Wirtschaftsausblick | Irland
US-Zollpolitik bedroht Irlands Wirtschaftsmodell
Auf dem Papier leidet Irlands Wirtschaft noch nicht unter dem Auf und Ab der US-Handelspolitik. Entscheidend werden aber 2026 vor allem US-Zölle auf Pharmaprodukte sein.
27.01.2026
Von Marc Lehnfeld | London
Top-Thema: US-Zollpolitik bedroht weiterhin Pharmasektor
Die neue US-Handelspolitik setzt Irlands wichtigste Exportbranche, die Pharmaindustrie, erheblich unter Druck. Seit 2025 prüft die US-Administration unter Präsident Trump im Rahmen einer Section-232-Untersuchung, ob Arzneimittelimporte die nationale Sicherheit gefährden.
Irland ist der wichtigste Pharmalieferant der USA. Rund 45 Prozent der irischen Pharmaexporte gingen 2024 dorthin. Die Pharmaindustrie zählt zu den stärksten Industriesektoren in Irland. Laut dem Zentralverband Ibec erwirtschaftet der Sektor ein Fünftel der nationalen Wirtschaftsleistung und beschäftigt direkt und indirekt 80.000 Menschen. Die größten Branchenunternehmen sind vor allem US-Konzerne wie Pfizer, Eli Lilly oder MSD, die dort für den Export auf westliche Absatzmärkte produzieren.
Seit 1. Oktober 2025 erhebt die US-Regierung 100 Prozent Zoll auf alle Importe von marken- und patentgeschützten Arzneimitteln, sofern Hersteller keine Produktion oder laufenden Projekte in den USA haben. Für europäische Anbieter gilt ein Zolldeckel von 15 Prozent. Damit ist die Belastung für Produzenten in Irland mit Exportdestination USA zwar geringer, doch neue Milliardenprojekte auf der Insel fehlen ebenso wie Hinweise auf Produktionsverlagerungen. Allerdings belaufen sich laut Fierce Pharma die angekündigten Investitionen großer Pharmakonzerne in den USA auf über 370 Milliarden US-Dollar in fünf Jahren, ob als direkte Folge der Zölle, bleibt offen.
Die aktuellen Entwicklungen verändern allmählich den Blick auf Irlands Geschäftsmodell. Noch vor einigen Jahren galt das Exportmodell der Insel als Erfolgsgeschichte. Unter der neuen dynamischen Handelspolitik zeigt sich nun ausgerechnet die Pharmaindustrie als Irlands wirtschaftliche Achillesferse. Wie stark die neuen globalen handelspolitischen Strömungen die Branchen treffen werden, bleibt abzuwarten. Mit der andauernden Section 232-Untersuchung besteht weiterhin ein wesentliches Eskalationspotenzial.
Wirtschaftsentwicklung: Starke Binnenkonjunktur bei hoher außenwirtschaftlicher Unsicherheit
Irlands wirtschaftliche Lage bleibt robust. Das Economic and Social Research Institute (ESRI) erwartet für 2026 ein Wachstum der modifizierten Binnennachfrage um 2,1 Prozent. Die von ESRI prognostizierte BIP-Schrumpfung um 5,7 Prozent ist deshalb nur technisch und nicht realwirtschaftlich begründet (siehe Infobox). Nach einem starken Ausschlag um 4 Prozent in 2025 wird das diesjährige Wachstum durch stagnierende Investitionen gedämpft. Wachstumstreiber sind vor allem der im Vergleich zur Binnennachfrage überdurchschnittliche öffentliche und private Konsum.
Modifizierte Binnennachfrage (MDD) versus Bruttoinlandsprodukt (BIP)
Irlands BIP wird stark durch Aktivitäten multinationaler Konzerne verzerrt, etwa durch Gewinnverschiebungen, Flugzeugleasing und Transfers von geistigem Eigentum. Diese Effekte lassen das BIP künstlich steigen und geben kein realistisches Bild der Binnenkonjunktur. Das irische Statistikamt (CSO) und zahlreiche Prognoseinstitute nutzen deshalb die modifizierte Binnennachfrage (Modified Domestic Demand, MDD) als besseren Indikator. Sie basiert auf dem Ausgabenansatz und umfasst Staats- und Privatkonsum sowie Bruttoanlageinvestitionen, die um verzerrende Konzerntransaktionen wie Leasingflugzeuge und Transfers von geistigem Eigentum bereinigt werden. Der Vorteil ist, dass die modifizierte Binnennachfrage die reale Nachfrage im Inland zeigt und damit die wirtschaftliche Dynamik, die für Beschäftigung und Investitionen entscheidend ist.
Mehr Informationen zum MDD bietet das irische Statistikamt.
Der Staatskonsum gewinnt in diesem Jahr weiter an Dynamik und legt mit einem Realwachstum von 3,5 Prozent 2026 im Vergleich zum Vorjahr zu. Erheblich ist das Engagement der irischen Regierung beim Infrastrukturausbau. Der dafür aufgelegte National Development Plan wurde im Juli 2025 aktualisiert und investiert zwischen 2026 und 2030 mehr als 102 Milliarden Euro in den Wohnungsbau, den Aufbau und die Modernisierung der Wasser- und Energienetze, sowie den Ausbau von Straßen und klimafreundlichem ÖPNV, wie die geplante U-Bahn-Verbindung MetroLink für die Hauptstadt Dublin.
Investitionen schwächen sich ab
Der private Konsum bleibt zwar noch überdurchschnittlich stark, verliert aber 2026 an Dynamik. Dafür sorgen leichte Verschärfungen auf dem Arbeitsmarkt, denn laut ESRI steigt die Arbeitslosenquote 2026 weiter von 4,8 auf 5,2 Prozent. Die Ökonomen von KPMG Ireland verweisen außerdem auf die im EU-Vergleich hohen Lebenshaltungskosten und das abflachende Reallohnwachstum. Sie sehen das Risiko, dass sich die Inflation langsamer entspannt als erhofft.
Die Investitionen der gewerblichen Wirtschaft werden sich voraussichtlich schwächer entwickeln als im Vorjahr, allerdings laut ESRI vorwiegend aufgrund von Basiseffekten, also starken Transaktionen von geistigem Eigentum. Insgesamt sind aber gewerbliche Investitionen stark von den Plänen ausländischer Ankerinvestoren, vor allem aus den USA, abhängig, die sich nur schwer prognostizieren lassen.
Zollstreit treibt Irlands Handel und Pharmaexporte
Die handelspolitischen Diskussionen und neuen Zollhürden wirken stark auf den irischen Außenhandel. Im Zeitraum Januar bis Oktober 2025 ist das Handelsvolumen nominal um 15,9 Prozent gestiegen, vor allem wegen der Bewegungen von Arzneimitteln. Vor der Zollankündigungswelle des frisch ins Amt eingeführten US-Präsidenten Donald Trump im April 2025 haben Pharmahersteller in den USA ihre Lagerbestände so kräftig aufgebaut, dass sich Irlands Arzneiexporte dorthin bis Ende März 2025 kumuliert fast verfünffacht haben.
Seitdem entwickeln sich die Pharmaausfuhren erratisch mit monatsweise starken Anstiegen und Rückgängen. Bis Oktober 2025 lagen die gesamten irischen Pharmaexporte noch 52,4 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Deutsche Perspektive: Handel mit Bundesrepublik profitiert vom Pharmaboom
Die deutschen Pharmalieferungen, größtenteils Vorprodukte, profitieren vom Boom der irischen Arzneimittelexporte und legten von Januar bis Oktober 2025 um 120,6 Prozent zu. Sie machen damit mittlerweile rund die Hälfte der irischen Einfuhren aus der Bundesrepublik aus. In der Vorjahresperiode war es noch ein Drittel.
Jenseits des Pharma-Turbos entwickeln sich die Importe aus Deutschland eher stabil. Vor allem sonstige Transportmittel, darunter Flugzeuge, stiegen um 70,5 Prozent, gefolgt von der drittgrößten Einfuhrkategorie, den Straßenfahrzeugen, die um fast 3 Prozent - also nur leicht über der Inflationsrate - angewachsen sind.
Die moderate Importentwicklung spiegelt die gute Geschäftslage für deutsche Unternehmen nicht ganz wieder. Die Leasinggesellschaft Avolon bestellte im Sommer 2025 insgesamt 90 Airbus-Flugzeuge, wovon auch die deutschen Produktionsstätten erheblich profitieren. Siemens Mobility sicherte sich einen über 100 Millionen Euro schweren Auftrag zur Modernisierung der signaltechnischen Bahninfrastruktur.
- Irland
- Wirtschaftsumfeld
- Wirtschaftsstruktur
- Konjunktur
- Außenhandel, Struktur
- Wirtschaftsumfeld