Wirtschaftsausblick | Libyen

Ölpreis hält Libyens Wirtschaft auf Wachstumskurs

Libyen vergibt neue Förder‑ und Explorationslizenzen und setzt auf höhere Öl‑ und Gasproduktion. Das Wachstum bleibt stark vom Ölpreis und der politischen Stabilität abhängig.

Von Verena Matschoß | Tunis

Top-Thema: Internationale Öl- und Gasfirmen kehren zurück

Libyen öffnet den Öl- und Gassektor wieder für ausländische Investoren. Am 11. Februar 2026 hat die staatliche National Oil Corporation (NOC) die ersten fünf Explorations- und Produktionsblöcke vergeben. Sie stammen aus einer Ausschreibungsrunde vom Frühjahr 2025 mit insgesamt 22 Onshore- und Offshoreblöcke. 

Die Ausschreibung konnten für sich entscheiden:  

  • Chevron (USA)
  • Eni (Italien) gemeinsam mit QatarEnergy
  • Konsortium aus Repsol (Spanien), MOL (Ungarn) und TPOC (Türkei)
  • Aiteo (Nigeria)

Es ist die erste erfolgreiche internationale Lizenzvergabe seit fast zwei Jahrzehnten. Pressemeldungen zufolge bereitet die libysche Regierung bereits eine zweite Ausschreibungsrunde vor. Investitionen in die veraltete Infrastruktur sind dringend nötig, um in den nächsten Jahren die anvisierte tägliche Fördermenge von 2 Millionen Barrel Rohöl zu erreichen. Angesichts wiederkehrender Förderunterbrechungen, veralteter Anlagen und politischer Risiken gilt dieses Ziel jedoch als ambitioniert. Derzeit produziert Libyen rund 1,4 Millionen Barrel pro Tag. 

Auch die Erdgasreserven rücken stärker in den Fokus. Mittelfristig plant Libyen, seine Gasexporte nach Europa auszubauen. Aufgrund kurzer Transportwege und der bestehenden Pipelineinfrastruktur ist das Land für die EU ein attraktiver Beschaffungsmarkt.

Wirtschaftsentwicklung: Alles hängt vom Öl ab

Internationale Beobachter wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank gehen nach einem zweistelligen Wachstum 2025 in ihren jüngsten Herbstprognosen davon aus, dass die libysche Wirtschaft im Jahr 2026 um real 4,2 respektive 3,5 Prozent wachsen könnte. Die Economist Intelligence Unit (EIU) hält sogar ein Wachstum um 7,5 Prozent für realistisch. Grund für das hohe Wachstum im Jahr 2025 war die Wiederaufnahme der Ölförderung nach der Beilegung von politischen Machtkämpfen. Die Förderung liegt laut EIU auf dem höchsten Stand seit 2013.

Auch für 2027 erwarten die meisten Analyseinstitute ein positives, jedoch stark ölpreisabhängiges Wirtschaftswachstum. Seine Höhe gilt jedoch noch als sehr ungewiss. Treiber für Investitionen sind vor allem Engagement von Privatunternehmen im Öl‑ und Gassektor sowie die schrittweise Wiederaufnahme von Explorationstätigkeiten internationaler Unternehmen. Hohe Staatsgehälter, Sozialausgaben und Subventionen stützen den privaten Konsum, verzerren jedoch Marktmechanismen und belasten die öffentlichen Finanzen. Die Inflation ist vergleichsweise gering.

Trotz der Währungsabwertung gilt der libysche Dinar weiterhin als überbewertet. Damit bleibt der Parallelmarkt bedeutend. Bei hohen Ölpreisen lassen sich die expansiven Staatsausgaben finanzieren, andernfalls drohen Haushalts‑ und Leistungsbilanzdefizite. Hinzu kommen erhebliche fiskalische Verluste durch Treibstoffschmuggel. Sie belaufen sich laut einer Studie von The Sentry (November 2025) auf rund 6,7 Milliarden US‑Dollar (US$) pro Jahr.

Wirtschaftliche Prognosen für Libyen stehen unter dem Vorbehalt erheblicher Unsicherheiten: Ölpreis, politische Stabilität und Sicherheitslage bleiben schwer kalkulierbar. Strukturell hemmt vor allem die mangelnde Diversifizierung die wirtschaftliche Entwicklung.

Einheitlicher Rahmen für Investitionen?

Die institutionellen Rahmenbedingungen in Libyen bleiben fragil. Die Teilung des Landes in zwei konkurrierende Regierungen verhindert weiterhin eine kohärente Wirtschaftspolitik. Zwar wurde die Zentralbank im August 2023 offiziell vereinigt, der Prozess ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Ein gemeinsamer Staatshaushalt fehlt weiterhin. Immerhin einigten sich beide Regierungen im November 2025 auf einen einheitlichen Rahmen für Investitions‑ und Entwicklungsprojekte. Ob dies die parallelen Ausgabenstrukturen tatsächlich beendet, ist offen.

Laut libyscher Zentralbank entfallen rund 95 Prozent der Exporte auf Öl und Ölprodukte. Mit knapp 70 Prozent ging der Großteil der Ausfuhren in die EU. Deutschland war nach Italien der zweitwichtigste Abnehmer. Da die lokale Produktion abgesehen von fossilen Brennstoffen gering ist, ist Libyen stark von Importen abhängig. Hauptlieferländer waren 2024 China, die Türkei und Italien. 

Vom 18. bis 21. Mai 2026 organisiert die GHORFA Arab-German Chamber of Commerce and Industry e.V. mit der Union der Libyschen Kammer eine Unternehmerreise nach Libyen. Am 19. Mai soll in Tripolis das Deutsch-Libysche Business Forum stattfinden. Einzelheiten erfahren interessierte Unternehmer bei der GHORFA.

Deutsche Perspektive: Ausfuhren bleiben gering

In Libyen dominieren europäische Öl‑ und Gasunternehmen wie Eni, TotalEnergies, Repsol und OMV. Deutsche Firmen sind deutlich schwächer vertreten und agieren meist als Partner in der Energiewirtschaft, als Zulieferer für Industrieanlagen oder mit Beratungsleistungen. Neue Investitionen aus Deutschland bleiben angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen die Ausnahme.

 

Deutschlands wirtschaftliche Präsenz in Libyen hat in den vergangenen Jahren zwar relativ an Bedeutung verloren. Dies liegt jedoch nicht nur an der schwierigen Sicherheitslage, sondern auch daran, dass insbesondere französische, italienische und spanische Unternehmen das für Libyen zentrale Öl- und Gasgeschäft dominieren. Gleichzeitig hat sich der deutsche Anlagenbau in vielen Fällen stärker auf das Liefergeschäft konzentriert und tritt seltener als EPC-Contractor auf.

Sven Luthardt Geschäftsführer, Luthardt GmbH, Berlin

Im bilateralen Außenhandel dominiert Rohöl, das Deutschland aus Libyen bezieht. Libyen war laut Daten des Statistischen Bundesamtes 2025 das drittwichtigste Lieferland hinter Norwegen und den USA. Insgesamt beliefen sich die Einfuhren aus Libyen auf 5,2 Milliarden Euro. Die deutschen Ausfuhren blieben mit einem Wert von 785 Millionen Euro dagegen vergleichsweise gering. Ein Großteil davon entfällt auf Maschinen und Anlagen.

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