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Nachhaltige Bauplanung wächst in Italien stark
Kein Gebäude lässt sich in Italien inzwischen ohne Nachhaltigkeitskriterien projektieren. Hierzu zwingen verschärfte Bauvorschriften, steigende Energiekosten und Kundenansprüche.
29.01.2026
Von Torsten Pauly | Mailand
Die Nachfrage nach nachhaltigen Architekturdienstleistungen wächst in Italien stark. Das Institut Grand View Horizon beziffert den Markt hierfür für 2024 auf 19,1 Milliarden Euro und erwartet bis 2030 jährliche Wachstumsraten von durchschnittlich 10,5 Prozent. Dies bietet deutschen Büros viele Auftragschancen, insbesondere bei Erfahrungen mit hoher Energieeffizienz, smarter Gebäudesteuerung und dem Einsatz von Holz und anderen nachhaltigen Baustoffen.
Fachmessen
Zur Kontaktanbahnung bietet sich jedes Jahr die Messe CaseItaly Expo an, die vom 11. bis 13. Februar 2026 in Bergamo stattfindet. Die bedeutendste italienische Fachmesse ist alle zwei Jahre die Made Expo in Mailand. Die nächste Ausgabe geht vom 17. bis 20. November 2027 über die Bühne.
Auch italienische Architekturbüros haben in den letzten Jahren nachhaltige Gebäude mit weltweiter Strahlkraft realisiert. Das bekannteste davon ist der “Vertikale Wald”, der “Bosco Verticale“, in Mailand. Stefano Boeri entwarf zwei 76 Meter und 110 Meter hohe Wohntürme, deren Außenfassade von über 20.000 Pflanzen – darunter etwa 800 Bäumen – geprägt ist. Die so erreichte CO2-Einsparung entspricht 5 Hektar natürlichen Waldes.
Mailand ist die führende Metropole für nachhaltige Architektur
In Mailand entsteht bis 2030 auch das Areal Aria: Die Umwandlung des ehemaligen städtischen Schlachthofs in ein klimaneutrales Smart-City-Quartier mit über 1.000 Wohnungen und ausgedehnten Grünflächen. Ein anderes Mailänder Scalo Greco Breda genanntes Projekt wandelt bis 2028 einen ehemaligen Rangierbahnhof in einen Niedrigstenergiekomplex mit 330 Wohnungen und 445 Wohnheimplätze für Studierende um. Beide Projekte wurden von der globalen Reinventing-Cities-Initative ausgezeichnet.
Die größte italienische Bank Unicredit errichtet in Mailand bis 2030 ihre neue Zentrale und ein nachhaltiges Stadtviertel inklusive Wohnungen, Geschäften und Büros für weitere Nutzer auf dem ehemaligen Areal weiterer Rangierbahnhöfe. Dies projektiert das schweizerische Architekturbüro Herzog de Meuron.
In Neapel beginnt 2026 die Realisierung des Masterplans Napoli Porta Est. Dies projektiert das Büro Zaha Hadid Architects. In dem früher von der Schwerindustrie geprägten Gebiet entsteht ein neues Viertel zum Wohnen, Arbeiten und Einkaufen inklusive ausgedehnter Grünflächen. Porta Est wird auch ein neuer Knotenpunkt des öffentlichen Personennahverkehrs. Die Planung berücksichtigt die neuesten Standards der Bioklimatisierung, erneuerbarer Energienutzung und Abwasserentsorgung.
Holzgebäude liegen im Trend
Italien ist der drittgrößte europäische Markt für Holzwohngebäude. Neben der Nachhaltigkeit, Ästhetik und leichten Bearbeitung hat Holz als Baumaterial in Italien einen weiteren Vorteil: Das geringe Gewicht und hohe statische Tragreserven erhöhen die Erdbebensicherheit.
In Latina bei Rom entsteht das bisher höchste italienische Holzgebäude. Dieses wird mit einer Höhe von 40 Metern elf Etagen mit Wohnraum umfassen. Ein Großprojekt in Modena ist eine Sporthalle aus Massivholz. Diese wird eine Grundfläche von 980 Quadratmetern und eine Höhe von 9 Metern haben. Die Planung stammt von Bruno di Petri.
Südtirol hat eine rege Szene für nachhaltige Architektur
Für deutsche Architekturbüros kann sich die Autonome Provinz Bozen/Südtirol zum Markteinstieg in Italien eignen. Dies liegt neben der geografischen Nähe und deutschen Amtssprache auch daran, dass das Gebiet einer der größten Märkte für nachhaltige Gebäudeplanung ist. Etwa 19 Prozent des italienischen Marktes für Holzwohngebäude entfielen 2022 auf Bozen/Südtirol und die benachbarte Autonome Provinz Trentino.
Ein südtiroler Cluster für nachhaltige Gebäudeplanung und -ausführung ist Vivius. Diesem gehören auch Forschungsinstitute im In- und Ausland sowie verschiedene Kommunen an. Auch die Architektenkammer der Autonomen Provinz hat sich die 17 Ziele der Vereinten Nationen für Nachhaltigkeit im gebauten und sozialen Umfeld als Agenda 2030 gesetzt.
Es gibt Cluster in mehreren Landesteilen
Eine wichtige landesweite Vereinigung für nachhaltige Bauplanung ist das Green Building Council Italia. Diesem gehören unter anderem der Italienische Verband für Architektur, Kunst und urbane Erneuerung Assorestauro an. Das Green Building Council Italia ist Mitglied im weltweiten World Green Building Council.
Darüber hinaus existiert das Green Cluster, an dem unter anderem der italienische Holzbauverband Legnoarredo beteiligt ist. Ein bedeutendes regionales Cluster ist das Venetian Green Building Cluster in der Region Venetien. Auf Sizilien existiert das Cluster Ecomodus für nachhaltige Gebäudewirtschaft, Energieeffizienz und den Einsatz erneuerbarer Energien.
In Italien gibt es auch eine expandierende Start-up-Szene für nachhaltige Gebäudeentwicklung. Das Portal Tracxn hat Ende 2025 insgesamt 93 Start-ups in der Kategorie "Green Buildings" gelistet. Etwa jedes zehnte davon ist Mitglied im Netzwerk EmiliaRomagnaStartup in der mittelitalienischen Region. Das piemontesische Zentrum Centro Estero per l’Internazionalizzazione vereint auch Firmen aus der Sparte "Green and Smart Building".
Nachhaltigkeitsvorgaben für Gebäude sorgen für viele Aufträge
Nachhaltige Architekturplanung befindet sich auch wegen administrativer Vorgaben im Aufschwung. Italien muss die Vorgaben der Richtlinie der Europäischen Union über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden umsetzen. Diese sieht unter anderem vor, dass sich der Energieverbrauch von Wohngebäuden zwischen 2020 und 2030 um 16 Prozent reduziert. Alle EU-Vorgaben erfordern laut einer Schätzung der Italian Surveyers Foundation bis 2030 jährliche Investitionen von bis zu 14 Milliarden Euro und bis 2035 von weiteren insgesamt 61 Milliarden Euro.
Der italienische Staat fördert nachhaltige Gebäude und deren Planung auch mit mehreren Programmen: Diese heißen Ecobonus für hohe Energieeffizienz, Bonus Ristrutturazioni für Renovierungen und Sismabonus für Erdbebensicherheit.
Architekturbüros müssen auch die 2024 teilweise verschärften Mindestumweltstandards für Gebäude berücksichtigen. Diese heißen auf Italienisch Criteri Ambientali Minimi und enthalten Vorgaben für den Recyclinganteil neu eingesetzter Baustoffe und zur erforderlichen Wiederverwertbarkeit bei deren Abriss.