Wirtschaftsausblick | Singapur
Singapur rechnet 2026 mit geringerem Wachstum
Singapurs Wirtschaft schlägt sich wacker trotz globaler Turbulenzen. Für deutsche Firmen bleibt der Standort attraktiv, doch die Konkurrenz wird intensiver.
22.12.2025
Von Alexander Hirschle | Singapur
Top-Thema: Wachsende Konkurrenz durch China erfordert neue Strategien
In Singapur wie in ganz ASEAN wächst der Wettbewerbsdruck für deutsche Firmen durch Produkte aus China. Neben Konsumgütern gewinnen mittlerweile auch Restaurant- und Café-Ketten aus dem Reich der Mitte an Popularität. Auf dem Kfz-Markt haben chinesische Hersteller innerhalb von nur zwei Jahren die Marktführerschaft erobert und kamen im 1.Halbjahr 2025 auf knapp 20 Prozent der Neuregistrierungen im 1. Halbjahr 2025. Viele chinesische Firmen wie zum Beispiel Labubu nutzen Singapur als Sprungbrett in die Region. Die US-Handelspolitik dürfte diese Entwicklung weiter verstärken. Um ihre Kapazitäten trotzdem auszulasten, werden chinesische Firmen mit ihren Produkten stärker nach Südostasien ausweichen.
Nischen für Qualitätsprodukte "made in Germany" werden kleiner, wobei deutsche Firmen weiterhin gute Absatzchancen in Bereichen mit hohen Sicherheits- und Präzisionsanforderungen haben. Angesichts des intensiveren Wettbewerbs reagieren einige Firmen mit unterschiedlichen Produktlinien und versuchen schnellere Lieferzeiten zu garantieren. Eine stärkere Präsenz vor Ort hilft zudem, Netzwerke und Kundenkontakte aufzubauen.
Wie andere ASEAN-Staaten strebt auch Singapur in Folge der US-Handelspolitik eine stärkere Diversifizierung seiner Handelspartner an, um der ökonomischen "Umklammerung" durch die USA und China zu entkommen. Nicht nur die Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern in Afrika und Lateinamerika sollen künftig eine größere Rolle spielen. Auch das Interesse an Kooperation und Handel mit verlässlichen Partnern wie der EU und Deutschland dürfte künftig steigen.
Wirtschaftsentwicklung: Wachstumsdynamik lässt leicht nach
Die Wirtschaft Singapurs zeigt sich widerstandsfähiger als erwartet. Im 3. Quartal 2025 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um fast 3 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode zu. Auch die verarbeitende Industrie präsentierte sich im Herbst 2025 überraschend dynamisch. Der globale Boom um künstliche Intelligenz (KI) sorgt für eine anhaltend hohe Nachfrage nach Halbleitern und Elektronik. Der Arbeitsmarkt bleibt ebenfalls stabil. Aus diesem Grund erhöhten verschiedene Finanzinstitute ihre Schätzungen für das BIP-Wachstum im Gesamtjahr 2025 auf 3,5 bis 4 Prozent. Auch die singapurische Regierung rechnet mit rund 4 Prozent.
Für 2026 sind die Prognosen nach zwei wachstumsstarken Jahren etwas pessimistischer. Die Asiatische Entwicklungsbank rechnet nur noch mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent. Das singapurische Handels- und Industrieministerium MTI erwartet zwischen 1 und 3 Prozent. Als offene, aber kleine Volkswirtschaft ist Singapur besonders von Friktionen des Welthandels betroffen. Die Effekte der US-Handelspolitik auf wichtige Branchen wie Großhandel, Logistik und Transport werden sich erst 2026 vollumfänglich zeigen.
Das mittelfristige Potenzialwachstum Singapurs liegt bei rund 2,5 Prozent. Auch langfristig sollen hohe Produktivitätsgewinne, Offenheit für die Nutzung digitaler Technologien, sehr gut aufgestellte öffentliche Institutionen und Infrastruktur sowie ein starker Fokus auf Bildung für überdurchschnittliches Wachstum sorgen, so eine Studie der lokalen Großbank DBS.
Die Regierung setzt gezielt auf die Entwicklung von Zukunftssektoren und versucht Singapurs internationale Position in Bereichen wie Finanzdienstleistungen, KI, Präzisionsmedizin oder modernen Fertigungstechnologien auszubauen. Für deutsche Firmen ergeben sich daraus spannende Kooperations- und Geschäftschancen, zum Beispiel bei 3D-Druck, Automatisierung, Halbleiter, Raumfahrt, nachhaltige Materialien oder KI-gestützter Diagnostik.
In den kommenden fünf Jahren will der Staat fast 30 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investieren, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts auch in Zukunft zu sichern. Schwerpunkte der Aktivitäten sind der Gesundheitsbereich und Halbleiter. Daneben sollen Grundlagenforschung, die Ausbildung von Wissenschaftlern sowie die Nutzung von KI und Datenanalyse gestärkt werden.
Deutsche Perspektive: Attraktiver Forschungsstandort
Die Sogwirkung Singapurs bleibt trotz globaler Friktionen ungebrochen – teils wird sie sogar verstärkt. Dabei stellen die hohen Betriebs- und Lohnkosten weiterhin eine große Herausforderung dar. Doch dank wirtschaftspolitischer Stabilität, klarer Regularien und einer hochentwickelten Infrastruktur gilt Singapur als sicherer Hafen und hat in der Region kaum Konkurrenz zu fürchten. Gerade für deutsche Markteinsteiger in Südostasien ist es weiterhin die erste Adresse, ebenso für den Aufbau von Regionalzentralen oder als Standort für Forschung und Entwicklung.
Letzteres nutzen Universitäten wie die Technische Universität München für Kooperationen. Aber auch deutsche Firmen gehen Partnerschaften mit lokalen Instituten ein. Zum Beispiel hat Siemens Mitte 2025 eine Absichtserklärung mit der singapurischen Forschungsagentur AStar zur Entwicklung smarter und nachhaltiger Lösungen im Bereich Advanced Manufacturing abgeschlossen. Das Unternehmen Schaeffler und die Nanyang Technological University (NTU) vertiefen ihre bestehende Partnerschaft und werden in einem neuen Labor gemeinsam Technologien für Robotik und KI vorantreiben.
Singapur ist das einzige größere Land in ASEAN, in das Deutschland mehr exportiert als es von dort importiert, also einen Handelsbilanzüberschuss hat. Ein Großteil der deutschen Lieferungen verbleibt jedoch nicht in Singapur, sondern wird in die Region weiterexportiert. Im 1. Halbjahr 2025 verringerte sich der Wert der deutschen Ausfuhren nach Singapur um 3 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. Die Einfuhren aus Singapur legten im selben Zeitraum um 13,4 Prozent zu.
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