter Druck: Keine Regierung vor ihr verlor so rasch an Zustimmung.
Im Wahlkampf hatte Kast mit den Themen innere Sicherheit und Bekämpfung der illegalen Migration gepunktet. Der Wirtschaft stellte er sinkende Unternehmensteuern und weniger Bürokratie in Aussicht. Mit Ausnahme des Baus von fragwürdigen Grenzbefestigungen an den Grenzen zu Peru und Bolivien ist bislang jedoch kaum etwas umgesetzt worden. Stattdessen fällt die mehrheitlich aus Technokraten bestehende Regierung vor allem durch mangelnde Sensibilität in der Kommunikation auf. In der Folge mussten die Sicherheitsministerin und die Regierungssprecherin bereits ihre Ämter aufgeben.
Nach diesem Fehlstart muss die Regierung jetzt umsteuern. Denn schon die Jahre unter der Vorgängerregierung galten aus wirtschaftlicher Sicht als verloren. Chile fiel 2026 auf Platz 43 der IMD-Rangliste der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zurück. Innerhalb Lateinamerikas belegt das Land dennoch weiterhin Platz 1.
Wirtschaftsanreize durch Megarreforma
Die Hoffnungen ruhen auf der sogenannten Megarreforma. Sie umfasst unter anderem zahlreiche Steuererleichterungen und Maßnahmen zum Bürokratieabbau. Gegenwärtig diskutiert der Senat über den bereits vom Parlament angenommenen Gesetzesvorschlag. Aufgrund fehlender Mehrheiten wird die Regierung dort zahlreiche Kompromisse mit der Opposition eingehen müssen.
Wirtschaftsentwicklung: 2026 weniger, 2027 mehr Wachstum
Nach Einschätzung der chilenischen Zentralbank wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Chiles 2026 voraussichtlich um 1 bis 1,8 Prozent wachsen. Damit senkte sie ihre Prognose Mitte Juni leicht ab, nachdem das BIP im 1. Quartal um 0,5 Prozent geschrumpft war.
Vor allem der Rohstoffsektor entwickelte sich schwach. Grund war der rückläufige Kupferbergbau infolge niedrigerer Erzgehalte und Wartungsarbeiten. Auch die Land- und Fischereiwirtschaft verzeichneten Rückgänge, wegen einer ertragsarmen Obsternte und Tausender toter Lachse infolge von Algenblüte. Auch das Baugewerbe und einige Dienstleistungsbranchen entwickelten sich schwächer.
Für die zweite Jahreshälfte erwartet die Zentralbank jedoch eine Trendwende, die sich 2027 fortsetzt. Der hohe Kupferpreis und die dadurch angetriebenen Investitionen sollen das Wirtschaftswachstum auf 2 bis 3 Prozent erhöhen.
Milliardenschwere Projekte genehmigt
Dass dies kein Wunschdenken ist, darauf verweist das hohe Volumen an Umweltgenehmigungen. Seit Amtsantritt Kasts am 11. März 2026 hat die chilenische Umweltbehörde Servicio de Evaluación Ambiental (SEA) bis 24. Juni Genehmigungen für 90 Projekte erteilt. Deren Gesamtvolumen beträgt 16,9 Milliarden US-Dollar (US$). Zu den größten Vorhaben zählen:
- Ausbau des Hafens von San Antonio: 4 Milliarden US$
- Bau einer Meerwasserentsalzungsanlage in Antofagasta: 5 Milliarden US$
- Ausbau der U-Bahn-Linie 8 in Santiago: 1,9 Milliarden US$
Zum Vergleich: Im entsprechenden Zeitraum 2025 wurden 110 Projektgenehmigungen für 10,1 Milliarden US$ erteilt. Ob sich unter der neuen Regierung die Genehmigungsdauer verkürzt hat, lässt sich bislang nicht sagen.
Hohe Inflation und Arbeitslosigkeit bremsen Konsum
Die Konsumneigung der privaten Haushalte bleibt 2026 gedämpft. Ursache sind nicht nur die hohen Energiepreise und die daraus resultierende Teuerung. Die Zentralbank erwartet für 2026 eine Inflationsrate von 4 Prozent und damit einen Wert oberhalb ihres Zielkorridors. Erst im Verlauf des Jahres 2027 dürfte die Inflation wieder auf 3 Prozent sinken – vorausgesetzt, externe Schocks bleiben aus.
Hinzu kommt die angespannte Lage am Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote stieg im Zeitraum Februar bis April 2026 auf 9,1 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 2021. Zugleich wächst die Zahl der informell Beschäftigten deutlich.
Deutsche Perspektive: Die Analyse stimmt, jetzt kommt es auf die Umsetzung an
Die AHK Chile begrüßt die angekündigten Reformen und rechnet mit neuen Impulsen für die Wirtschaft durch die geplante Senkung der Unternehmensteuern, schnellere Genehmigungsverfahren und mehr Planungssicherheit. "Das sind wichtige Schritte, die auch die Absatzchancen für deutsche Lieferanten erhöhen – allerdings nicht sofort", sagt Philip Bartsch, stellvertretender Geschäftsführer der AHK Chile.
Denn solche strukturellen Veränderungen seien nicht einfach. Viel werde auch davon abhängen, ob es gelinge, tragfähige Kompromisse mit der Opposition zu finden. Die AHK rät deutschen Unternehmen dennoch, sich bereits jetzt zu positionieren, um bereit zu sein, wenn die Vorhaben umgesetzt werden. "Für 2027 sind wir sehr optimistisch", sagt Bartsch.
Entscheidend bleibt die Präsenz vor Ort. Denn der Markt wird enger, deutsche Firmen müssen sich mehr anstrengen. Neben den traditionellen Mitbewerbern aus den USA, Japan und Südkorea holt insbesondere die Konkurrenz aus China auf.
Zulieferchancen bestehen weiterhin im Bergbau. Potenziale bieten sich in den Bereichen erneuerbare Energien, Entsalzungsanlagen und grüner Wasserstoff. Gefragt ist zudem alles, was Produktivität und Effizienz steigert.
Im deutschen Außenhandel spielt Chile zwar eine vergleichsweise geringe Rolle: Nach Angaben von Destatis belegte das Land 2025 bei den deutschen Importen Rang 58 und bei den Exporten Rang 51. Innerhalb Lateinamerikas ist Chile jedoch nach Mexiko und Brasilien der drittwichtigste Handelspartner Deutschlands. Zudem entwickelte sich der bilaterale Handel zuletzt positiv: In den ersten vier Monaten 2026 stiegen die deutschen Exporte in den Andenstaat gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8,8 Prozent.
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