Wirtschaftsausblick | Niederlande
Trotz globaler Unsicherheiten wächst niederländische Wirtschaft
Eine neue Regierung soll das Investitionsklima in den Niederlanden verbessern. Die Wirtschaft entwickelt sich stabil, ohne jedoch für Aufbruchstimmung zu sorgen.
07.01.2026
Von Michael Sauermost | Bonn
Top-Thema: Warten auf eine neue Regierung
Die Niederlande stehen zur Jahreswende 2025/26 inmitten von Koalitionsverhandlungen und vor der Bildung einer neuen Regierung. Die Neuwahlen Ende Oktober 2025 hatten keinen klaren Sieger hervorgebracht: Die linksliberalen D66 siegten mit einem hauchdünnen Vorsprung vor der rechtspopulistischen PVV von Geert Wilders. Somit gilt Rob Jetten als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. Er wäre mit 38 Jahren der jüngste Regierungschef der niederländischen Geschichte.
Die politische Landschaft in den Niederlanden bleibt stark fragmentiert. Um eine stabile Regierung zu bilden, ist Rob Jetten auf eine Koalition aus mindestens vier Parteien angewiesen (D66, VVD, CDA und GL-PvdA). Da andere Parteien eine Zusammenarbeit mit Geert Wilders ablehnen, liegt die Initiative zur Regierungsbildung jedoch klar bei D66. Auch eine 3-Parteien-Minderheitsregierung des Wahlsiegers D66, der konservativen Christdemokraten (CDA) und der wirtschaftsfreundlichen VVD-Partei steht im Raum.
Die Deutsch-Niederländische Handelskammer hofft, mit der neuen Regierung die wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter zu vertiefen – insbesondere in zentralen Zukunftsfeldern wie grüner Energie, Digitalisierung, Mobilität und Innovation.
Wirtschaftsentwicklung: Solides Wachstum erwartet
Die EU-Kommission geht in ihrer Herbstprognose davon aus, dass sich die Wachstumsgeschwindigkeit der niederländischen Wirtschaft im Jahr 2026 leicht reduziert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) könne ein Plus von real 1,3 Prozent erreichen. Für das Jahr 2025 dürfte eine Steigerung von etwa 1,7 Prozent in die Statistiken eingehen. Und auch für 2027 rechnen die Analysten der EU mit einem vergleichbaren Aufschwung.
Die EU-Prognosen decken sich für 2025 und 2026 mit den Erwartungen der niederländischen Zentralbank (DNB). Letztere geht allerdings Stand November 2025 davon aus, dass die BIP-Steigerung für 2027 zu 2026 unverändert bei 1,3 Prozent bleibt. Das starke Wirtschaftswachstum im Jahr 2025 überrascht: Schließlich beeinträchtigen globale Unsicherheiten – insbesondere im Zusammenhang mit der US-amerikanischen Zollpolitik – weiterhin den Außenhandel. Derzeit werden laut EU-Kommission allerdings nur 5 Prozent der niederländischen Warenexporte in die USA geliefert, darunter Hightechmaschinen aus der Halbleitertechnik und Photonik, die weniger von Zöllen betroffen sind.
Konsum bleibt Wachstumstreiber
Globale Störfaktoren werden, so die Zentralbank, von der Inlandsnachfrage abgefedert. Höhere Löhne kurbeln den privaten Konsum an. Die durchschnittlichen Lohnerhöhungen dürften auch 2026 über der prognostizierten Inflationsrate von 2,4 Prozent liegen und die realen Haushaltseinkommen erhöhen.
Auch die in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegenen staatlichen Ausgaben werden weiter zunehmen. Die Ausweitung des Verteidigungssektors und der steigende Bedarf an Gesundheitsversorgung aufgrund der alternden Bevölkerung gelten als Haupttreiber für diese Entwicklung.
Investoren bleiben zurückhaltend
Unternehmensinvestitionen werden sich laut Rabobank im Jahr 2026 nur leicht erholen. Erst für 2027 soll es demnach wieder zu einem Plus bei Kapitalanlagen kommen. Private Investoren dürften sich zunächst – mit Ausnahme des Bauwesens – zurückhalten. Gründe dafür sind globale wirtschaftliche Unsicherheiten und inländische Herausforderungen, beispielsweise durch die Regierungsumbildung oder die Stromnetzüberlastung. Der Netzausbau bleibt hinter der Entwicklung der erneuerbaren Energien zurück. Zudem fehlen Fachkräfte zur Verlegung der Leitungen.
Die EU-Kommission erwartet in ihrer Prognose für 2026 eine Stagnation bei den Käufen von technischen Ausrüstungen. Die Investitionen im Bausektor könnten um 1,4 Prozent wachsen.
Das Staatsdefizit wird laut EU-Kommission voraussichtlich 2026 um 0,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr auf 2,7 Prozent steigen, bevor es 2027 auf rund 2 Prozent sinkt. Die öffentliche Verschuldung soll 2027 einen Anteil von 48,1 Prozent des BIP erreichen.
Hintergrundinformationen zu Stärken und Herausforderungen der niederländischen Wirtschaft bietet unser Wirtschaftsstandort Niederlande.
Deutsche Perspektive: Handelsströme stabilisieren sich langsam
Nach dem Dämpfer durch die US-Zollpolitik im Frühjahr 2025 haben sich die Konjunkturerwartungen deutscher Tochterunternehmen an verschiedenen Auslandsstandorten - so auch in den Niederlanden – leicht verbessert. Zu diesem Ergebnis kommt der AHK World Business Outlook vom Herbst 2025. Etwas mehr als zwei Drittel der im Niederlandegeschäft aktiven Unternehmen erwarten in den kommenden Monaten eine Verbesserung, 46 Prozent von ihnen gehen immerhin davon aus, dass die Wirtschaft stabil bleibt.
Anstehende Investitionen konzentrieren sich der Umfrage zufolge neben Personal vor allem auf Digitalisierung (65 Prozent), Nachhaltigkeit und Energieeffizienz (35 Prozent) und Maschinen/Kapazitätserweiterung (30 Prozent). Hohe Energiepreise, Engpässe in der Energie- und Netzinfrastruktur sowie der sich verschärfende internationale Wettbewerb setzen die Unternehmen vor Ort unter Druck.
Laut Destatis passierten im 1. Halbjahr 2025 Waren im Wert von rund 49 Milliarden Euro die Grenze von den Niederlanden nach Deutschland. Das entsprach im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres einem Plus von 2,7 Prozent. Zum Teil handelte es sich dabei um Zulieferungen für die deutsche Exportindustrie.
Umgekehrt blieben die deutschen Exporte in das Nachbarland im Vergleichszeitraum bei etwa 55,7 Milliarden Euro in etwa unverändert (- 0,2 Prozent).
Weitere Informationen zu den Niederlanden erhalten Sie auf der GTAI-Länderseite.