Rechtsbericht | Chile | Arbeitsrecht
Die neue Logik der Arbeitszeit in Chile
Neue Anforderungen, aber auch Flexibilität für Unternehmen: Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 45 auf 40 Stunden innerhalb von fünf Jahren.
03.06.2026
Von Dr. Julio Pereira | Berlin
Am 26. April 2026 begann die zweite gesetzliche Phase der Arbeitszeitverkürzung in Chile, die durch die Reform des Arbeitsgesetzbuchs festgelegt wurde. Unternehmen müssen die Arbeitszeit schrittweise reduzieren, bis sie im Jahr 2028 bei 40 Stunden liegt. Es handelt sich um eine wichtige Strukturreform, die die Organisationsform der Arbeit in Chile verändert.
Regulatorische Flexibilität in Chile
Anders als in Ländern wie Brasilien und Mexiko werden die Arbeitszeiten in Chile nicht durch die Verfassung (Constitución Política de la República de Chile), sondern durch das Arbeitsgesetzbuch (Código del Trabajo - CT) geregelt. Historisch gesehen ist dies das Rechtsinstrument, das die gesamte Arbeitsorganisation des Landes strukturiert. Es legt die grundlegenden Aspekte des Arbeitsrechts im Detail fest, die seit Jahrzehnten gelten; darunter die maximale Arbeitszeit (Kapitel IV): ursprünglich 45 Stunden pro Woche (Art. 22 CT). Die Tatsache, dass das Thema nicht verfassungsrechtlich verankert ist, gibt dem chilenischen System eine größere regulatorische Flexibilität. Einschlägige Änderungen der Arbeitszeiten können durch einfaches Gesetz umgesetzt werden.
Das 40-Stunden-Gesetz
In den letzten Jahren hat die wachsende Diskussion über Produktivität und Gesundheit am Arbeitsplatz den chilenischen Gesetzgeber dazu bewegt, eine der wichtigsten Arbeitsreformen in Lateinamerika voranzutreiben. Das Ergebnis war das Gesetz Nr. 21.561 vom 26. April 2023, bekannt als das „40-Stunden-Gesetz“. Mit diesem Gesetz werden verschiedene Bestimmungen des chilenischen Arbeitsgesetzes geändert, aber die zentrale Achse ist die Änderung von Artikel 22. Dabei handelt es sich um eine schrittweise Verringerung der wöchentlichen maximalen Arbeitszeit von 45 auf 40 Stunden - eine Reform, bei der das Arbeitsentgelt der Beschäftigten vollständig erhalten bleibt.
Der gesetzliche Zeitplan für die Umsetzung ist in drei Stufen gegliedert:
| Frist | Maximale Arbeitszeit |
|---|---|
| 26. April 2024 | 44 Stunden pro Woche |
| 26. April 2026 | 42 Stunden pro Woche |
| 26. April 2028 | 40 Stunden pro Woche |
Die zweite Phase der Reform ist also bereits in Kraft und alle in Chile tätigen Unternehmen müssen sie implementieren.
Eine Strukturreform: Grundlegende Aspekte
Die chilenische Erfahrung weist rechtliche Merkmale auf, die sich deutlich von denen anderer lateinamerikanischer Länder unterscheiden. Eines der wichtigsten Aspekte der chilenischen Reform ist, dass das Gesetz nicht einfach eine Verkürzung der Arbeitszeit vorschreibt, sondern die Logik der Arbeitsorganisation strukturell verändert. Mit anderen Worten: Der Gesetzgeber hat erkannt, dass eine reine Verkürzung der Arbeitszeit ohne den Unternehmen zusätzlich Flexibilität zu geben, zu betrieblichen Problemen führen könnte. Deshalb hat das Gesetz einige Ausgleichsmechanismen geschaffen. Vier Aspekte sind hervorzuheben:
Aufteilung der Arbeitszeit in Zyklen
Früher wurde die Arbeitszeit per Gesetz auf Wochenbasis festgelegt. Mit der Reform wird die Arbeitszeit in einen Zyklus von bis zu vier Wochen aufgeteilt (Art. 22 CT). In der Praxis bedeutet dies, dass in einer Woche mehr und in einer anderen weniger Stunden geleistet werden können, solange die durchschnittliche Arbeitszeit am Ende des Zyklus die gesetzliche Grenze nicht überschreitet. Es handelt sich im Grunde um ein Ausgleichssystem, das für Industrie- und Logistikunternehmen unerlässlich ist. Es kann zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten vereinbart werden.
Ausschluss von der Kontrolle der Arbeitszeiten
Nach chilenischem Recht waren bestimmte Kategorien von Beschäftigten immer von der Arbeitszeitkontrolle ausgenommen (zum Beispiel Führungskräfte, Manager etc.). Dies gilt bis zu einem gewissen Grad auch weiterhin in dem Sinne, dass solche Beschäftigten (vermutlich) über mehr Autonomie verfügen. Aber mit dem Beginn der zweiten Phase der Reform (42-Stunden-Arbeitstag) hat die Dirección del Trabajo, als zuständige Behörde, ihre Auslegung der Ausnahmen von der Kontrolle verschärft (Art. 22 CT und ORD. 252/20). Die tatsächliche Autonomie der Beschäftigten über die Arbeitszeiten und die Arbeitsorganisation muss vom Unternehmen nachgewiesen werden.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Diese Bestimmung ermöglicht es Arbeitnehmer:innen, die für die Betreuung von Kindern unter 12 Jahren verantwortlich sind, ihre Arbeitszeiten anzupassen (zum Beispiel den Arbeitstag früher zu beginnen und früher zu enden) - ein deutlicher Einfluss des europäischen Arbeitsrechts (Art. 27 bis CT).
Anpassung für kleine und mittlere Unternehmen
Die Reform ändert Artikel 15 des Gesetzes Nr. 21.327 und stärkt Kleinst-, Klein- und mittlere Unternehmen (KMU). Sie erkennt an, dass die Arbeitszeitverkürzung je nach Größe des Unternehmens unterschiedliche Auswirkungen hat. Für Organisationen mit geringerer Verwaltungskapazität sollen die Schwierigkeiten des regulatorischen Übergangs verringert werden (Art. 2 Gesetz 21.561 /23).
Was sich für Unternehmen ändert
Für deutsche Unternehmen, die in Chile tätig sind, erfordert die Reform eine Überprüfung von Verträgen und Arbeitszeitkontrollsystemen. Ziel ist es, die Arbeitszeit der Arbeitnehmer auf die derzeitige gesetzliche Grenze zu reduzieren, um schließlich eine Höchstarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche zu erreichen. Andererseits erhöht das Gesetz 21.561 die Flexibilität bei der Verteilung der Arbeitsstunden. Dies wirkt sich weniger auf die Arbeitskosten als vielmehr auf die Anpassung an eine neue Art der Arbeitsorganisation aus.
Zum Thema:
- GTAI-Publikation Recht kompakt Chile
- GTAI-Publikation Arbeitsmarkt Chile