Interview | Pakistan | Internet-, Telekommunikationsdienste

Telekommunikation in Pakistan: "Auch Chinesen kochen mit Wasser"

Nach der Vergabe von 5G-Lizenzen sieht ein ehemaliger Siemens-Manager deutsche Lieferchancen in Pakistans Telekommunikationsbranche. Als Hindernis sieht er Exportkontrollen.

Von Ulrich Binkert | Bonn

Parvez Iftikhar, Telekommunikation in Pakistan Parvez Iftikhar, Telekommunikation in Pakistan | © Parvez Iftikhar

Parvez Iftikhar leitete die ehemalige Kommunikationssparte (COM) von Siemens in Pakistan. Heute berät er dort und in anderen Staaten Asiens und Afrikas zu Telekommunikationspolitik und -regulatorik. Viel Technik kommt in Pakistan von chinesischen Firmen. "Die kochen aber auch nur mit Wasser", sagt Iftikhar und nennt Marktchancen für mittelständische deutsche Techniklieferanten. Das Timing sei gut: Nach der jüngsten Zuteilung von 5G-Mobilfunklizenzen muss Pakistans Telekom- und Dateninfrastruktur ausgebaut werden. 

Herr Iftikhar, beherrscht China Pakistans Markt für Telekommunikation?

Das kann man so nicht sagen. Bei Netzwerken ist Huawei tatsächlich klar die Nummer eins. Die Infrastruktur der drei pakistanischen Mobilfunkanbieter besteht aber zu einem großen Teil aus nicht chinesischer Technik. Ein großer Teil des Kernnetzes des Marktführers Jazz beispielsweise stammt von Ericsson und Nokia. Ebenso kommen die meisten Finanzierungslösungen der Telekommunikationsfirmen von SAP oder von kleineren deutschen Unternehmen, die über SAP vermittelt wurden. Und diese Kunden beziehen ihre Produkte weiterhin nicht nur aus China.

Sind deutsche und europäische Lieferanten also auch bei den jetzt anstehenden Beschaffungen im Rennen?

Auf jeden Fall. Dass Huawei halb so teuer wie ein Siemens oder Nokia war, diese Zeiten sind vorbei. Die Chinesen sind schon eine Weile nicht mehr die Preisführer, und ihre Wettbewerber haben ihre Lektionen gelernt. Rohde & Schwarz und SAP etwa sind in Pakistans Technologiemarkt sehr gut aufgestellt. Insgesamt gelten deutsche Unternehmen jedoch als High-End-Anbieter. Sie sind relativ teuer. Das größte Hindernis für die Expansion deutscher Unternehmen in Pakistan sind übrigens die Exportkontrollen in Deutschland. Oft dauert es sechs bis acht Monate, bis es eine Genehmigung gibt - wenn sie überhaupt erteilt wird. 

Was spricht außerdem für die Beschaffung europäischer Produkte?

Die Telekommunikationsanbieter müssen auf ihre Kunden hören: Und die schauen auch in Pakistan, dass keine oder nicht nur chinesische Technik verbaut wird. Das gilt für Banken und andere große Unternehmen und Institutionen. So hat einer der größten pakistanischen Glasfasernetzbetreiber in Teilen seiner Infrastruktur keinerlei chinesische Technik, um den Anforderungen westlicher Kunden gerecht zu werden. 

Wo sehen Sie weitere Chancen für deutsche Anbieter?

Unter anderem beim Bau von Rechenzentren, bei Kühltechnik - und bei einer breiten Palette von Produkten und Lösungen. Hier nur ein paar Beispiele: Messtechnik zur Frequenzüberwachung, Verschlüsselungstechnik, Cyber-Security- und andere IT-Lösungen. Oder Benchmarking-Lösungen zum Leistungsvergleich - wobei die Messgeräte von Anbietern stammen müssen, die nicht gleichzeitig die Hauptgeräte liefern. Insbesondere Behörden kaufen Überwachungs- und Benchmarking-Instrumente nur von Firmen, die nicht gleichzeitig Netzwerke liefern. Hier gelten deutsche Unternehmen als besser geeignet. Deutsche Unternehmen wie DE-CIX und D3 Communications sind in Pakistan direkt oder über Vertreter tätig.

Gehört zu den Einsatzfeldern auch die Infrastruktur für 5G?

Ja, das könnte aber noch eine Weile dauern. Pakistans Telekommunikationsinfrastruktur ist im internationalen Vergleich recht zurückgeblieben. Die Mobilfunkfirmen werden vorerst hauptsächlich in 4G-Dienste investieren, die sie dringend verbessern müssen. Mit den Lizenzen für 5G haben sie nun neue Frequenzen, die auch für 4G genutzt werden können. Erst etwas später werden die Firmen den Fokus auf 5G verlagern, abgesehen vom obligatorischen 5G-Ausbau.

Und bei den Endkunden von 5G-Diensten?

Dort sehe ich perspektivisch sehr viele Investitionen. Dieses Geschäft wird für deutsche Zulieferer und Partner wahrscheinlich noch interessanter werden. Wir reden hier nicht nur von Industrie-4.0, wo Deutschland viel zu bieten hat. Sondern auch von Endgeräten für IoT-Lösungen. Zu solchen Kunden zählen Logistiker oder Bus- und Bahnunternehmen mit ihren Transportflotten. Oder die pakistanische Sportartikel-, Textil- und Medizintechnikbranche, besonders dort, wo deutsche Unternehmen wie Adidas aktiv sind. Hinzu kommt die Landwirtschaft, die in Pakistan eine große Rolle spielt. Sie alle werden künftig 5G-Dienste einsetzen. 

Sind auch Rechenzentren ein Markt?

Absolut. Das Geschäft der Branche verlagert sich rapide auf Daten, mit Verspätung auch in Pakistan. Und dafür braucht es neue Rechenzentren. Bisher hat Pakistan noch wenige davon. Es sind vielleicht 15 bis 20, die internationalen Standards entsprechen und eher klein sind. Was es noch gar nicht im Land gibt, sind die Mega-Anlagen von Hyperscalers, Firmen also wie Microsoft oder Amazon: kleiner Inlandsmarkt, nicht die beste internationale Anbindung durch Seekabel, keine Landanbindung außer nach China, hohe Stromkosten und abschreckende Nachrichten zur Sicherheit - das alles hat Investoren abgeschreckt. All dies ändert sich aber zum Besseren. Eine Rolle spielt dabei auch der Irankrieg. 

Warum?

Die Investoren sehen jetzt, dass die Golfregion vielleicht doch nicht so sicher ist. Dort stehen ja massive Rechenkapazitäten, oft für KI. Jetzt könnten die Hyperscaler alternative Standorte suchen, und Pakistan bietet sich da an: Die Stromversorgung hat sich deutlich verbessert, neue Seekabel sind in Bau und die Sicherheitsprobleme beschränken sich weitgehend auf einige Gebiete an den westlichen Grenzen. Zudem wächst der Inlandsmarkt, da sich Pakistan zunehmend auf die Digitalisierung von Verwaltung und Wirtschaft sowie auf den Export von IT-Dienstleistungen konzentriert.

Sie nannten auch den Ausbau des Glasfasernetzes.

Kurzfristig investieren hier vor allem die Telekommunikationsanbieter. Sie müssen mit Glasfaser Mobilfunkmasten anbinden und das Gesamtnetz ausbauen. Auf längere Sicht wird mehr Geld in die Anbindung der Betriebe und Haushalte selbst fließen. Und wir sehen dann reine Infrastrukturanbieter in der Rolle, Glasfaserkabel zu verlegen und Funkmasten zu errichten. Bislang hat in Pakistan erst ein Infrastrukturanbieter Glasfaserkabel verlegt, die chinesische Firma Sunwalk. In dieses Geschäft werden nach meiner Überzeugung aber auch andere Infrastrukturfirmen einsteigen. Bei Mobilfunkmasten gibt es in Pakistan bereits Beispiele wie die Engro Group, die im vergangenen Jahr zehntausend Mobilfunkmasten von Jazz erworben hat.

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