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Chinas neuer Fünfjahresplan zielt auf technologische Souveränität

Deutsche Unternehmen sollten sich mit der neuen chinesischen Roadmap 2026 bis 2030 auseinandersetzen, um den sich daraus ergebenen Wirtschaftsentwicklungen strategisch zu begegnen.

Von Christina Otte | Bonn

China hat Mitte März 2026 sein neues Fünfjahresprogramm auf den Weg gebracht, das den Zeitraum 2026 bis 2030 abdeckt. Für deutsche Unternehmen sind diese Leitlinien relevant, da Fünfjahrespläne in China in der Regel wichtige wirtschaftspolitische Weichen stellen – etwa für die Förderung von Schlüsseltechnologien oder die strategische Ausrichtung zentraler Industrien. Entsprechend wirken sie sich auf zukünftige Geschäftsmöglichkeiten, Wettbewerbsfähigkeit und die allgemeine wirtschaftliche Stabilität aus.

Insgesamt knüpft der 15. Fünfjahresplan an die bisherige Agenda an, setzt aber stärkere Akzente auf Innovation, Digitalisierung, grüne Transformation und industrielle Modernisierung. Außerdem will die Führung den Binnenmarkt stärken und die technologische Eigenständigkeit vorantreiben. Wie auch schon im 14. Fünfjahresplan hat China kein festes Ziel für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vorgegeben. Laut Arbeitsbericht der Regierung vom März 2026 soll es aber für 2026 zwischen 4,5 Prozent und 5,0 Prozent liegen – das bisher niedrigste Wachstumsziel der Regierung.

Chinas 15. Fünfjahresplan ist nicht nur für das Land selbst, sondern für die Welt von großer Bedeutung. Letztere ist aufgewacht, aber (noch) ohne Antwort. Unterdessen marschiert China weiter auf seinem Weg hin zu technologischer Selbstständigkeit und zur Kontrolle internationaler Wertschöpfungsketten. Wie damit umgehen ? Es ist ein Balanceakt für Politik und Wirtschaft.

Corinne Abele Leiterin Außenwirtschaftsbereich, GTAI Shanghai

China will ein modernes Industriesystem aufbauen

China plant, die industrielle Basis durch stärkere Innovationskraft und Hightech weiterzuentwickeln. Dafür sollen zum einen traditionelle Sektoren (Stahl, Chemie, Maschinenbau und Textilwirtschaft) modernisiert und zum anderen strategische Zukunftsbranchen entwickelt werden.

Zu den strategischen Zukunftsbranchen zählen KI-Anwendungen, Halbleiter, digitale Infrastruktur (inklusive 5G/6G, Rechenzentren für Super- und Cloudcomputing), humanoide Roboter, neue Batterien, hochwertige neue Materialien, Biomanufacturing, Medizintechnik, Computer-Gehirn-Schnittstellen, grüner Wasserstoff sowie die zivile Luftfahrt einschließlich Drohnentechnologie (Low-Altitude-Economy).

Der Wettbewerb könnte sich aber vor allem für den deutschen Maschinenbau verschärfen, da China grundlegende industrielle Fähigkeiten stärken möchte, in denen die deutsche Industrie bisher Wettbewerbsvorteile besitzt. So soll die heimische Entwicklung von Kernbauteilen (Getriebe, Dichtungen, Motorsteuersysteme, Sensorik, Textiltechnik, Chemiefaser, Optik), Industriesoftware, Werkzeugmaschinen, Spezialmaschinen, Hochleistungsgeräten, Messtechnik sowie Prozessanlagen vorangetrieben werden. Diese Technologieförderung wollen die Planer unter anderem durch Kredite für die Hightech-Produktion sowie durch Erleichterungen bei der Unternehmensfinanzierung stützen.

Ziel: Technologische Unabhängigkeit und Resilienz

Mit dem 15. Fünfjahresplan führt China industriepolitische Programme wie Made in China 2025 fort. Gleichzeitig verstärkt die Regierung das Ziel, die Abhängigkeit von ausländischer Technologie und Zulieferungen zu verringern und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Schocks zu erhöhen. Denn der Handelskonflikt mit den USA hat China die eigene technologische Abhängigkeit vor Augen geführt. 

Durchbrüche in Schlüsseltechnologien wie KI, Quantentechnologie, Fusionsenergie, Biotechnologie, Hirnforschung, innovative Arzneimittelentwicklung, Tiefsee- und Polarforschung sowie Weltraumforschung sollen die Kehrtwende bringen. Die Grundlagenforschung soll hierfür ausgebaut, ein nationales Laborsystem mit international renommierten Forschungsstätten entwickelt und regionale Innovationszentren gefördert werden. Zudem plant die Führung, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zu erhöhen. 

China strebt weiter internationale Kooperation und Handel an

Parallel dazu strebt China trotz geopolitischer Spannungen internationale Kooperation und eine "hochwertige Marktöffnung" an – nach eigener Darstellung zum gegenseitigen Nutzen und unter Wahrung des multilateralen Handelssystems. Das Ziel: robustere internationale Lieferketten. 

Dazu wollen die Planer Regulierungen, Standards und Zulassungen an internationale Benchmarks angleichen sowie regionale und bilaterale Handels- und Investitionsabkommen vorantreiben, darunter den Ausbau der Freihandelszone Hainan. Sektoren, die für internationale Kooperationen weiter geöffnet werden sollen, sind moderne Dienstleistungen, Telekommunikation und digitale Wirtschaft, das Gesundheitswesen und der Bildungssektor. Auch sollen administrative Prozesse vereinfacht werden, um ausländische Investitionen anzulocken.

Grenzüberschreitender Datentransfer und E‑Commerce sollen erleichtert und Lieferketten effizienter gesteuert werden. Im Rahmen der Belt and Road Initiative liegt der Fokus auf grünen Energieprojekten, Digitalisierung, Logistiknetzen sowie der Gesundheitskooperation. Projekte sollen risikoärmer und robuster aufgestellt werden. Die heimische Währung Renminbi Yuan (RMB) soll als Handels- und Investitionswährung stärkeres Gewicht bekommen und die Transport- und Lieferkettenkorridore diverser werden. Auch die Internationalisierung heimischer Firmen will China stärker fördern. 

Grüne Transformation und Umweltschutz

China bekräftigt seine Klimaziele und will die führende Rolle bei grünen Technologien weiter ausbauen. Hierfür sollen erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge, Energiespeicher sowie Wasserstoff und Kernfusion als Technologien der nächsten Generation gefördert werden. Zudem will die Führung den grünen Transport und die Kreislaufwirtschaft stärken. Priorität haben der Ausbau neuer Energieinfrastrukturen, moderne Wassernetze sowie der verbesserte Hochwasserschutz und die effizientere Verteilung von Wasserressourcen.

Stärkung des Binnenkonsums und Sozialpolitik

Der schwache inländische Konsum seit der Coronapandemie 2020 und die Immobilienkrise bleiben für die Zentralregierung drängende Probleme. Frühere Anreize wirkten nur begrenzt, weshalb umfassendere Reformen der sozialen Sicherungssysteme und eine Modernisierung des ländlichen Raumes – auch angesichts des demografischen Wandels – notwendig erscheinen. Die Lage am Arbeitsmarkt ist angespannt, vor allem wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Dem Binnenkonsum kommt daher eine Schlüsselrolle zu. Der Plan sieht vor, den Übergang zu einem einheitlichen nationalen Markt zu beschleunigen. Derzeit verhindert ein Flickenteppich regionaler Regulierungen Effizienz und Wettbewerb.

Staatliche Investitionen sollen gezielter fokussiert und private Unternehmen an großen Projekten stärker beteiligt werden. Bestehenden Überkapazitäten möchte die Führung durch Reformen bei Fusionen, Übernahmen und Insolvenzen begegnen.

Im Finanzsektor wollen die Planer das Bankensystem modernisieren, neue Instrumente der Technologiefinanzierung einführen und Bereiche wie grüne Finanzen und digitale Finanzdienstleistungen stärken. Shanghai soll als internationales Finanzzentrum weiterwachsen.

Ob die Regierung dem Fünfjahresplan angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen und eines mittlerweile überdehnten Staatshaushalts folgen kann, bleibt abzuwarten.