Wirtschaftsausblick | Kroatien

Kroatiens Wirtschaftswachstum verliert an Tempo

Die Binnennachfrage stützt die Konjunktur. Doch höhere Preise, niedrigere Lohnzuwächse und geringere Investitionen bremsen. Die Energiepolitik rückt stärker in den Fokus.

Von Kirsten Grieß | Zagreb

Top-Thema: Kroatien stellt energiepolitische Weichen

Steigende Energiepreise zählen für Unternehmen in Kroatien zu den wichtigsten Standortbelastungen. Vor diesem Hintergrund hat die kroatische Regierung im Frühjahr 2026 zwei zentrale Weichen in der Energiepolitik gestellt: Ende April legte der Energieregulierer HERA nach jahrelanger Verzögerung die Netzanschlussgebühren fest und gab damit neue Investitionsperspektiven für erneuerbare Energien. Ende Mai trat zudem ein Kernenergiegesetz in Kraft, das erstmals den Rahmen für ein nationales Nuklearprogramm setzt.

Kernenergie soll künftig stärker zur Versorgungssicherheit beitragen. Bis 2040 will Kroatien den Atomstromanteil am Energiemix von derzeit rund 16 auf mindestens 30 Prozent erhöhen. Eigene Kernkraftwerke gibt es bislang nicht; der kroatische Atomstrom stammt aus einer Beteiligung am slowenischen Kraftwerk Krško. Nun sollen neue Standorte gesucht und geeignete Technologien geprüft werden. Ein Aktionsplan könnte bis Jahresende vorliegen.

Für Investoren wichtiger sind die neuen Netzanschlussgebühren. Sie schließen eine Regulierungslücke, die zahlreiche Solar- und Windkraftprojekte blockiert hatte. Das zusätzliche Marktpotenzial wird von Branchenvertretern auf rund 5 Milliarden Euro geschätzt. Risiken bleiben jedoch: Der Übertragungsnetzbetreiber HOPS kann Anlagen aus technischen Gründen weiterhin ohne Entschädigung abregeln, während der Netzausbau nur langsam vorankommt. Die Planbarkeit von Investitionen verbessert sich dennoch. Davon können auch deutsche Ausrüster und Anbieter von Netz- und Speichertechnik profitieren.

Wirtschaftsentwicklung: Schwächeres Wachstum, stärkere Inflation

Die EU-Kommission rechnet trotz einer leichten Abwärtskorrektur ihrer Prognose mit solidem Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 um 2,7 Prozent und 2027 um 2,5 Prozent zulegen. Einige Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten eine schwächere Entwicklung nahe der 2-Prozent-Marke. Nach mehreren Jahren mit Wachstumsraten von über 3 Prozent verliert die Konjunktur damit an Tempo. Im EU-Vergleich zählt Kroatien weiter zu den dynamischeren Volkswirtschaften.

Binnennachfrage stützt die Konjunktur

Die Binnennachfrage bleibt der wichtigste Treiber. Der private Konsum dürfte 2026 getragen von Reallohn- und Beschäftigungszuwächsen sogar etwas stärker zulegen. Gleichzeitig erhöht die Inflation die Risiken für die Konjunktur. Im Mai lag der harmonisierte Verbraucherpreisindex 4,9 Prozent über dem Vorjahreswert und damit deutlich über dem EU-Schnitt von 3,3 Prozent. Analysten erwarten trotz staatlicher Gegenmaßnahmen bis Jahresende keine spürbare Entspannung. Auch für den Tourismus bleibt der Preisauftrieb ein Risikofaktor, wenngleich die Branche weiter mit einem positiven Wachstumsbeitrag rechnet.

Ab 2027 dürfte der private Verbrauch an Schwung verlieren. Die nominalen Lohnzuwächse der vergangenen Jahre lassen sich voraussichtlich nicht fortschreiben. Die EU-Kommission rechnet für 2026 mit einem Lohnplus von 7 Prozent und für 2027 von 5,2 Prozent, nach 10,9 Prozent im Jahr 2025. Von staatlichen Konsumausgaben sind kaum zusätzliche Impulse zu erwarten. Nach einem im April gemeldeten Haushaltsdefizit von 3 Prozent rückt die Haushaltskonsolidierung stärker in den Blick. Im Gespräch sind Ausgabenkürzungen sowie ein Einfrieren der Gehälter im öffentlichen Dienst.

Investitionsdynamik lässt nach

Die Investitionsentwicklung bleibt positiv. Öffentliche Vorhaben profitieren weiter von EU-Fördergeldern, Unternehmen hingegen dürften aufgrund globaler Unsicherheiten vorsichtiger investieren. Mittelfristig könnten geringere EU-Mittel im nächsten Haushaltszyklus die Investitionstätigkeit bremsen. Besonders betroffen wäre die Bauwirtschaft, die in den vergangenen Jahren zu den Gewinnern des Investitionsbooms zählte. Frühindikatoren aus dem 1. Quartal 2026 deuten bereits auf eine schwächere Bauleistung hin.

Die Industrieproduktion gab zu Jahresbeginn nach. Im April ging die Produktion insbesondere bei langlebigen Konsum- und Investitionsgütern zurück. Für das Gesamtjahr rechnen Analysten zwar mit einem Anstieg der Industrieproduktion. Der Zuwachs dürfte jedoch geringer ausfallen als 2025, als die Produktion um 4,6 Prozent zulegte.

Positiv entwickelt sich bislang der Außenhandel. Im 1. Quartal 2026 legten die kroatischen Warenexporte im Vorjahresvergleich um knapp 11 Prozent zu. Besonders stark wuchsen die Ausfuhren der Elektrogeräte-, Metall- und Chemieindustrie. Ob sich der Trend fortsetzt, ist noch offen. Geopolitische Spannungen, Störungen in Lieferketten und erneute Preisschocks könnten die Auslandsnachfrage belasten.

Deutsche Perspektive: Unternehmen planen vorsichtiger

Der Handel mit Deutschland startete 2026 verhalten. In den ersten beiden Monaten sanken die kroatischen Wareneinfuhren aus Deutschland um 2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Besonders ins Gewicht fiel der Rückgang bei Fahrzeugen, der wichtigsten Importposition. Die kroatischen Exporte nach Deutschland lagen mit minus 1,8 Prozent ebenfalls unter Vorjahresniveau. Damit zeigt sich auch im Deutschlandgeschäft: Die Nachfrage auf wichtigen Absatzmärkten bleibt volatil.

Bei den Investitionen ist das Bild uneinheitlich. Ein positives Signal setzt Siemens Energy mit dem kroatischen Partner Končar: Das gemeinsame Werk für Leistungstransformatoren in Zagreb soll für rund 260 Millionen Euro ausgebaut werden. Zugleich ziehen sich Investoren zurück: Der Schuhhersteller Ricosta schloss sein Werk in Vukovar wegen gestiegener Lohnkosten. Porsche konzentriert sich künftig auf das Kerngeschäft und schließt zwei Tochtergesellschaften - unter anderem in Zagreb.

Die AHK-Konjunkturumfrage vom Mai 2026 signalisiert, dass die Mitgliedsunternehmen abwarten. Die aktuelle Lage gilt zwar weiter als stabil, Beschäftigungs- und Investitionspläne fallen aber zurückhaltender aus. Arbeitskosten und Energiepreise zählen inzwischen zu den wichtigsten Belastungsfaktoren. Damit wird die Energiepolitik auch zur Standortfrage für deutsche Unternehmen.