Wirtschaftsumfeld | Indien | Struktur Außenhandel
Chinesische Waren ersetzen deutsche Importe in Indien
Chinesische Waren haben eine starke Stellung bei Indiens Einfuhren, während Deutschlands Importanteil schrumpft. Der Wettbewerb bei zentralen Industriegütern verschärft sich.
20.05.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Warenimporte aus China haben in Indien an Bedeutung gewonnen, während die Relevanz deutscher Einfuhren abgenommen hat. Im Finanzjahr 2009/2010 (1. April bis 31. März) lag Chinas Anteil an den indischen Gesamtimporten noch bei 10,7 Prozent. Bis 2025/2026 stieg dieser Wert auf 17,0 Prozent. Im gleichen Zeitraum ging der Anteil der indischen Importe aus Deutschland von 3,6 Prozent auf 2,5 Prozent zurück.
Gleichzeitig hat sich das Verhältnis im Warenhandel mit China immer mehr zu Ungunsten Indiens entwickelt. Das Handelsbilanzdefizit mit dem Nachbarn im Norden ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, weil Indien immer mehr chinesische Waren einkauft. Zwischen 2020/2021 und 2025/2026 legte es um 154,8 Prozent zu. Mittlerweile steht das Defizit im Warenhandel mit China für etwas über ein Drittel des gesamten Handelsbilanzdefizits Indiens.
Chinas ökonomischer Aufstieg der vergangenen Jahrzehnte sorgt dafür, dass Produkte aus dem Reich der Mitte zunehmend als Konkurrenz zu deutschen Produkten auftreten. Auch in Indien ist das spürbar. Im Gespräch mit indischen Unternehmensvertretern werden als Vorteile für Waren aus China zumeist der geringere Preis und häufig auch kürzere Lieferzeiten genannt. Die Fähigkeit, Komplettlösungen und nicht nur einzelne Anlagen oder Teile zu liefern, sehen indische Unternehmen ebenfalls als Vorteil.
Während "made in Germany" in Indien nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf genießt, haben viele indische Unternehmen gemerkt, dass Produkte aus China technologisch und qualitativ aufgeholt haben und mittlerweile teilweise sogar führend sind.
Chinesische Waren sind wichtig für Indiens Industrie
Auch die Struktur des Handels ist bedeutend. Der indische Think Tank Global Trade Research Initiative (GTRI) geht davon aus, dass 98,5 Prozent der indischen Importe aus China Industrieprodukte sind. Damit steht China für 30,8 Prozent aller indischen Importe von Industriegütern, obwohl der Anteil an den Gesamtimporten mit 17 Prozent deutlich geringer ist.
Berechnungen von GTRI zufolge ist Chinas Dominanz in den Bereichen Elektronik, Maschinen, organische Chemikalien und Computer besonders groß. Etwa 66 Prozent der Importe im Wert von 82,6 Milliarden US-Dollar (US$) entfielen auf diese Produkte. China stand dabei für 44 Prozent der indischen Einfuhren an organischen Chemikalien, 43 Prozent bei Elektronik und 40 Prozent bei Maschinen- und Computern. Insbesondere in den Bereichen Maschinen und anorganische Chemikalien tritt China dabei in Konkurrenz mit deutschen Produkten.
Durch den hohen Anteil an Industriegütern besitzen chinesische Produkte eine wichtige Stellung in indischen Lieferketten. So wäre etwa das Wachstum im Bereich der erneuerbaren Energien in Indien ohne chinesische Technologie schwer vorstellbar. Auch Indiens Pharmasektor bezieht viele Vorerzeugnisse aus China, etwa aktive pharmazeutische Wirkstoffe.
Indien erleichtert Investitionen aus China (ein bisschen)
Im Jahr 2020 hatte Indien Investitionen aus allen angrenzenden Ländern regulatorisch stark eingeschränkt. Investitionen bedurften nun der Zustimmung der indischen Regierung. Während der Wirtschaftsstandort Investitionen aus dem Ausland grundsätzlich willkommen hieß, wurden sie für Nachbarländer Indiens de facto unmöglich. Diese Maßnahme war insbesondere gegen China gerichtet, mit dem Indien zu dem Zeitpunkt Grenzstreitigkeiten austrug.
Änderungen im Investitionsrecht erlauben China nun wieder ein stärkeres Engagement. Im März 2026 hat Indien die Türen für Investitionen wieder geöffnet – jedoch nur einen Spaltbreit. Unternehmen mit einer Minderheitsbeteiligung von nicht mehr als 10 Prozent können nun wieder über die "Automatic Route" investieren. Bei dieser kommt ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren zum Tragen. Für alle weiteren Investitionen ist weiterhin die "Government Route" mit umfassenden Zustimmungsverfahren notwendig.
Zudem soll der Prozess der Entscheidungsfindung deutlich beschleunigt werden. Die Handlungsanweisungen der Regierung sehen vor, dass innerhalb von 60 Tagen über Investitionsvorhaben entschieden werden soll. Die Regierung hat eine Liste mit sechs Branchen und über 40 dazugehörigen Einzelprodukten veröffentlicht. Sie zeigen die gewünschten Schwerpunkte für chinesische Investitionen auf. Investitionsvorhaben für diese Produkte sollen besonders zügig bearbeitet werden. Zu den gelisteten Produkten zählen auch solche, die zu den typischen Stärken deutscher Hersteller gehören, beispielsweise Maschinen für die Metallverarbeitung, Sensoren und optische Instrumente.
Chinesischer Anteil an ausländischen Direktinvestitionen steigt
Die Änderung dürfte mit der Einsicht zusammenhängen, dass Indien Investitionen und Know-how aus dem Ausland benötigt, um die Industrialisierung im Land voranzubringen. Zudem hofft Indien von der Verlagerung von Lieferketten aus China heraus zu profitieren. Diese sollen allerdings mit chinesischer Expertise und Kapital in Indien entstehen.
Die Ratingagentur Crisil schätzt, dass Chinas Anteil an den Direktinvestitionen (Foreign Direct Investments; FDI) in Indien infolge der geänderten Regelungen auf etwa 2 Prozent steigen könnte. Bei diesem Wert lagen die chinesischen FDI bereits in den Jahren von 2014 bis 2019, ehe sie zwischen 2020 und 2025 auf 0,3 Prozent sanken.
Bei 2 Prozent liegen auch die deutschen FDI in Indien, bezogen auf den Zeitraum April 2000 bis Dezember 2025. Im Finanzjahr 2024/2025 lag der Anteil der deutschen FDI nur bei knapp 1 Prozent.
Mit dem Aufbau von Produktionsstätten würden chinesische Unternehmen in Konkurrenz zu den rund 2.000 in Indien tätigen deutschen Unternehmen treten. Der Kostenvorteil einer innerindischen Produktion wäre dann für beide Seiten gleich. Zudem erleichtern solche Standorte eine Teilnahme an lokalen Ausschreibungen. Diese fordern immer öfter eine Präsenz in Indien und enthalten zunehmend auch "Local Content"-Klauseln.