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"Wir wachsen gemeinsam mit dem Ökosystem"
Start-up-Gründer Ken Kasischke erklärt im Interview Indiens wachsende Rolle in der Elektronikfertigung und was Indien von anderen Ländern unterscheidet.
27.01.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Ken Kasischke ist CEO und Mitgründer von CheckPCB, dem ersten Marktplatz für Leiterplatten (Printed Circuit Board; PCB)-Produktion mit integriertem Schutz geistigen Eigentums für Design. CheckPCB verbindet europäische und US-amerikanische Ingenieure mit Fertigungspartnern in Europa, China und Indien. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im globalen Technologiemarketing und Business Development und verantwortet den internationalen Marktausbau und strategische Partnerschaften.
Herr Kasischke, können Sie kurz erläutern, was Ihr Start-up macht?
Wir bauen eine digitale Plattform, die PCB-Design und Elektronikfertigung verbindet und es Kunden ermöglicht, in Echtzeit Angebote für Prototypen einzuholen, ohne frühzeitige Offenlegung des sensiblen geistigen Eigentums des Designs. Dadurch entsteht nicht nur ein effizienterer Beschaffungsprozess, sondern auch ein laufendes, datenbasiertes Bild über Preisniveaus, Lieferzeiten und technologische Fähigkeiten im Markt.
Was macht Indien zu einem relevanten Markt für die Elektronikfertigung?
Kultur, Offenheit und Dynamik Indiens haben mich immer fasziniert. Ausschlaggebend für unser Start-up war die strategische Rolle Indiens in der globalen Elektronikfertigung.
Indien entwickelt sich zum dynamischsten Wachstumsmarkt für Elektroniksystemdesign und -fertigung. Die Regierung unterstützt gezielt die lokale Wertschöpfung, während Unternehmen weltweit ihre Lieferketten resilienter aufstellen und nach Alternativen im Sinne von China-Plus-Eins suchen. Gleichzeitig bietet Indien einen außergewöhnlich großen, vollständig englischsprachigen Talentpool an Ingenieuren. Besonders attraktiv ist für uns, dass Indien nicht nur Produktionsstandort, sondern auch ein stark wachsender Binnenmarkt für Elektronik ist – von Industrial Internet of Things (IIoT) bis Automobil. Für ein Technologie-Start-up bedeutet das: Wir treten nicht in einen gesättigten Markt ein, sondern wachsen gemeinsam mit dem Ökosystem. Hinzu kommt die geografische Lage Indiens zwischen Europa und Südostasien, die eine enge Zusammenarbeit mit internationalen Partnern erleichtert. Insgesamt vereint Indien Marktgröße, Talent, industriepolitische Unterstützung und Geschwindigkeit – eine Kombination, die aktuell kaum ein anderer Standort bietet.
"Das Zusammenspiel aus Marktgröße, politischer Unterstützung und Aufholgeschwindigkeit macht Indien weltweit einzigartig."
Wie unterscheidet sich Indien von anderen Produktionsländern wie beispielsweise China?
Durch den Entwicklungsstand und die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In vielen Bereichen steht Indien heute dort, wo China vor etwa 10 bis 15 Jahren stand, vor allem im Aufbau integrierter Elektronikwertschöpfung.
Was Indien besonders macht, ist die Mischung aus Ehrgeiz, Geschwindigkeit und Marktlogik. Indische Unternehmen suchen aktiv Partnerschaften mit internationalen Firmen, um Technologie, Prozesse und Qualität schnell aufzubauen. Gleichzeitig wächst Indien zu einem der weltweit größten Endmärkte für Elektronik heran. Mit rund 1,5 Milliarden möglichen Konsumenten entsteht eine starke Binnenmarktnachfrage, die Investitionen langfristig absichert. Hinzu kommt die Industriepolitik: Regierungsprogramme wie "Make in India" setzen gezielte Anreize für lokale Produktion, insbesondere wenn Unternehmen den indischen Markt bedienen wollen. Dieses Zusammenspiel aus Marktgröße, politischer Unterstützung und Aufholgeschwindigkeit macht Indien weltweit einzigartig.
Wo sehen Sie Indien wettbewerbsfähig in der Elektronikfertigung und wo liegen derzeit die Grenzen?
Indien ist wettbewerbsfähig, wo Skalierung, Endmontage, elektronische Fertigungsdienstleistungen und marktnaher Kapazitätsaufbau zählen, etwa im Smartphone-Ökosystem und zunehmend in angrenzenden Elektroniksegmenten. Die Grenzen liegen aktuell bei Komponenten- und Materialtiefe, also lokaler Wertschöpfung bei PCB, Displays und Chips, sowie bei einigen Hochpräzisions- und High-Reliability-Segmenten. Hier müssen Wertschöpfungsketten und Qualitätsinfrastruktur noch stärker verdichtet werden.
Wie haben Sie Indien als Gründer wahrgenommen?
Aktuell betreibe ich ausschließlich Business Development für unser Start-up. Wir haben noch keine eigene juristische Entität vor Ort gegründet. Entsprechend ist meine Perspektive die eines Gründers, der Markt, Partner und Kunden aufbaut, ohne in Themen wie Fabrikbau, Mietverträge, Importprozesse oder komplexe Genehmigungsverfahren involviert zu sein.
Aus dieser Perspektive habe ich Indien als unternehmerfreundlich erlebt. Der Zugang zu potenziellen Geschäftspartnern ist unkompliziert. Termine lassen sich schnell vereinbaren und die Kommunikation ist direkt, häufig über LinkedIn oder WhatsApp. Netzwerke sind offen und es gibt eine hohe Bereitschaft, neue Geschäftsmodelle und Kooperationen zu diskutieren.
"Entscheidend ist, die richtigen lokalen Partner zu finden."
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass das "Ease of Doing Business" stark vom jeweiligen Geschäftsmodell abhängt. Bürokratische Anforderungen und regulatorische Prozesse können, insbesondere bei physischer Produktion oder beim Aufbau lokaler Strukturen, durchaus anspruchsvoll sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein breites Angebot an spezialisierten Dienstleistern gibt, die bei rechtlichen, administrativen oder steuerlichen Fragestellungen unterstützen. Entscheidend ist, die richtigen lokalen Partner zu finden.
Deutsche Unternehmen sind oft prozess- und planungsorientiert. Wie sieht das in Indien aus?
Deutsche Unternehmen bereiten Entscheidungen früh vor, definieren Anforderungen klar und minimieren Risiken möglichst im Vorfeld. In Indien erlebe ich Geschäftskultur oft deutlich iterativer und pragmatischer. Gespräche beginnen schneller, Lösungen werden ausprobiert und schrittweise verfeinert, statt alles von Anfang an vollständig zu spezifizieren.
Diese Unterschiede sind kein Widerspruch, sondern eine Ergänzung. Herausfordernd wird es dort, wo unterschiedliche Erwartungen an Verbindlichkeit, Detailtiefe oder Entscheidungszeitpunkte aufeinandertreffen, insbesondere in technisch komplexen Bereichen wie der Elektronikfertigung.
Wohin wird sich Indien im Bereich Elektronikfertigung entwickeln?
Indien wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren einer der zentralen Standorte für Elektronikfertigung und -entwicklung werden. Getrieben wird die Entwicklung durch staatliche Investitionen, den Ausbau industrieller Cluster und den gezielten Aufbau lokaler Wertschöpfungsketten. Neben der bereits starken Serienfertigung, etwa für Mobiltelefone, wird Indien insbesondere in Bereichen wie Automobilelektronik, IIoT und Rüstungsgütern an Bedeutung gewinnen. Parallel dazu erwarte ich eine wachsende lokale Komponenten- und PCB-Industrie sowie Fortschritte im Design- und Entwicklungsumfeld.
Welche Chancen eröffnet das für deutsche Firmen?
Deutsche Unternehmen, insbesondere kleine und mittelgroße, können sich frühzeitig in entstehende Lieferketten integrieren, als Technologie-, Prozess- oder Qualitätspartner. Zum anderen wird mit zunehmender Industrialisierung die Nachfrage nach deutschem Know-how steigen, etwa in den Bereichen Automatisierung, Qualitätssicherung, Spezialmaterialien oder Test- und Messtechnik. Darüber hinaus wird Indien ein wichtiger Baustein zur Diversifizierung und Absicherung globaler Lieferketten. Wer heute Partnerschaften aufbaut, kann in den kommenden Jahren von einem wachsenden Markt und der zunehmenden Professionalisierung der Elektronikfertigung profitieren.