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Nachhaltigkeit in der Chemieindustrie
Auf dem Weg zur Klimaneutralität setzt Indien auf Energieeffizienz, Wasserstoff und Emissionshandel. Herausforderungen bleiben aber bestehen.
17.12.2025
Von Florian Wenke | Mumbai
Indien will die Industrialisierung vorantreiben und den Anteil des verarbeitenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt von rund 14 Prozent auf 25 Prozent erhöhen. Gleichzeitig hat sich das Land das Ziel gesetzt, bis 2070 klimaneutral zu werden. Dafür muss die Emission von Kohlendioxid (CO₂) in der Industrie sinken. Geht es nach dem Willen der Regierung, soll dem Land nun der Spagat zwischen Wirtschaftswachstum sowie vermehrter Industrialisierung, bei gleichzeitiger Reduktion des CO₂-Ausstoßes gelingen.
Einsparziele für CO2-Ausstoß sind nun klar
Seit 2012 verfügt Indien mit Perform, Achieve, Trade (PAT) über einen Mechanismus zur Steigerung der Energieeffizienz in der Industrie. Mithilfe von PAT erhalten Unternehmen Zertifikate, wenn sie ihren Energieverbrauch unter einen vorher definierten Wert senken. Diese Zertifikate können sie anschließend an andere Unternehmen verkaufen, die ihre Einsparziele nicht erreichen. Innerhalb der Chemiebranche ist PAT für Unternehmen der Petrochemie, in der Düngerherstellung und bei der Produktion von Chloralkali relevant.
PAT zeigt über verschiedene Projektzyklen hinweg bisher geringe Wirkung. Dafür wird unter anderem ein Überangebot an Zertifikaten verantwortlich gemacht. Auch eine Preisuntergrenze dafür konnte das Problem nicht lösen. Seit Januar 2023 gilt indessen der Energy Conservation (Amendment) Act 2022. Damit hat die Regierung eine gesetzliche Basis für einen Handel mit CO₂-Zertifikaten geschaffen, der das PAT-Programm ablösen soll. Im Juli 2024 veröffentlichte das Bureau of Energy Efficiency (BEE) Richtlinien für den neu gestalteten Zertifikatehandel. Im Oktober 2025 folgte die Bekanntgabe der Einsparziele für den CO₂-Austoß in wichtigen Zielsektoren, darunter im Bereich der Chloralkali-Herstellung. Im genannten Bereich müssen die in den Unterlagen erwähnten Firmen Einsparungen von etwa 3 bis 11 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2023/2024 erreichen. Bisher zählt Indien zu den weltweit größten Anbietern von CO₂-Zertifikaten, allerdings sitzen die Käufer meist im Ausland. Das Ziel des neu gestalteten Emissionshandels ist es, dass die CO₂-Zertifikate vermehrt im Inland gehandelt werden und damit Anreize für Investitionen in Energieeffizienz liefern.
Über Wasserstoff wird gesprochen
Die Chemiebranche setzt vermehrt auf alternative Bezugsquellen, um ihren Energie- und Strombedarf zu decken. Erneuerbare Energien anstatt Kohle und Gas ist die Devise. Die Unternehmen versuchen beispielsweise, Solarenergie zu nutzen. Während für kleinere Unternehmen insbesondere Aufdachanlagen von Interesse sind, beteiligen sich Großunternehmen gleich an kompletten Solarparks oder errichten Anlagen direkt selbst. Die Exportinitiative Energie des Bundes bietet regelmäßig die Möglichkeit, an geförderten Projekten rund um Erneuerbare Energien und Energieeffizienz in der Industrie in Indien teilzunehmen. Die Maßnahmen sind dazu geeignet, den Markt kennenzulernen, den Vertrieb zu unterstützen und Kontakte zu Geschäftspartnern zu finden.
Die Produktion von grünem Wasserstoff sowie grünem Harnstoff ist ein Thema, mit dem sich die Chemiebranche in Indien befasst, melden Branchenexperten. Für die Unternehmen der Chemiebranche ist Wasserstoff überwiegend für den Eigenbedarf von Interesse. Indiens Ziele sind ambitioniert. Bis 2030 sollen jährlich 5 Millionen Tonnen grüner Wasserstoff produziert werden. Die installierte Leistung an Elektrolyseuren soll dann zwischen 60 und 100 Gigawatt (GW) liegen. Zudem sollen nur für die Wasserstoffproduktion erneuerbare Energien mit einer Kapazität von 125 GW installiert werden. Die Umsetzung der Ausbauziele erfolgt jedoch nur langsam. Dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis zufolge gab es im August 2025 genau 158 Projekte, die sich mit der Produktion von grünem Wasserstoff befassen. Rund 94 Prozent davon, mit einem Volumen von 11,2 Millionen pro Jahr, waren lediglich angekündigt. Bereits in Betrieb befanden sich Anlagen mit einer Kapazität von 0,3 Millionen Tonnen.
Unternehmen setzen sich individuelle Ziele
Viele Branchenunternehmen wollen das Ziel der Klimaneutralität bereits früher als 2070 erreichen. So hat sich Reliance Industrie bis 2035 Zeit gegeben, um hinsichtlich der Emission von Treibhausgasen als Net-Zero zu gelten. Das Unternehmen zählt zu den führenden Akteuren im Petrochemiegeschäft und setzt damit ein starkes Signal für die Transformation der Industrie. Die beiden staatlichen Petrochemiekonzerne Bharat Petroleum und Hindustan Petroleum möchten das gleiche Ziel bis spätestens 2040 erreichen. Insbesondere große Unternehmen gehen hier voran. Sie setzen dabei nicht auf eine einzelne Maßnahme, um Emissionen zu reduzieren. Neben einer grüneren Energieversorgung kommen auch Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz zum Einsatz. Staatsunternehmen schreiben die Projekte meist zentral über entsprechende Unterseiten auf ihrer Webseite aus. Viele der privaten Großunternehmen verfahren ähnlich.
Regenerative Ausgangsstoffe für die Herstellung von Chemikalien spielen bisher noch eine untergeordnete Rolle, berichten Unternehmensvertreter. Gründe dafür sind die noch nicht ausreichende Verfügbarkeit und der Preisnachteil im Vergleich mit herkömmlichen Inputgütern. Ihre Bedeutung dürfte in den kommenden Jahren jedoch zunehmen.
Der CO2-Grenzausgleichsmechanismus der Europäischen Union (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) stößt indes auf wenig Begeisterung in der Branche. Er wird überwiegend als nicht-tarifäres Handelshemmnis empfunden. Auf politischer Ebene unternimmt Indien daher Versuche, die Wirtschaft von den Folgen von CBAM zu schützen. Derzeit scheint es unwahrscheinlich, dass im Zuge der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen Konzessionen für Indien gemacht werden. Es ist daher wahrscheinlich, dass Indien zu wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen greifen wird.