Branche kompakt | Indien | Medizintechnik
Branchenstruktur
Indien hat Produktionskapazitäten aufgebaut und die Importabhängigkeit verringert. Eine Regulierungslücke verhindert derzeit die Einfuhr gebrauchter Medizintechnik.
09.04.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Indiens Medizintechnikbranche umfasst schätzungsweise zwischen 800 und 1.200 Firmen, wobei die Mehrzahl der Beobachter einen Wert um 1.000 nennt. Die meisten davon, circa 60 bis 80 Prozent, sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Zahlreiche Firmen sind in Clustern ansässig. Diese befinden sich beispielsweise in den Bundesstaaten Haryana (medizinische Verbrauchsgüter), Andhra Pradesh, Telangana, Tamil Nadu (jeweils Medizinelektronik), Karnataka (Medizinelektronik, Stents, Implantate) und Uttar Pradesh. Hinzu kommen Medizintechnikstandorte nahe oder in den für Indien wichtigen Pharma-Clustern in Gujarat und Maharashtra. Regierungsangaben gehen von 21 Clustern aus. Die durchschnittliche Clustergröße liegt bei 35 Unternehmen und rund 90 Prozent der Unternehmen in den Clustern sind KMU.
Der Großteil der indischen Firmen produziert Verbrauchsgüter für den lokalen Markt. Einige indische und internationale Unternehmen produzieren Medizintechnik im Low- und Mid-Tech-Segment wie EKG-, EEG- und Ultraschallgeräte. Technisch anspruchsvollere Komponenten und Komplettgeräte für den indischen Markt sowie für den Export werden zumeist von den Tochterfirmen internationaler Konzerne gefertigt.
Unternehmen | Sparte | Umsatz 2024/2025 |
|---|---|---|
| Abbott India | Medizintechnik | 706 |
| Philips India | Medizintechnik | 721 |
| Indegene | Datenanalyse im Bereich Medizintechnik und Biopharma | 313 |
| Poly Medicure | Medizinisches Verbrauchsmaterial | 184 |
| Sahajanand Medical Technologies | Medizinisches Verbrauchsmaterial | 182 |
| QMS Medical | Medizintechnik | 16 |
| Nureca | Medizintechnik | 12 |
Indien ist etwas weniger auf Importe angewiesen
Insbesondere elektrische Geräte werden im großen Umfang importiert. Selbst wenn die Geräte in Indien produziert werden, bestehen mitunter Importabhängigkeiten bei einzelnen Teilen. Die Importabhängigkeit steigt tendenziell, je technisch anspruchsvoller das Produkt ist. Das Marktforschungsunternehmen aranca geht davon aus, dass bei medizinischem Verbrauchsmaterial 37 Prozent der Nachfrage durch Importe gedeckt werden. In anderen Bereichen liegt dieser Wert deutlich höher. Er beträgt zwischen 50 Prozent (für medizintechnische Hilfsmittel wie Gehilfen), über 60 Prozent (für Maschinen für bildgebende Verfahren) bis hin zu 68 Prozent (für Dentalprodukte). Experten zufolge ist die allgemeine durchschnittliche Importabhängigkeit über alle Kategorien in den vergangenen fünf Jahren jedoch von 80 auf 60 Prozent gesunken.
| SITC | Produkt | Wert der Importe (2024) | Anteil Import aus Deutschland |
|---|---|---|---|
| 741.83 | Sterilisierapparate | 34,5 | 2,0 |
| 774.1 | Elektrodiagnoseapparate und -geräte | 673,0 | 6,9 |
| 774.2 | Röntgenapparate etc. | 1015,9 | 14,8 |
| 872.1 | Zahnmedizinische Instrumente; a.n.g. | 101,2 | 14,5 |
| 872.21 | Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc. | 589,9 | 1,8 |
| 872.25 | Ophthalmologische Instrumente | 210,1 | 16,7 |
| 872.29 | Andere Instrumente, Apparate und Geräte | 1101,3 | 16,6 |
| 872.3 | Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc. | 290,4 | 9,0 |
| 872.4 | Medizinmöbel etc. | 66,0 | 10,6 |
| 899.6 | Orthopädietechnik, Prothesen etc. | 967,8 | 5,7 |
Subventionen für lokale Produktion laufen aus
Ein Grund für den Rückgang von Importen ist ein 2020 aufgelegtes Subventionsprogramm, bei dem die Zahlungen an die Unternehmen an Investitionssummen und vor Ort hergestellte Mengen geknüpft sind. Mehr als 400 Millionen US$ standen dafür bereit. Das noch bis 2027 laufende Programm unterstützt 28 Unternehmen bei der lokalen Herstellung von Medizintechnik, darunter beispielsweise CT-Scannern und MRTs. Überwiegend sind es Großunternehmen, die die Förderung erhalten haben.
Bis März 2026 wurden 25 Greenfield-Investitionen geleistet und die Produktion von 57 Produkten gestartet. Das Förderprogramm läuft noch bis 2027. Klar auf Investitionen von Großunternehmen abzielend, hat das Programm dazu geführt, dass auch größere und komplexe Medizintechnische Produkte vor Ort hergestellt werden. Damit konnte sich Indien zwar nicht von seiner Importabhängigkeit befreien, diese aber ein Stück weit reduzieren. Zudem sorgte das Programm für einen Technologietransfer nach Indien.
Laut Branchenmeldungen nehmen drei Industrieparks für Medizintechnik ebenfalls Gestalt an. Die Zentralregierung hatte den Aufbau von Infrastruktur in den Parks in Uttar Pradesh (Greater Noida), Madhya Pradesh (Ujjain) und Tamil Nadu (Kanchipuram) finanziell unterstützt. Regierungsangaben zufolge hatten 199 Unternehmen Ende 2025 Land in den Industrieparks erhalten und 34 Unternehmen bereits mit dem Bau ihrer Fabriken begonnen. Experten gehen davon aus, dass die Parks im Verlauf des Jahres 2027 fertiggestellt werden. Derzeit ist die Anlage in Uttar Pradesh am weitesten fortgeschritten.
Nachfrage nach gebrauchter Medizintechnik existiert, kann aber nicht bedient werden
Branchenvertreter bestätigen im Gespräch den Bedarf für gebrauchte Medizintechnik im Land. Vor allem für kleinere Gesundheitseinrichtungen und Versorgungszentren abseits von großen Städten sind Gebrauchtgeräte relevant. Dennoch existiert seit Anfang 2025 ein Importverbot. Grund dafür ist mangelnde Regulierung durch die bisher existierende Gesetzgebung. Anfang 2026 meldete die indische Regierung, dass sich derzeit eine Kommission mit dem Problem befasst und Lösungsvorschläge erarbeiten soll. Ein Zeitrahmen dafür ist bisher nicht bekannt.
Das Gesundheitssystem ist zweigeteilt
Indiens Gesundheitsversorgung ist ein Zweiklassensystem. Zwar gibt es zahlreiche öffentliche Gesundheitseinrichtungen, allerdings sind diese zumeist personell und technisch schlecht ausgestattet. Oft bieten sie nur eine Basisversorgung. Private Einrichtungen erreichen bisweilen internationale Standards, was Ausstattung und Versorgungsniveau angeht. Die Behandlungen sind dort allerdings vergleichsweise teuer und die vorhandenen Kapazitäten sehr gering in Relation zur Bevölkerungsgröße. Im ländlichen Raum und kleineren Städten herrscht größtenteils eine medizinische Unterversorgung, auch wenn Klinikketten zunehmend abseits der Metropolen Kapazitäten aufbauen. In den Großstädten gibt es niedergelassene Ärzte und Spezialisten, überwiegend sind aber auch hier die Kliniken die erste Anlaufstelle für Patienten. Der Versicherungsschutz hat, auch durch Regierungsprogramme, in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Dennoch tragen Patienten nach wie vor einen teil der Behandlungskosten selbst. Schätzungsweise knapp unter 40 Prozent der Ausgaben sind Out-of-Pocket.
Indikator | Wert |
|---|---|
Einwohnerzahl (Juli 2026 in Mio.)1 | 1.476,6 |
Bevölkerungswachstum (2026 in % p.a.)1 | 0,9 |
Altersstruktur der Bevölkerung (2026) | |
Anteil der unter 14-Jährigen (in %)1 | 23,8 |
Anteil der über 65-Jährigen (in %)1 | 7,6 |
Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (2026 in Jahren)1 | 72,7 |
Durchschnittseinkommen (2025/2026 in US$)1,2 | 2.818 |
Gesundheitsausgaben pro Kopf (2021/22 in US$; in Klammern Angaben der WHO zu Gesamtausgaben pro Kopf für 2023)1,2,4 | 87 (85) |
Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP (2021/22 in %)1,2,3 | 1,8 |
Ärzte/100.000 Einwohner (2024)1 | 96 |
Zahnärzte/100.000 Einwohner (2025)1 | 26 |
Krankenhausbetten/100.000 Einwohner (2023), davon |
|
privat | k.A. |
öffentlich (2023) | 57 |