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Kanadas Atlantikküste baut ihren ersten Offshore-Windmarkt auf

Für deutsche Unternehmen entstehen in den kanadischen Atlantikprovinzen Chancen bei Netzen, Häfen, Logistik, Offshore-Engineering und Meerestechnik.

Heiko Steinacher

Von Heiko Steinacher | Toronto

Mit der Veröffentlichung der präqualifizierten Bieter für die erste Auktion tritt Kanadas erster Offshore-Windmarkt in eine neue Phase ein. Die Ausschreibung soll später im Jahr 2026 folgen.

Offshore-Wind vor Kanadas Ostküste wird inzwischen nicht mehr nur als Basis für grünen Wasserstoff gesehen. Im Fokus stehen zunehmend die Dekarbonisierung der Stromversorgung, die stärkere Integration regionaler Stromnetze und mögliche Stromlieferungen nach Québec sowie in den Nordosten der USA. Dadurch rücken Netze, Häfen und Lieferketten stärker in den Mittelpunkt.

Offshore-Wind in Atlantikkanada ist nicht mehr nur eine Wasserstoffwette. Entscheidend wird, ob die Region ihren Windstrom als eigenständiges Energieprodukt in kanadische und US-amerikanische Märkte bringen kann.

 

Sven Scholtysik Net Zero Atlantic

Nova Scotia gibt den Takt vor

Am weitesten ist Nova Scotia. Die Provinz und die Bundesregierung haben 2025 vier Offshore-Windgebiete ausgewiesen: French Bank, Middle Bank, Sable Island Bank und Sydney Bight. Drei Gebiete liegen südlich der östlichen Festlandküste Nova Scotias, eines östlich von Cape Breton.

Bis 2030 will die Provinz Lizenzen für bis zu 5 Gigawatt Offshore-Wind vergeben. Für den Vergabeprozess sind Bund und Provinz gemeinsam verantwortlich. Operativ wird er vom Canada-Nova Scotia Offshore Energy Regulator (CNSOER) umgesetzt.

Der Markt zieht internationale Akteure anDiese Bieter haben sich für Kanadas erste Offshore-Windauktion vorqualifiziert
Unternehmen/KonsortiumHerkunft
DEME Concessions WindBelgien
Jan De NulBelgien
Northland PowerKanada
Simply Blue EnergyIrland
Ming YangChina
DP Energy / SBM RenewablesIrland / Luxemburg
Hanwha / Q ENERGYSüdkorea / Frankreich
Veröffentlicht wurden nur jene präqualifizierten Teilnehmer, die einer Nennung zugestimmt haben.Quelle: CNSOER 2026

Mit den ausgewiesenen Windgebieten und den nun bekannten Bietern entwickelt sich vor Nova Scotia erstmals ein konkreter Offshore-Windmarkt. Entwickler beginnen bereits, mögliche Lieferanten, Dienstleister und Projektpartner einzubinden – noch bevor erste Lizenzen vergeben sind.

Ohne Stromverbindungen kein Offshore-Markt

Der eigentliche Engpass könnte weniger auf See liegen als an Land. Offshore-Wind vor Nova Scotia wird nur dann wirtschaftlich, wenn große Strommengen ihre Abnehmer auch erreichen. Dafür braucht es neue Übertragungsleitungen innerhalb der ostkanadischen Provinzen und möglicherweise auch Verbindungen Richtung Québec, Ontario oder in den Nordosten der USA.

Entscheidend wird sein, ob der Stromnetzausbau in und zwischen den beteiligten Provinzen zügig vonstatten gehen wird.

Nicolai Pogadl AHK Kanada

Diese Überlegungen bündelt Nova Scotia im Programm "Wind West". Ziel ist es, Windkapazitäten über neue Stromverbindungen mit Absatzmärkten innerhalb Kanadas und darüber hinaus zu verknüpfen.

Wer soll den Strom kaufen?

Nova Scotia und Massachusetts haben Anfang 2026 eine Zusammenarbeit bei Offshore-Wind und Energieinfrastruktur vereinbart. Gleichzeitig signalisiert Hydro‑Québec Interesse an Strom aus künftigen Offshore-Windprojekten in Atlantikkanada. Für Entwickler sind solche Signale wichtig, weil sie die Perspektive auf zusätzliche Absatzmärkte jenseits von Wasserstoff verbessern könnten.

Nach Angaben des kanadischen Major Projects Office könnte die erste Ausbaustufe mit 5 Gigawatt jährlich rund 24 Terawattstunden Strom erzeugen und Investitionen in Netze, Häfen und Infrastruktur auslösen.

The Canadian Press und CBC berichten unter Verweis auf eine Vorlage der Provinzregierung von Investitionen in Höhe von umgerechnet gut 42 Milliarden US-Dollar (US$) für diese erste Wind-West-Phase. Davon sollen etwa zwei Drittel auf Windparks und ein Drittel auf neue Übertragungsleitungen entfallen. Für Unternehmen bleibt damit entscheidend, wie schnell Finanzierung, Genehmigungen und Netzanbindung geklärt werden.

„Wind West“ soll mehrere Offshore-Windprojekte ermöglichen – und mehr als 60 Gigawatt Windpotenzial in Nova Scotia und weiteren Atlantikprovinzen über neue Übertragungsinfrastruktur an Märkte anbinden.

- Major Projects Office 2026

      

Für deutsche Netztechnik-, Hafenbau-, Logistik- und Engineering-Anbieter liegen die Chancen vor allem beim Aufbau der Infrastruktur. Die Atlantikprovinzen stehen vor Aufgaben, die Europa beim Aufbau seiner Offshore-Märkte bereits bewältigt hat – von Netzanbindung und Hafenentwicklung bis zu Schwerlastlogistik und Offshore-Engineering.

Der Einstieg erfolgt häufig über vorgelagerte Infrastruktur- und Planungsprojekte, für die Entwickler, Netzbetreiber und Hafenakteure bereits Partner suchen. Viele Geschäftschancen entstehen damit bereits Jahre vor dem Bau der ersten Offshore-Anlagen. Für deutsche Anbieter heißt das: früh Kontakt zu Entwicklern, Planern und Hafenakteuren suchen, statt erst auf Bauaufträge zu warten.

Häfen und Logistik werden früh benötigt

Ebenso wichtig ist die maritime Infrastruktur. Offshore-Windparks benötigen Schwerlastkais, große Vormontageflächen, Lagerkapazitäten, Spezialkrane und leistungsfähige Transportketten. Viele dieser Voraussetzungen müssen in den Atlantikprovinzen erst geschaffen werden.

Eine aktuelle Untersuchung der Energieforschungsorganisation Net Zero Atlantic identifiziert zehn Häfen, die grundsätzlich als Drehscheiben infrage kommen. Dazu zählen Standorte in Nova Scotia, New Brunswick sowie Newfoundland and Labrador. Die Studie macht zugleich deutlich, dass zahlreiche Häfen erheblich erweitert oder modernisiert werden müssten, um künftig große Offshore-Projekte bedienen zu können.

Hinzu kommt ein technologischer Trend: Die Planungen gehen bereits von Offshore-Turbinen der 18- bis 22-Megawatt-Klasse aus. Größe und Gewicht der Komponenten erhöhen die Anforderungen an Kais, Lagerflächen und Transportlogistik erheblich.

Bei schwimmenden Offshore-Anlagen kommen zusätzliche Montage- und Integrationsarbeiten hinzu. Dadurch steigt der Bedarf an neuer Hafeninfrastruktur, Schwerlastlogistik, Spezialausrüstung und Ingenieurleistungen entlang der gesamten Offshore-Wertschöpfungskette. Anders als in Europas etablierten Offshore-Märkten entsteht in Atlantikkanada erst die vorgelagerte Infrastruktur – genau hier können deutsche Anbieter Erfahrung aus Nord- und Ostsee einbringen.

Newfoundland and Labrador blickt auf Floating-Wind

Die Nachbarprovinz Newfoundland and Labrador könnte langfristig vor allem für schwimmende Offshore-Windanlagen interessant werden. Mit Bundes- und Provinzgesetzgebung wurden 2025 erstmals die regulatorischen Voraussetzungen für Offshore-Windprojekte geschaffen. Ein konkreter Ausschreibungsfahrplan wie in Nova Scotia fehlt bislang jedoch. Für Unternehmen bleibt die Provinz deshalb vorerst ein Markt zur Beobachtung und Positionierung, insbesondere in Bereichen wie Verankerungssysteme, Subsea-Technik und Offshore-Vermessung.

Der Markt entsteht zunächst an Land

Der Offshore-Windmarkt vor Kanadas Ostküste entsteht nicht erst mit den ersten Turbinen. Entscheidend wird sein, ob Leitungen, Hafenflächen und Lieferketten rechtzeitig aufgebaut werden. Für deutsche Anbieter liegen die frühesten Chancen deshalb dort, wo Atlantikkanada den Markt erst möglich macht: bei Netzen, Häfen, Logistik und technischer Planung.