Interview | Thailand | Automatisierung
"Thailands Industrie hat Nachholbedarf"
Wie Thailand technologisch aufholen kann, welche Chancen sich für deutsche Automatisierungstechnik eröffnen und wie stark der Wettbewerb aus China ist. Darüber sprechen wir mit einem Experten.
09.02.2026
Von Frank Malerius | Bangkok
Enrico Sielaff gründete vor 13 Jahren in Thailand das auf Automatisierung spezialisierte Unternehmen gerenga German Engineering & Automation und beschäftigt heute 25 thailändische Mitarbeitende. Er ist auch im Vorstand der Deutsch-Thailändischen Handelskammer aktiv.
Herr Sielaff, welches Image hat deutsche Produktionstechnologie in Thailand?
Es gibt noch immer viele thailändische Unternehmen, die nur deutsche Maschinen wollen. Denn China haftet noch immer der Ruf des Billiganbieters an. Aber dieser wandelt sich. Der Erfolg chinesischer E-Autos, wie etwa von BYD, verbessert auch in Thailand das technologische Ansehen Chinas. Der größte Unterschied liegt aber in der chinesischen Businesskultur, die sich eher auf den Verkauf und nicht die langfristige Kundenbeziehung fokussiert.
Wie können deutsche Anbieter gegen die Konkurrenz bestehen?
Eine deutsche Stärke ist der Service. Deutsche Anbieter sind auch für kleine Kunden, die sich für chinesische Lieferanten gar nicht lohnen, stets verfügbar. Ein weiterer Vorteil ist die Standardisierung von Prozessen, die bei chinesischen Anbietern oft nicht gegeben ist. Und dann ist da noch der Datenschutz. Wir stellen sicher, dass die Produktionsdaten auch beim Maschinennutzer bleiben. Diese Garantie erhalten thailändische Unternehmen von chinesischen Geschäftspartnern nicht.
Chinesische Unternehmen drängen dennoch in mehr Industriebereiche vor. Welche Rolle spielen sie in Thailand?
Zu unseren chinesischen Mitbewerbern gibt es eine Sprachbarriere, denn chinesische Techniker sprechen in der Regel schlechtes Englisch. Deshalb haben viele chinesische Maschinenanbieter den Markt lange Zeit über singapurische Handelshäuser bearbeitet. Doch mittlerweile gehen sie den direkten Weg.
"Chinesische Maschinen sind zu einer massiven Konkurrenz für deutsche Maschinen geworden."
Chinesische Maschinen sind deutlich günstiger und werden immer besser. Deutsche Maschinen haben es in diesem Umfeld außerhalb von Hightech-Anwendungen und Nischen zunehmend schwer. Wir sind aber vielen chinesischen Anbietern, die nach Thailand kommen, bei der Software noch voraus.
Herr Was bietet Ihr Unternehmen an?
Unser Geschäft sind Sonderlösungen von Systemintegrationen im Bereich Robotik über Sondermaschinen hin zu Systemanbindungen von existierenden Maschinen durch Softwareanpassung oder Upgrades des Kontrollsystems. Das bildet die Grundlage für die sogenannte Maschine-zu-Maschine-Kommunikation, eine deutsche Domäne. Wenn Roboter bei Qualität oder Durchsatz nicht die optimale Lösung sind, entwickeln und bauen wir Maschinen selbst und kaufen Komponenten bei lokalen und deutschen Zulieferern ein.
Wer sind die Kunden für Ihre Dienstleistungen?
Unsere Kunden sind vor allem ausländisch geführte Unternehmen. Denn in Europa haben zahlreiche Unternehmen ihre internen Engineering Center geschlossen, weil sie zu teuer geworden sind. Hier sehen wir steigenden Bedarf und bauen Personal auf.
Was ist ein typischer Anwendungsfall?
Wir automatisieren Produktionsprozesse - etwa durch den Einsatz kollaborativer Roboter, sogenannter Cobots - im direkten Einsatz mit Produktionsmitarbeitern. Bei einem großen internationalen Automobilhersteller traten bei der Prüfung auf Wasserdichtheit Lecks unter der Türverkleidung auf. Unsere Analyse der Prozesse ergab, dass Mitarbeiter das ständige Bücken sporadisch ausließen, womit sie das Problem verursachten. Da dieser Prozess zwischen den Mitarbeitern auf begrenztem Raum umgesetzt werden musste, kamen dann Cobots zum Einsatz.
Thailand befindet sich in einer anhaltenden Wirtschaftskrise. Ist die Rückständigkeit der Industrie ein Grund?
Thailands Industrie hat in der Tat Nachholbedarf. Ich würde Thailands Produktion auf dem Stand Industrie 3.0 beschreiben. In vielen Fabriken wird Material in die Produktion gegeben, ohne überhaupt zu wissen, wie viele Einheiten damit produziert werden. Vielerorts ist kein Enterprise-Resource-Planning im Einsatz, stattdessen wird der Output noch per Hand in Excel-Tabellen eingetragen.
"Es besteht noch gar kein Bewusstsein für den Wert von Daten."
Was muss sich ändern?
Viele thailändische Unternehmen sind traditionell aufgestellt. Langjährige Eigentümer sehen den Handlungsbedarf, tun sich aber schwer mit der Übergabe an die nächste Generation. Als Patriarchen schützen sie ihre Mitarbeiter vor Veränderungen. Ich bin bei der nachfolgenden Generation aber optimistisch, die oft gut ausgebildet und fortschrittlich ist. Thailands Industrie muss dann mehrere Entwicklungsstufen überspringen. Und in einigen Bereichen ist das ja gelungen: Bangkok hat ein besseres Telekommunikationsnetz als jede deutsche Stadt.
Auch der Mangel an Fachkräften ist ein Flaschenhals in Thailand. Sie beschäftigen ausschließlich thailändische Mitarbeiter. Wie wählen Sie diese aus?
Es gibt nicht nur fachliche, sondern auch kulturelle Herausforderungen. Ich habe mir viele meiner Leute direkt von der Universität geholt und auf unsere speziellen Bedürfnisse geschult. Darüber hinaus war es mir wichtig, eine Kultur der Toleranz für Konflikte zu etablieren. Thais sind traditionell konfliktscheu. Aber wir kommen nur dann voran, wenn sich Fachkompetenz einer Hierarchie nicht unterwirft. Und deshalb entscheiden meine Leute auch selbst, wer in das Unternehmen passt.
Also eine Mischung aus beiden Kulturen?
Deutsche haben ein hohes Qualitätsbewusstsein, brauchen aber lange für die Umsetzung. Thais hingegen gehen schnell voran. Pragmatismus und Qualität haben sich bei uns als eine gute Mischung erwiesen. Ausländisch geführte Firmen vergeben schließlich gerne Aufträge an Thais, wenn es eine deutsche Führung gibt.