Wirtschaftsausblick | Kosovo
Kosovos Wirtschaft wächst trotz zahlreicher Herausforderungen
Vorgezogene Parlamentswahlen sollen den politischen Stillstand beenden. Investitionen und Konsum kurbeln die Wirtschaft an. Deutsche Firmen erschließen das Potenzial des Landes.
27.01.2026
Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad
Top-Thema: Wahlergebnis macht Regierungsbildung wahrscheinlicher
Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen Ende Dezember 2025 fuhr die Partei Vetevendosje (Selbstbestimmung, VV) des amtierenden Ministerpräsidenten Albin Kurti mit rund 51 Prozent einen Wahlsieg ein. Doch ordnete die Wahlbehörde eine Neuauszählung der Stimmen an, was eine mögliche Regierungsbildung verzögert. Mit der Bestätigung des Ergebnisses stünden die Chancen für eine neue Regierung Kurti deutlich besser als nach den vorgezogenen Parlamentswahlen vom Februar 2025. Damals fuhr VV nur 42 Prozent ein und konnte keinen Koalitionspartner finden.
Dabei kostete Kosovo schon die 10-monatige politische Pattsituation bereits wertvolle Zeit und bares Geld. Denn das alte Parlament wurde aufgelöst, bevor wichtige Entscheidungen getroffen und internationale Abkommen über rund 1,1 Milliarden Euro ratifiziert werden konnten. Davon betroffen sind Tranchen aus dem EU-Wachstumsplan, der Weltbank und der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Schon droht weiteres Ungemach: Im April 2026 endet die reguläre Amtszeit von Staatspräsidentin Vjosa Osmani. Sollte das Parlament innerhalb von sechs Monaten nach dem Wahltag keinen neuen Präsidenten gewählt haben, sieht die Verfassung eine automatische Auflösung der Volksvertretung vor - neuer politischer Stillstand wäre die Folge.
Als Dauer-Mühlstein der Entwicklung Kosovos erweist sich der nach wie vor ungelöste Konflikt mit Serbien. Belgrad weigert sich - wie die EU-Mitglieder Rumänien oder Spanien - die Staatlichkeit des Kosovo nach dessen Unabhängigkeitserklärung 2008 anzuerkennen. Russland und China blockieren die Aufnahme Kosovos in die Vereinten Nationen, was dem Land reale wirtschaftliche Nachteile einbringt.
Die EU hingegen unterstützt Kosovo. Die Auszahlung von Mitteln aus dem Wachstumsplan ist an die Umsetzung von Reformen geknüpft. Die dazu notwendige Reformagenda ist zwar bereits bestätigt, aber die Ratifizierung der Fazilitätsvereinbarung steht noch aus.
Wirtschaftsentwicklung: Kosovo bleibt auf Wachstumskurs
Die kosovarische Wirtschaft wächst 2026 um real 3,8 Prozent, erwartet das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in seiner Herbstprognose. Für 2025 wird ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 3,9 Prozent prognostiziert. Die wichtigsten Wachstumstreiber sind private und ausländische Investitionen sowie der private Verbrauch.
Investitionen: Hoffnungen auf private und ausländische Geldgeber
Anlageinvestitionen sind ein zentraler Wachstumstreiber der kosovarischen Wirtschaft. Doch aufgrund der politischen Pattsituation konnte das Parlament keinen Haushalt für 2026 verabschieden. Damit stehen keine Mittel für öffentliche Investitionen zur Verfügung. Zudem droht bei einer weiteren Verzögerung der Regierungsbildung eine vorläufige Haushaltsführung. Dann würden Staatsbedienstete kein Gehalt mehr erhalten und es könnte nur noch Schuldendienst geleistet werden.
Umso wichtiger werden 2026 private sowie ausländische Direktinvestitionen (FDI). Trotz der politischen Krise stiegen 2025 die FDI auf rund 850 Millionen Euro. Rund drei Viertel fließen dabei in Immobilien, was der Baubranche Schwung verleiht. Die verarbeitende Industrie muss sich hingegen mit weniger Mittel begnügen. Im Fokus von Investoren stehen Betriebe zur Metallbearbeitung. Investitionsmöglichkeiten bieten auch die Holzverarbeitung und Möbelproduktion, sowie Maßnahmen zur Energieeffizienz.
Konsum: Steigende Löhne und Diaspora-Überweisungen kurbeln Kaufkraft an
Impulse gibt auch der private Verbrauch. Steigende Reallöhne und eine niedrige Arbeitslosenquote kurbeln die Konsumausgaben an. Die Rücküberweisungen der Diaspora machen rund ein Achtel des BIP aus und stärken ebenfalls die Kaufkraft. Rund 38 Prozent dieser Mittel kommen von der rund 600.000 Personen umfassenden Diaspora in Deutschland. Zudem spülen auch die Heimreisen der in der EU lebenden Kosovaren Geld ins Land. Im Jahr 2025 verzeichnete Kosovo 5 Millionen Einreisen, bei einer Bevölkerung von 1,6 Millionen Menschen.
Außenhandel: Handelsbilanzdefizit wächst
Kosovos Außenhandelsdefizit beim Warenhandel stieg 2025 weiter: Einfuhren im Wert von 7 Milliarden Euro standen Ausfuhren von 859 Millionen Euro gegenüber. Bei den Dienstleistungsexporten erwirtschaftet das Land hingegen einen Überschuss, vor allem mit IKT-Diensten, dem Outsourcing von Geschäftsprozessen, sowie Tourismus- und Versicherungsdienstleistungen. Wichtigster Handelspartner ist Deutschland.
Den Außenhandel fördert das Freihandelsabkommen, das Pristina im Januar 2025 mit den EFTA-Staaten geschlossen hat.
Deutsche Perspektive: Interesse am Wirtschaftsstandort Kosovo steigt
Die Bundesrepublik ist der wichtigste ausländische Investor in Kosovo. Die aktuell rund 200 Firmen mit deutschem Kapital sind vor allem in der verarbeitenden Industrie und im IT-Sektor tätig. Munda Textile Lichtsysteme startete im April 2025 mit der Serienfertigung von textilen Lichtlösungen für die Kfz-Industrie bei Pristina. Die Horn & Co. Group eröffnete einen Entwicklungsstandort für Recyclinglösungen für die Industrie in der Hauptstadt. Die Lebensbaum GmbH eröffnete ein Pflegeversorgungszentrum in Pristina. Die NFON AG entwickelt Cloud-Telefonie-Dienste in der Hauptstadt.
Lokale und ausländische Firmen zeigen zudem wachsendes Interesse am deutsch-kosovarischen Innovations- und Technologiepark (ITP), dem ehemaligen Bundeswehrstandort in Prizren. Der italienische Gesundheitskonzern GVM Care & Research betreibt das frühere Bundeswehrkrankenhaus. Die Schweizer Selise Group entwickelt vor Ort IT-Lösungen.
Beim Geschäftsklima gibt es hingegen Luft nach oben: Firmenvertreter bemängeln häufig, dass die Umsetzung von Reformen zu lange dauere. Auch Genehmigungsverfahren gingen oft nur schleppend voran.
Weitere Informationen (zum Beispiel Zoll- und Rechtsinformationen sowie Branchenberichte) finden Sie auf der Länderseite Kosovo.
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