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Brasilien investiert Milliarden in Marine, Luftwaffe und Heer
Neue Haushaltsmittel sichern langfristige Rüstungsprojekte. U‑Boote, Kampfflugzeuge und Grenzüberwachung stehen im Fokus. Bei der Umsetzung ist Brasilien auf Partner angewiesen.
29.04.2026
Von Dennis Barbosa | São Paulo
Brasilien treibt die Modernisierung seiner Streitkräfte voran. Für die kommenden sechs Jahre sind Investitionen von bis zu 30 Milliarden brasilianische Real (rund 6 Milliarden US-Dollar) für strategische Verteidigungsprojekte vorgesehen. Ende 2025 machte der Nationalkongress den Weg frei für die Mittel, die nicht der staatlichen Ausgabenobergrenze unterliegen.
Dies ist ein wichtiger Schritt für die Verteidigungsindustrie. Er schafft Planbarkeit und Kontinuität, besonders für Projekte, die in den vergangenen Jahren aus Finanzierungsgründen verschoben worden waren.
Großprojekte bei Marine, Luftwaffe und Heer
Die neuen Verteidigungsausgaben fließen in ein breit gefächertes Portfolio. Dieses umfasst die Marine, die Luftwaffe, die Landstreitkräfte sowie die Bereiche Cybersicherheit und Raumfahrt.
Im maritimen Bereich steht das U‑Boot‑Entwicklungsprogramm PROSUB im Mittelpunkt. Es umfasst den Bau konventioneller U‑Boote sowie des ersten nuklear angetriebenen U‑Boots Brasiliens ("Álvaro Alberto"), das in Kooperation mit Frankreich entwickelt wird. Darüber hinaus plant die Marine den Ausbau des maritimen Überwachungssystems SisGAAz und treibt den Bau der Korvettenklasse Tamandaré voran. An letzterem Projekt ist die deutsche TKMS im Rahmen eines Konsortiums mit den brasilianischen Unternehmen Embraer und Atech beteiligt. Die erste der insgesamt vier Einheiten wurde Ende April 2026 ausgeliefert.
Eines der größten Vorhaben der Luftwaffe ist das Projekt FX-2. Es umfasst den Kauf und die Integration von Gripen-NG-Kampfflugzeugen des schwedischen Herstellers Saab. Die Auslieferungen erfolgen bis 2032. Ende März 2026 stellte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva das erste in Brasilien montierte Gripen‑Kampfflugzeug vor, das im Rahmen eines umfassenden Technologietransfers gefertigt wurde.
Ergänzt wird das Portfolio durch die Fortführung der Beschaffung von KC‑390‑Millennium‑Transportflugzeugen sowie durch die Modernisierung des leichten Kampfflugzeugs A‑29 Super Tucano. Hersteller beider Flugzeuge ist Embraer.
Bei den Landstreitkräften konzentrieren sich die größten Investitionen auf das Grenzüberwachungssystem SISFRON und auf das Artillerieprogramm ASTROS.
Abhängigkeit von ausländischer Technologie bleibt hoch
Brasilien verfügt über die größten Streitkräfte Lateinamerikas. Die Verteidigungsindustrie des Landes hat ihre Kapazitäten in den vergangenen Jahren ausgebaut. Bei Hochtechnologiesystemen und -komponenten ist sie jedoch weiterhin auf ausländische Zulieferer angewiesen. "Dies liegt daran, dass die lokale Produktion dieser Technologien die Nachfrage nicht deckt", erklärt der Präsident des Branchenverbands ABIMDE, José Augusto Crepaldi Affonso im Gespräch mit Germany Trade & Invest.
Ein weiterer Engpass ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften in den Bereichen Luft- und Raumfahrttechnik, eingebettete Systeme und Cybersicherheit. Auch die Infrastruktur für die Produktion von Halbleitern und Hochfrequenzsystemen ist unzureichend entwickelt. Dies verstärkt den Bedarf an internationalen Technologiepartnerschaften zusätzlich.
Wo bieten sich Marktchancen?
Marine-Systeme
Chancen bestehen bei maritimen Sensoren, Gefechtsführungssystemen (CMS), im U‑Boot-Segment (Antrieb, Automatisierung, Steuerung- und Hilfssysteme für konventionelle Plattformen) sowie bei Wartung, Modernisierung und Instandhaltung (MRO). Bevorzugt werden Koproduktion und Technologietransfer mit lokalen Werften und Integratoren.
Heer: Schutz, Fahrzeuge, Artillerie
Gefragt sind ballistischer Schutz, Verbundwerkstoffe sowie Feuerleit‑ und Überlebenssysteme. Brasilien setzt auf Lizenzmodelle und Joint Ventures mit lokaler Fertigung.
Luftwaffe
Bedarf besteht bei Avionik, ISR‑Sensorik, elektronischer Kampfführung, Datenlink-Systemen sowie MRO und Flottenmodernisierung – meist gekoppelt an Technologietransfer.
Cyber und C4ISR
Programme wie LinkBr2 eröffnen Chancen in Cyberabwehr, Kryptografie, Simulation und digitalen Zwillingen. Kooperationen mit lokalen Integratoren sind Standard.
Raumfahrt
Satellitenprojekte wie Carponis schaffen Nachfrage nach optischen und SAR‑Sensoren, Nutzlasten und Datenverarbeitung.
Kooperationen und Technologietransfer eröffnen Markzugang
Neben TKMS sind weitere deutsche Unternehmen im brasilianischen Verteidigungssektor präsent. So haben Diehl Defence und das europäische Gemeinschaftsunternehmen MBDA Systems Luft-Luft-Raketen an die brasilianische Luftwaffe geliefert. Diese Beispiele zeigen, dass die bilaterale Zusammenarbeit tragfähig ist und von brasilianischer Seite geschätzt wird.
"Der Einstieg deutscher Unternehmen in die brasilianische Verteidigungsindustrie bietet konkrete und kurzfristige Chancen in verschiedenen Bereichen – insbesondere dort, wo Brasilien technologische Abhängigkeiten reduzieren, Skaleneffekte erzielen und kritische Fähigkeiten durch Koproduktion, Technologietransfer (ToT) und langfristige Partnerschaften aufbauen möchte", sagt der Präsident des Branchenverbands ABIMDE.
Dabei suche Brasilien nicht nur Lieferanten, sondern ausdrücklich industrielle Partner. Deutsche Unternehmen verfügten über Wettbewerbsvorteile unter anderem in den Bereichen Sensorik, eingebettete Systeme, Schutztechnologien, Cyberlösungen und Systemintegration. Daraus ergäben sich vielversprechende Ansatzpunkte für Joint Ventures, Lizenzmodelle und den Aufbau lokaler Entwicklungszentren, so Crepaldi weiter.
Für Neueinsteiger ist ABIMDE ein hilfreicher erster Ansprechpartner. Eine Möglichkeit den Markt besser kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen, bietet zudem die Branchenmesse LAAD Defence & Security, die alle zwei Jahre in Rio de Janeiro stattfindet.
Rahmenbedingungen: Herausforderungen und Empfehlungen
- Rechtlicher Rahmen: Gesetz Nr. 12.598/2012 definiert Verteidigungsprodukte (PRODE) und strategische Verteidigungsunternehmen (EED); ausländische Unternehmen qualifizieren sich in der Regel nicht als EED, können aber über lokale Tochtergesellschaften oder Joint Ventures tätig werden.
- Lokaler Wertschöpfungsanteil: projektbezogen; erwartet werden lokale Fertigung, Endintegration sowie der Aufbau von Engineering- und MRO-Kompetenzen; wichtig ist ein klarer Plan zur schrittweisen Lokalisierung.
- Strukturierte Offset-Anforderungen: Brasilien legt Wert auf echten Technologietransfer, Koproduktion und lokale F&E-Aktivitäten – nicht lediglich auf Einzelbeschaffungen oder begrenzte Schulungsmaßnahmen.
- Exportkontrolle: zu beachten sind die Vorgaben des BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) sowie die Genehmigungsverfahren des brasilianischen Verteidigungsministeriums.
- Lokale Präsenz: nicht verpflichtend, verbessert aber Erfolgschancen bei Ausschreibungen und erleichtert Erfüllung lokaler Anforderungen.
- Compliance: Antikorruptionsgesetz (Gesetz Nr. 12.846/2013) und internationale Standards sind strikt einzuhalten; Verstöße können zum Ausschluss von Ausschreibungen führen.
Kontaktadressen
| Institution | Anmerkung |
|---|---|
| Verteidigungsministerium (Ministério da Defesa) | Zentrale Behörde für Verteidigungspolitik |
| ABIMDE | Wichtigster Branchenverband der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie |
| LAAD Defence & Security | Größte Verteidigungsmesse Lateinamerikas, nächster Termin: 13.-16.4.27, Rio de Janeiro |