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Indien sucht den Weg in weltweite Lieferketten

Indien will seine Einbindung in internationale Lieferketten ausweiten. Handelsabkommen spielen dabei eine zentrale Rolle.

Florian Wenke

Von Florian Wenke | Mumbai

Mithilfe der neuen Außenhandelsleitlinien von 2023 sollen der indische Waren- und der Dienstleistungsexport zusammengenommen von geschätzten 860 Milliarden US-Dollar (US$) im Finanzjahr 2025/2026 (1. April bis 31. März) auf 2 Billionen US$ im Jahr 2030 steigen. Zum Vergleich: Die Warenexporte Deutschlands hatten 2025 einen Wert von 1,6 Billionen US$. Gemessen an der Größe der indischen Volkswirtschaft ist die Einbindung in internationale Lieferketten bisher gering. Die Wirtschaft ist überwiegend binnenorientiert und hat sich erst seit den 2000er-Jahren stärker nach außen geöffnet. 

Laut der Welthandelsorganisation lag Indien 2025 mit einem Anteil an den weltweiten Warenausfuhren von 1,7 Prozent auf Rang 19 der weltweit größten Exporteure. Bei den Importen lag das Land auf Rang 9 mit einem Anteil an den weltweiten Wareneinfuhren von 2,8 Prozent. Deutschland lag jeweils auf dem 3. Rang mit Anteilen von 6,7 Prozent bei den Exporten und 5,8 Prozent bei den Importen. Bei den Dienstleistungen spielt Indien seine komparativen Vorteile aus. Hier liegt das Land bei Service-Exporten auf Rang 8 (Anteil: 4,3 Prozent) und bei den Importen auf Rang 9 (3,2 Prozent). 

Indien ist sehr an Handelsabkommen interessiert

Die Regierung in New Delhi ergreift weitere Maßnahmen, um den Außenhandel zu stärken. Lange zeigte sich Indien in Bezug auf Handelsabkommen skeptisch. Seit einigen Jahren strebt Indien aber solche Vereinbarungen mit verschiedenen Partnern an. Im Jahr 2022 unterzeichnete das Land ein Freihandelsabkommen mit Australien. Auch mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ging Indien ein entsprechendes Abkommen ein. Es folgten Abkommen unter anderem mit der Europäischen Freihandelsassoziation (European Free Trade Association; EFTA), dem Vereinigten Königreich und Mauritius. 

Anfang 2026 gab es eine 1. Verhandlungsrunde zwischen Indien und Israel für ein Freihandelsabkommen. Auch mit Kanada wird derzeit an einem Abkommen gearbeitet. Diese Beispiele zeigen, dass Indien Interesse an regelbasiertem Handel hat und zunehmend bereit ist, den eigenen Markt durch Handelsabkommen zu öffnen. Der Abschluss der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit der EU war für Indien ein Baustein in einem größeren Projekt.

Indiens Rolle in weltweiten Lieferketten wird neu verteilt

Die zunehmenden Abschlüsse von Handelsabkommen markieren einen Paradigmenwechsel für die indische Wirtschaft. Jahrzehntelang war sie vor ausländischen Konkurrenzprodukten hinter (teils sehr hohen) Zollmauern geschützt. Der Binnenmarkt trieb die wirtschaftliche Entwicklung an und das sorgte dafür, dass Indien für internationale Krisen weniger anfällig war. Auf der anderen Seite war die Produktion im Land um ein Vielfaches teurer als im Ausland. 

Die fallenden Zollschranken werden den Wettbewerb auf dem indischen Markt erhöhen. Das wird zum einem zu sinkenden Preisen für die Verbraucher führen. Gleichzeitig werden indische Hersteller durch Konkurrenzdruck zu besserer Qualität angetrieben, was wiederum indische Waren zukünftig auch auf den Weltmärkten konkurrenzfähiger machen wird.  

Durch mehr Handelsabkommen verändert sich Indiens Rolle in den weltweiten Lieferketten. Das Land wird nicht mehr nur überwiegend Absatzmarkt und Standort für eine auf den lokalen Markt ausgerichtete Produktion sein, sondern an Bedeutung als weltweiter Produktionsstandort gewinnen. 

Die indische Regierung hat Interesse an einer stärkeren Einbindung in internationale Lieferketten. Sie hat erkannt, dass in- und ausländische Unternehmen mit ihren Produkten den großen lokalen Markt bedienen wollen. Bevor Unternehmen jedoch in eine Fertigung vor Ort investieren, möchten viele von ihnen den Markt durch Exporte testen. 

Zudem benötigen viele Waren Inputgüter aus verschiedenen Teilen der Welt, auf denen hohe Zölle lasten. Diese inverse Struktur sorgt dafür, dass Vor- und Zwischenerzeugnisse bisweilen einen höheren Zollsatz haben als die fertigen Produkte, für die sie benötigt werden. Das macht die Fertigung im Land mitunter unrentabel. Handelsabkommen können dies durch niedrigere Zollsätze ändern. Zudem ermöglichen sie einen besseren Marktzugang für indische Produkte im Ausland. 

Zölle verteuern ausländische Produkte bisher deutlich

Die Welthandelsorganisation gibt den durchschnittliche Zollsatz Indiens 2025 im Rahmen der Meistbegünstigungsklausel mit 15,8 Prozent an. In China lag der Vergleichswert bei 7,5 Prozent und in Vietnam bei 9,5 Prozent (für 2024). Zwischen Agrar- und Nicht-Agrargütern bestehen deutliche Unterschiede. Bezogen auf 2024 fiel für Agrargüter im Durchschnitt ein Zollsatz von 36,7 Prozent und für Nicht-Agrargüter von 13,0 Prozent an. 

Das trifft auch deutsche Exporteure. Durch die Zölle werden ihre Produkte im preissensiblen indischen Markt teurer und machen sie weniger konkurrenzfähig. Mit dem Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU wird sich dies zukünftig ändern. Dabei ist hervorzuheben, dass Indien die Zölle von einem deutlich höheren Niveau senkt als die EU.

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