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Kolumbien zwischen Aufbruch und Herausforderungen
Kolumbiens Wirtschaft nimmt in vielen Bereichen Kurs auf Modernisierung. Doch die Attraktivität des Standorts hat zuletzt gelitten. Die Wahlen 2026 könnten das ändern.
22.12.2025
Von Janosch Siepen | Bogotá
Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 420 Milliarden US-Dollar war Kolumbien 2024 die viertgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas, nach Brasilien, Mexiko und Argentinien. Bei der Einwohnerzahl liegt der Andenstaat regional auf Platz 3.
Kolumbien punktet mit seiner günstigen geografischen Lage zwischen Karibik und Pazifik und bietet deutschen Firmen Geschäftschancen in vielen Bereichen, nicht zuletzt dank des hohen Modernisierungsbedarfs und der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeitsthemen, etwa in der Chemieindustrie sowie der Wasser- und Abfallwirtschaft. Auch in Zukunftsbranchen hat das Land viel zu bieten, darunter bei erneuerbaren Energien, grünem Wasserstoff und im Start-up-Sektor.
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Deutsche Firmen sehen Kolumbien als Land mit stabilen institutionellen Rahmenbedingungen und relativ gutem Fachkräftepotenzial. Ein Freihandelsabkommen mit der EU erleichtert den Warenaustausch. Zahlreiche Unternehmen aus Deutschland bearbeiten von Kolumbien aus den lateinamerikanischen Markt.
Wahlen 2026 beeinflussen künftige Standortattraktivität
Doch die Attraktivität des Standorts hat in den letzten Jahren gelitten. Unternehmen klagen über viele Eingriffe in das Marktgeschehen und eine unberechenbare Wirtschaftspolitik. Nach den Wahlen 2026 hoffen viele auf einen Kurswechsel und Wirtschaftsreformen.
Wirtschaftsstruktur wandelt sich
Kolumbiens Wirtschaftsstruktur verändert sich. Landwirtschaft und Dienstleistungssektor gewinnen an Bedeutung. Das Land ist zu einem interessanten Standort für das Outsourcing von Unternehmensdienstleistungen (Business Process Outsourcing) avanciert, vor allem im IT-Bereich. Deutsche Unternehmen wie B.Braun und Adidas betreiben Servicecenter in der Hauptstadt Bogotá.
Hinzu kommt die dynamische Start-up-Szene, die bereits mehrere Unicorns hervorgebracht hat. In den vergangenen Jahren hat der Andenstaat seine Platzierung im "Global Startup Ecosystem Index" von StartupBlink stetig verbessert. So rückte das Land 2025 weltweit auf Rang 36 vor (2021: 47). Innerhalb Lateinamerikas liegt Kolumbien nach Brasilien auf Platz 2.
Gleichzeitig ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes und des Bergbaus am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Die Produktion im Öl- und Gassektor stagniert, auch wegen der Klima- und Umweltpolitik von Staatspräsident Gustavo Petro und weil in den vergangenen Jahren nur wenig in die Exploration investiert wurde.
Auch im Bergbau ist die Stimmung verhalten. Der Sektor leidet unter höheren Abgaben und regulatorischer Unsicherheit. Laut einer Umfrage des Fraser Institutes liegt Kolumbien bei der Investitionsattraktivität im Bergbau lateinamerikaweit inzwischen auf dem viertletzten Platz und hinsichtlich der Bergbaupolitik sogar auf dem vorletzten. Kritikpunkte sind der rechtliche und regulatorische Rahmen, die Infrastruktur und die Sicherheit im Land.
Sektoren | Anteil am BIP 2024 1) | Anteil an den Beschäftigten 2024 |
|---|---|---|
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 9,3 | 14,3 |
Bergbau (inklusive Öl- und Gasförderung) | 4,4 | k.A. |
Verarbeitendes Gewerbe | 10,1 | 10,7 |
Energieversorgung (inklusive Wasserversorgung) | 4,3 | 2,6 2) |
Baugewerbe | 4,2 | 6,7 |
Dienstleistungen (inklusive öffentliche Verwaltung und Verteidigung) | 58,2 | 65,7 |
Regionale Wirtschaftshubs punkten mit spezifischen Vorteilen
Ein Viertel der kolumbianischen Wirtschaftsleistung entfällt auf die Hauptstadtregion Bogotá. Hier konzentrieren sich viele Wirtschaftszweige wie das verarbeitende Gewerbe und der Finanzsektor. Im Jahr 2024 lag der Hauptstadt-Flughafen El Dorado beim Passagier- und Frachtaufkommen auf Platz 1 in Lateinamerika.
Die nächstgrößten Städte Kolumbiens sind Medellín und Cali. Die beiden Städte mit jeweils rund 2,5 Millionen Einwohnern fungieren als Wirtschaftshubs im Zentrum und Westen des Landes.
Die Städte Barranquilla und Cartagena an der Karibikküste sind wichtige Logistikzentren. Von Cartagena aus benötigt ein Schiff lediglich drei Tage nach Florida und fünf Tage zur Ostküste der USA. Gleichzeitig ist die Stadt nur knapp 500 Kilometer vom Panamakanal entfernt.
Cartagena beherbergt einen der wichtigsten Häfen Lateinamerikas und den dritteffizientesten Hafen der Welt, so der Container Port Performance Index der Weltbank. Die Stadt ist ein bedeutender Umschlagshub der Region, insbesondere für Reedereien wie Hamburg Süd, Maersk und CMA-CGM. Der Hafen kann Schiffe der Neopanamax-Klasse empfangen; zudem verbindet der Dique-Kanal die Stadt mit dem wichtigsten Fluss des Landes, dem Río Magdalena.
Die Bundesstaaten Casanare und Meta im Osten verfügen über große Vorkommen an fossilen Energieträgern. La Guajira im Nordosten Kolumbiens ist wichtig für den Steinkohlebergbau und erneuerbare Energien. Hier lebt ein Großteil der indigenen Bevölkerung des Landes. Bei Projekten kommt es immer wieder zu sozialen Konflikten mit Unternehmen.