Der Arbeitsmarkt und die Arbeitskultur in Japan wandeln sich. Der Mangel an Fachkräften ist eine der zentralen Herausforderungen.
Der japanische Arbeitsmarkt ist fast leergefegt. Dies zeigt sich in einer geringen Arbeitslosenrate von 2,5 Prozent im Jahr 2024. Da Fachkräfte fehlen, umwerben Firmen junge, ins Erwerbsleben einsteigende Menschen frühzeitig. Dabei hat sich das Arbeitsumfeld in Japan, auch durch die Coronapandemie, gewandelt. Früher war die Arbeitswelt von Präsenzkultur und lebenslanger Anstellung geprägt. Beides bricht durch Digitalisierung, Telearbeit, Homeoffice, Alterung und Knappheiten am Arbeitsmarkt auf.
Die Arbeitslosenrate wird in Japan tendenziell weiter sinken, da bereits jetzt ein Fachkräftemangel herrscht und die Erwerbsbevölkerung schrumpft. Das Japan Research Institute geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im Fiskaljahr 2026 auf 2,3 Prozent fallen wird.
Mangel an Fachkräften treibt Firmen um
In Japan hat sich der Arbeitskräftemangel zu einem ständigen Begleiter der Firmen entwickelt. Das wirkt sich sowohl auf das Wachstum als auch langfristig auf die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen vor Ort aus. In der jährlichen Geschäftsklimaumfrage der Auslandshandelskammer (AHK) Japan für 2025 bleibt die Rekrutierung von gut ausgebildetem Personal die größte Herausforderung (82 Prozent).
Umso wichtiger sind Rahmenbedingungen, die darauf abzielen, Personal zu rekrutieren und zu halten. Die Bereitschaft junger Leute, den Job zu wechseln, ist gestiegen. Dies gilt mittlerweile auch für Angestellte mittleren Alters. Auch Firmen sind in dieser Beziehung offener geworden. Laut einer Umfrage der Wirtschaftszeitung Nikkei planen japanische Firmen im Fiskaljahr 2025 etwa 47 Prozent der offenen Positionen mit Jobwechslern zu besetzen. Im Fiskaljahr 2010 lag der Wert noch bei circa 10 Prozent.
Work-Life-Balance gewinnt an Bedeutung
Auch in Japan hat sich "Work-Life-Balance" etabliert. Mitte 2019 hat die Regierung schrittweise eine Work-Style-Reform eingeführt. Firmen sollen unter anderem sicherstellen, dass ihre Angestellten mindestens fünf bezahlte Urlaubstage pro Jahr nehmen, um so exzessiver Mehrarbeit und Überarbeitung vorzubeugen. Die neue Überstundenregelung legt Obergrenzen fest.
Bislang sind bei Bürotätigkeiten unbezahlte Überstunden keine Seltenheit. Ein weiteres Problem ist, dass Arbeitnehmer ihren Urlaub nicht ausschöpfen. Von den im Jahr 2024 durchschnittlich 16,9 Tagen bezahlten Urlaubs wurden nur 11,0 Tage genommen. Um die Lohnschere zwischen Festangestellten und Teilzeitkräften zu verringern, gelten seit 2020 strengere Regeln im Rahmen des Part-Time/Fixed-Term Employment Act und des Worker Dispatching Act. Insbesondere darf es keine unangemessenen Unterschiede bei Grundgehältern, Boni und anderen Vergünstigungen geben. Gesetzlich geregelt sind seit 2022 auch die Freistellung für die Kindererziehung (Child Care and Family Leave Law), Karriereförderung von Frauen (Act on the Promotion of Female Participation and Career Advancement in the Workplace) sowie Maßnahmen gegen Belästigungen am Arbeitsplatz (Anti-Harrassment Act).
Arbeitskräftepool ist ausbaufähig
Frauen bilden die größte inländische Reserve am Arbeitsmarkt. Aktuell arbeiten mehr Frauen auch nach der Geburt von Kindern weiter als noch vor zehn Jahren. Im Oktober 2017 wurde die Elternzeit auf zwei Jahre ausgeweitet. Dennoch geben immer noch etwa 30 Prozent der Frauen ihre Arbeit mit der Geburt des ersten Kindes auf. Alternativ arbeiten Mütter häufig in Teilzeit. Bei Frauen lag der Anteil von Teilzeitanstellungen im Jahr 2024 bei 52,6 Prozent. Bei Männern betrug die Teilzeitquote 22,5 Prozent.
Eine Option, vorhandene Lücken vor allem bei technischen Arbeitsplätzen zu füllen, ist die Umschulung von Personal. Japanischen Arbeitskräften ist dies nicht fremd. Der Einsatz in unterschiedlichen Abteilungen in Firmen ist gängige Praxis. Eine weitere potenzielle Reserve sind ausländische Arbeitskräfte. Die Zahl der regulär beschäftigten ausländischen Arbeitskräfte ist in Japan Ende Oktober 2024 gegenüber dem Vorjahresmonat um 12,4 Prozent gestiegen und lag bei 2,3 Millionen Personen.
Das ist im Vergleich zur Gesamtzahl der Erwerbstätigen bisher nicht viel. Dennoch bemüht sich die Regierung immer wieder um neue Erleichterungen für bestimmte Berufsgruppen, wo in Japan Arbeitskräfte benötigt werden. So hat sie beispielsweise seit dem 1. April 2019 die Visaregelungen für bestimmte Beschäftigungsgruppen, für Hochlohnempfänger, Höherqualifizierte und Start-up-Unternehmer angepasst. Sie alle sollen schneller eine permanente Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Japan arbeitet hier mit einem Punktemodell.
Japan im weltweiten VergleichFolgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.
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Arbeitskräftemangel nimmt zu
Der Anteil der Erwerbsfähigen an der Gesamtbevölkerung lag im Oktober 2024 bei 59,6 Prozent. Die über-65-Jährigen hatten einen Anteil von 29,3 Prozent. Während diese Gruppe weiter wächst, führen die niedrigen Geburtenraten dazu, dass die Gruppe der bis 15-Jährigen derzeit nur noch 11,2 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.
Der japanische Think Tank Recruit Works Institute prognostiziert, dass die Erwerbsbevölkerung ab 2027 schnell sinken wird. Die Regierung reagiert und hat sich zum Ziel gesetzt, den Geburtenrückgang zu stoppen sowie mehr Arbeitskräfte für höherqualifizierte Jobs auszubilden und umzuschulen.
Die AHK Japan startete im April 2024 ein Ausbildungsprogramm für Kfz-Mechatroniker. Partner sind die Daimler-Truck-Tochter Mitsubishi Fuso, BMW und inzwischen drei japanische Berufsschulen.
Japan hat Attraktivitätsproblem
Wenn es darum geht, ausländische Fachkräfte anzuziehen und zu halten, hat Japan in den vergangenen vier Jahren an Attraktivität verloren. Der Archipel lag 2024 bei diesem Aspekt nur auf Rang 43 von 67 untersuchten Ländern im "World Talent Ranking Report" des Schweizer Instituts IMD. Bei der Frage, wie es um internationale Erfahrungen der Manager und deren Sprachkenntnisse bestellt ist, landete Japan ganz am Ende.
Das Ausbildungsniveau ist in Japan jedoch hoch. Beim Bildungsniveau der 15-Jährigen belegte Japan laut IMD-Ranking weltweit den vierten Rang. Die Fachkenntnisse werden meist mit der Ausbildung in Firmen erworben. Zwar wird Englisch in japanischen Schulen gelehrt, jedoch ist die Sprachpraxis sehr gering. Hier sollten ausländische Firmen nicht zu hohe Erwartungen haben.
Von
Frank Robaschik
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Tokyo