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Fachkräfte

Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist im wirtschaftsstarken Norden sehr viel höher als im Süden Italiens. Das Bildungssystem erhält Bewertungen im OECD-Mittelfeld. 

Oliver Idem

Von Oliver Idem | Bonn

In Italien steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften weiter. So soll die Beschäftigung 2026 und 2027 um jeweils 0,2 Prozent zunehmen, prognostizierte die EU-Kommission im Frühjahr 2026. Etwas stärker wird das italienische Bruttoinlandsprodukt (BIP) preisbereinigt ansteigen: Für 2026 wird ein Zuwachs von 0,5 Prozent und für 2027 von 0,6 Prozent erwartet.

Mit der gestiegenen Nachfrage nach Arbeitskräften ist die Arbeitslosenquote seit Jahren stetig gesunken. Lag sie 2024 noch bei 6,6 Prozent, erwartet die Europäische Kommission 2026 und 2027 nurmehr 5,7 Prozent. 

Obwohl die Quote der Beschäftigungslosen in allen Landesteilen sinkt, besteht weiter ein ausgeprägtes Nord-Südgefälle. Im Jahr 2025 war die Arbeitslosenrate im Mezzogiorno nahezu dreimal so hoch wie im Norden. Der Mezzogiorno umfasst die sechs südlichsten Festlandsregionen sowie Sizilien und Sardinien.

Die industrie- und technologiegeprägte Wirtschaft ist vor allem in den nördlichen Regionen Lombardei, Venetien und Emilia-Romagna stark konzentriert. Dort gibt es höhere Vakanzen und Fachkräftemangel besonders in Bereichen wie Ingenieurswesen, Mechatronik, IT und Bauwirtschaft.

Fachkräftemangel nimmt aus mehreren Gründen zu

Der Beschäftigungsaufbau verstärkt die Knappheit an Fachkräften. Hinzu kommt eine alternde Gesellschaft, die den Mangel in den kommenden Jahren zusätzlich verschärfen wird. Bis 2030 werden in Italien 4,3 Millionen Menschen das Renteneintrittsalter und nur 2,9 Millionen Jugendliche die Volljährigkeit erreichen.

Die regionalen Unterschiede bei der Verfügbarkeit von Fachkräften sind erheblich. Aufgrund der höheren wirtschaftlichen Aktivität und Erwerbsbeteiligung gestaltet sich die Besetzung offener Stellen insbesondere im Nordosten deutlich schwieriger als im Süden. Die überwiegend in Nord- und Mittelitalien beheimateten Maschinen- und Fahrzeughersteller, die dortige Chemie-, Mode- und Möbelindustrie sowie die im ganzen Land tätigen Werften, Nahrungsmittel- und Getränkeverarbeiter, Baufirmen und Gesundheitsinstitutionen haben einen hohen Bedarf an Facharbeitern, Ingenieuren und anderen Führungskräften.

Allein im Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) gab es Ende 2024 laut Branchenverbänden 184.000 offene Stellenangebote. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, vergibt Italien erleichterte Arbeitsvisa an hochqualifizierte, im Homeoffice arbeitende IT-Fachkräfte, die weder aus der EU noch der Schweiz stammen. Außerdem können qualifizierte Staatsangehörige anderer Länder in Italien die Blue Card der EU erhalten. 

Auch für Tätigkeiten mit anderem Ausbildungsprofil gibt es einen hohen Bedarf. In Handel und Gastronomie fehlten 2025 etwa 260.000 Arbeitskräfte, so der Verband Confcommercio.

Generell gestalten sich Stellenbesetzungen im Norden erheblich schwieriger als im Süden des Landes. Die Beschäftigungsquote war 2024 in den nördlichen Gebieten um circa 20 Prozentpunkte höher als im Mezzogiorno.

Bildungswesen rangiert im Mittelfeld der Pisa-Studie

In Italien hatten 2024 genau 66,7 Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren einen mittleren oder gymnasialen Schulabschluss. Eine Hochschul- oder sonstige tertiäre Ausbildung hatten 22,3 Prozent absolviert. Der Trend geht zu einem langsam weiter steigenden Bildungsniveau.

In der neuesten Pisa-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erzielte das Bildungssystem 2022 bei den Mathematik-Kenntnissen Ergebnisse im Mittel aller OECD-Länder. Beim Leseverständnis schnitt Italien leicht über- und bei den Naturwissenschaften geringfügig unterdurchschnittlich ab.

Eine duale Ausbildung ist nur in der Autonomen Provinz Bozen/Südtirol Standard, zunehmend jedoch auch in anderen Gebieten anzutreffen. Es gibt bei deutschen Investoren viel Interesse an solch einer Berufsausbildung. Dies unterstützt auch die Deutsch-Italienische Handelskammer durch eine eigene Tochtergesellschaft.

Brain Drain aus dem Süden hält an

Im süditalienischen Mezzogiorno verfügten 2024 laut dem Statistikamt Istat 40,0 Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren über einen Abschluss im Sekundarbereich II und 18,9 Prozent über einen tertiären Abschluss. Im Norden des Landes erreichten die Anteile 46,8 beziehungsweise 23,2 Prozent. Die Vergleichszahlen aus dem Zentrum des Landes betrugen 46,2 respektive 26,0 Prozent.

Ein wesentlicher Grund für die Unterschiede ist das Gefälle bei der Wirtschaftskraft. Das BIP pro Kopf war 2024 im Nordwesten um 80 Prozent höher als im Mezzogiorno. 

Von 2013 bis 2022 sind 125.000 Hochschulabsolventen im Alter von bis zu 34 Jahren aus dem Süden in andere Regionen gezogen und zwischen 2014 und 2023 hat der Mezzogiorno insgesamt 550.000 Einwohner an nördliche italienische Gebiete abgegeben. Dies berichtet das nationale Statistikamt.

Regierung wirkt dem Arbeitskräftemangel entgegen

Im Jahr 2024 führte Italien im Rahmen des sogenannten „Decreto Coesione“ (Gesetzesdekret 60/2024) unter anderem Beitragsbefreiungen von bis zu 100 Prozent für unbefristete Einstellungen von jungen Menschen unter 35 Jahren vor, mit einer Laufzeit von bis zu 24 Monaten und einer monatlichen Obergrenze von etwa 500 Euro (650 Euro in den Regionen Süditaliens). 

Weitere Maßnahmen zielen auf Einstellungen von Langzeitarbeitslosen über 35 Jahren im Süden Italiens sowie die Beschäftigung von Frauen und mehr Selbstständigkeit.

Im Jahr 2023 hat Italien die EU-Richtlinie 2021/1883 umgesetzt und damit das System der EU Blue Card für hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Drittstaaten vereinfacht. Im Jahr 2024 wurde zudem ein Visum für „Digital Nomads“ und Remote-Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Staaten eingeführt. Es ermöglicht hochqualifizierten Fachkräften Aufenthalte in Italien, die für ausländische Unternehmen tätig sind oder selbstständig arbeiten. Dafür müssen Anforderungen in Bezug auf Einkommen, Krankenversicherung und berufliche Qualifikationen erfüllt werden.

Italien im weltweiten Vergleich

Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können. 

 

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