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China richtet seine Investitionen in Lateinamerika neu aus

China setzt neue Akzente für Lateinamerika – selektiver und noch strategischer. Zugleich besetzt es vermehrt Zukunftsthemen. Das verschärft die Konkurrenz für deutsche Firmen.

Stefanie Schmitt

Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

Chinas Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik sind rückläufig. Nach Angaben des Netzwerks RED ALC-China sanken sie von 69,2 Milliarden US-Dollar (2015 bis 2019) auf 55,6 Milliarden US-Dollar im Zeitraum 2020 bis 2024. Von einem nachlassenden Interesse kann dennoch keine Rede sein. Vielmehr richtet China seine Investitionsstrategie neu aus.

Chinesische Unternehmen investieren verstärkt in zukunftsorientierte Infrastruktur

Künftig wolle China weniger Geld in Häfen, Eisenbahnen, Autobahnen, Öl-, Gas- oder große Wasserkraftprojekte stecken, dafür mehr in Sektoren mit hohem Innovationspotenzial. Dazu zählen erneuerbare Energien und Ultra-Hochspannungsnetze, Energiespeicher, Elektromobilität, Telekommunikation, Informationstechnologien und Künstliche Intelligenz. Darauf verwies Margaret Myers vom Institute for America, China, and the Future of Global Affairs (ACF) bei einem Vortrag vor der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) 2025.

Diese Neuausrichtung zeigt sich auch im 15. Fünfjahresplan (2026 bis 2030). China will seine Kontrolle über globale Hightech-Wertschöpfungsketten ausbauen, ohne traditionelle Sektoren zu vernachlässigen. Zugleich wirbt Peking in Lateinamerika für die Nutzung des Satellitennavigationssystems Beidou und eine Beteiligung am chinesischen Raumfahrtprogramm.

In diesem Sinne 

  • baut beispielsweise Huawei in Brasilien - und nicht nur dort - seine Position im Batteriespeicher- und Strommarkt stark aus; 
  • streben die chinesischen Partner des wichtigsten Anbieters von Hochspannungsübertragungssystemen Transelec in Chile die Mehrheit an;
  • werden umgekehrt Großprojekte wie die Bahnverbindung zwischen dem Hafen Chancay in Peru bis nach Brasilien unwahrscheinlicher.

Traditionell liegt der Fokus chinesischer Investitionen in den Bereichen Energie und Bergbau:

Was Chinas neue Branchenausrichtung für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

  • Deutsche Hightech-Anbieter müssen künftig mit noch stärkerem Wettbewerb aus China rechnen. 
  • Firmen, die dieser Entwicklung hinterherhinken, werden mögliche künftige Marktnischen bald besetzt vorfinden. Eine positive Ausnahme könnte der Bereich Greentech sein: Hier ist Deutschland in vielen Segmenten nach wie vor sehr stark, während das Interesse und Know-how vieler chinesischer Firmen noch begrenzt ist. 
  • In einzelnen Branchen entwickeln sich chinesische Monopolstellungen, was den Zugang für externe Anbieter erschwert. Das gilt etwa dann, wenn bei der Vergabe knapper Netzkapazitäten sowohl Netzbetreiber als auch Stromerzeuger chinesischer Herkunft sind. 

China vergibt weniger Kredite

Traditionell flankiert das staatliche Bankensystem Chinas die Außenwirtschaftsaktivitäten insbesondere der chinesischen Staatskonzerne: Die China Development Bank (CDB) finanziert Projekte für Energie, Straßen, Telekommunikation oder Häfen; die Export-Import-Bank of China (Exim Bank) vergibt zinsvergünstigte Kredite für Entwicklungshilfe und Exportkredite. Daneben gibt es bilaterale Kreditvereinbarungen. 

Nach Angaben von BNAmericas vergaben CDB und Exim Bank zwischen 2008 und 2023 Kredite in Höhe von mehr als 120 Milliarden US-Dollar (US$) nach Lateinamerika. In einzelnen Jahren übertraf das Finanzierungsvolumen sogar jene der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB). Dieses Tempo hat sich jedoch deutlich verlangsamt: 2019 sank das Kreditvolumen auf lediglich 1,1 Milliarden US$ und erholte sich seither nur geringfügig. Um Risiken und Kosten zu teilen, erfolgt die Finanzierung heute verstärkt über multilaterale Entwicklungsbanken wie die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) und die New Development Bank (NDB).

Projekte werden immer weniger von China selbst finanziert. Chinesische Unternehmen sind dafür sehr erfolgreich darin, Ausschreibungen von internationalen Entwicklungsbanken – auch der EU – zu gewinnen,“ 

Lisa Flatten Seidenstraßenexpertin bei GTAI in einem Interview gegenüber der Frankfurter Rundschau

Die Finanzierung von Groß- und speziell unrentablen Prestigeprojekten ist angesichts der schwierigeren Wirtschaftslage in der Volksrepublik politisch kaum noch darstellbar. Die größere Vorsicht erklärt sich auch aus Schwierigkeiten bei der Krediteintreibung. Venezuela, größter Schuldner Chinas in der Region, erhielt seit 2016 keine neuen Kredite. Hinzu kommen strengere Risikomanagementkontrollen für Banken und Versicherer.

Was Chinas neue Kreditvergabepolitik für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

Dass Chinas Kreditvergabe zurückgeht, heißt nicht, dass China keine Kredite mehr vergibt, sondern nur, dass China "kein Geld mehr zu verschenken" hat. Stattdessen erfolgt die Kreditvergabe stärker nach wirtschaftlichen sowie strategischen Kriterien. Solange eine gezielte Kreditvergabe die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft zu machen oder politische respektive wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten offen zu halten, sind chinesische Banken direkt oder indirekt immer noch bereitwillige Kreditgeber. 

Umso wichtiger ist es für deutsche Unternehmen bestehende Finanzierungsoptionen wie etwa Exportkreditgarantien des Bundes zu nutzen, um ihren Kunden neben einem guten Produkt und einem guten Service auch ein attraktives Finanzangebot offerieren zu können. Dies geschehe nach wie vor viel zu selten, meint etwa Philip Bartsch, stellvertretender Geschäftsführer der AHK Chile, sei es aus dem alten Vorurteil heraus, die Prozesse seien zu bürokratisch oder zu teuer oder schlicht aus Unkenntnis der bestehenden Möglichkeiten. Als wichtiges Argument für die Kunden deutscher Produkte kommt hinzu, dass die Garantien nicht die lokalen Kreditlinien belasten.  

Immer mehr private Unternehmen engagieren sich

Weltweit konstatierte die Studie "China´s Global Ownership" 2026 ein im Verhältnis wachsendes Engagement privater Unternehmen im Vergleich zu den Staatskonzernen. In der Region Lateinamerika/Karibik ist das nicht anders. Während der Anteil privater Unternehmen an den gesamten chinesischen Direktinvestitionen zwischen 2005 bis 2009 lediglich 11 Prozent betrug, erreichte er 2020 bis 2025 schon 44 Prozent, so das Red ALC-China. Dessen ungeachtet bleibt der öffentliche Sektor dominant. 

Einen deutlichen Anstieg verzeichnen überdies chinesische Greenfield-Direktinvestitionen. Peter Dussel vom Red ALC-China spricht von einem "Lernprozess der Unternehmen":  Entfielen zwischen 2015 und 2019 noch 77,8 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen auf Fusionen und Übernahmen, sank dieser Anteil in den Jahren 2020 bis 2025 auf rund 53,3 Prozent.

Was Chinas neue strukturelle Ausrichtung für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

Die Verschiebung hin zu mehr privaten Unternehmen und zu mehr Greenfield-Investitionen ist zunächst ein natürlicher Prozess basierend auf positiven Lerneffekten aus der Vergangenheit. Gleichzeitig könnte es für Wettbewerber und Behörden schwieriger werden, die Aktivitäten einzelner Akteure nachzuvollziehen. Privatunternehmen lassen sich erfahrungsgemäß noch weniger "in die Karten" schauen als Staatsunternehmen; außerdem sind sie - je nach Gesetzeslage und Korruptionsgrad - auch für das Gastland schlechter kontrollierbar und damit gegebenenfalls noch schärfere Konkurrenten für lokale und internationale Anbieter, weil immer die Gefahr besteht, dass kostenträchtige Standards weniger beachtet werden. Umso wichtiger werden verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen sowie die Durchsetzung von Wettbewerbs-, Umwelt- und Sozialstandards. Nur so lassen sich gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer sicherstellen.

Chile wird zum wichtigsten Land für chinesische Investitionen

Schon immer richteten sich Chinas Interessen gezielt auf die unterschiedlichen Standortvorteile der einzelnen Länder. Beispiele sind Balsaholz aus Ecuador zur Herstellung von Rotorblättern für Windräder sowie Bauxit aus Jamaika zur Gewinnung von Aluminium.

Unter Einbeziehung von Projektdaten identifizierte das Institute for America, China, and the Future of Global Affairs (ACF) darüber hinaus eine regionale Schwerpunktverschiebung. Danach fiel beispielsweise Brasilien, von 2008 bis 2017 Hauptempfängerland in der Region, zwischen 2018 und 2023 auf Rang 4 zurück. Chile hatte es dagegen zwischen 2003 und 2012 nicht einmal unter die ersten zehn geschafft. Von 2015 bis 2023 avancierte das Land auf die Spitzenposition. Myers vom ACF führt diese Entwicklung auf den zunehmenden Wunsch der chinesischen Staatsführung zurück, Risiken zu reduzieren. Dies erkläre den Fokus auf stabile Staaten wie Chile und die Ablehnung von Angeboten aus Honduras

Sehr konstante Bezugsländer für chinesische Direktinvestitionen bleiben Peru und Mexiko, Peru wegen seiner Möglichkeiten im Bergbau, in der Landwirtschaft und in der Logistik (zwischen Rang drei und Rang zwei) und Mexiko mit seinem privilegierten Zugang zum US-amerikanischen Markt (zwischen Rang vier und Rang drei).

Die wichtigsten fünf Investitionsdestinationen für Chinas Unternehmen Über die letzten 20 Jahre: Brasilien verliert – Chile gewinnt – Peru und Mexiko konstant
Rang2003-20072008-20122013-20172018-2023
1EcuadorBrasilienBrasilienChile
2BrasilienArgentinienPeruPeru
3PeruPeruMexikoMexiko
4MexikoMexikoArgentinienBrasillien
5Costa RicaGuayanaJamaikaArgentinien
Quelle: Institute for America, China, and the Future of Global Affairs (ACF), 2025

Was Chinas regionale Spezifizierung für deutsche Unternehmen bedeuten kann:

China positioniert sich strategisch, effizient und erfolgreich. Davon können deutsche Unternehmen und Institutionen lernen. Wenn sich China auf bestimmte Länder konzentriert, dann hat das einen Grund. Diese Optionen könnten auch deutsche Firmen ernsthaft analysieren, um sich,etwa im Rohstoffbereich, zukunftsfester aufzustellen. Wer Lieferketten absichern oder Rohstoffpartnerschaften aufbauen will, sollte die Länderprioritäten Chinas aufmerksam beobachten – und handeln.