Branche kompakt | Polen | Ernährungswirtschaft
Branchenstruktur
Fleischverarbeiter und Molkereien prägen Polens Lebensmittelindustrie. Im Handel bestimmen Discounter und Nachbarschaftsläden die Marktstruktur.
06.05.2026
Die Produktion von Lebensmitteln, Getränken und Genussmitteln gehört zu den wichtigsten Industriezweigen Polens. Unternehmen der Branche erwirtschaften laut Daten der polnischen Statistikbehörde GUS fast ein Viertel aller Umsätze im verarbeitenden Gewerbe. Zum Vergleich: Die Automobilproduktion kommt gerade einmal auf 11 Prozent.
Der Löwenanteil aller Branchenumsätze in der Lebensmittelindustrie entfällt auf die Fleischverarbeitung und die Herstellung von Milchprodukten. Charakteristisch ist die hohe Zahl internationaler Eigentümer. Polens größter Fleischkonzern Animex gehört beispielsweise zur chinesischen WH Group.
Im Molkereisektor dominieren Unternehmen in polnischem Besitz wie Mlekovita, Mlekpol oder Polmlek. Dahinter folgen internationale Hersteller, darunter Hochland oder Zott aus Deutschland. Auch der größte Lebensmittelverarbeiter des Landes, die Maspex‑Gruppe, befindet sich in polnischem Eigentum. Das Unternehmen produziert unter verschiedenen Marken Getränke, Pasta und Konserven.
| Unternehmen | Sparte | Umsatz 1) 2) |
|---|---|---|
| Grupa Maspex | Verschiedene Nahrungsmittel | 3.757 |
| Animex Foods | Fleischverarbeitung | 2.839 |
| SM Mlekovita | Molkereiprodukte | 2.345 |
| SM Mlekpol | Molkereiprodukte | 1.660 |
| Grupa Sokołów | Fleisch und Fleischverarbeitung | 1.345 |
| Imperial Tobacco Polska | Tabakverarbeitung | 1.315 |
| Mowi Polska | Fischverarbeitung | 1.179 |
| Grupa Wipasz | Futtermittel und Geflügelverarbeitung | 1.137 |
| Krajowa Grupa Spożywcza | Verschiedene Nahrungsmittel | 872 |
| Gobarto | Fleisch und Fleischverarbeitung | 866 |
| United Beverages Group | Spirituosen | 779 |
Polnische Firmen übernehmen internationale Hersteller
Die polnische Lebensmittelindustrie drängt auf internationale Märkte, was sich auch in Firmenübernahmen widerspiegelt. So übernahm der Süßwarenhersteller Colian 2025 den deutschen Schokoladenproduzenten Gubor. Im selben Jahr kaufte der polnische Wurstwarenhersteller Morliny Foods die bayerische Wolf Group. Anfang 2026 schloss zudem Maspex die Übernahme des rumänischen Weinherstellers Purcari ab.
Begünstigt werden solche Expansionen durch staatliche Förderinstrumente. Polnische Unternehmen erhalten für internationale Übernahmen zinsgünstige Kredite von der staatlichen Förderbank BGK.
Darüber hinaus bleibt der Export eine zentrale Säule der polnischen Lebensmittelindustrie. Die Branche erzielt rund ein Fünftel aller Umsätze im Ausland. Einzelne Sparten kommen sogar auf höhere Exportquoten. Verarbeiter von Fisch und Meeresfrüchten sowie Hersteller von Kaffee und Tee exportieren laut GUS jeweils rund 60 Prozent ihrer Produktion. Der hohe Exportanteil geht auch auf internationale Investoren zurück. Die britische Teemarke Lipton produziert in Katowice beispielsweise für den gesamten europäischen Kontinent.
| Produktgruppe | 2024 | 2025 3) | Veränderung 2025/2024 4) |
|---|---|---|---|
| Geflügelfleisch | 3.499 | 3.521 | 0,6 |
| Wurstwaren | 645 | 655 | 1,6 |
| Obst- und Gemüsesäfte (in 1.000 hl) | 9.641 | 8.839 | -8,3 |
| Milch (in 1.000 hl) | 35.406 | 35.783 | 1,4 |
| Käse, reifend | 404 | 417 | 3,3 |
| Frischkäse, Quark | 554 | 575 | 3,8 |
| Weizenmehl | 2.149 | 2.068 | -3,7 |
| Zucker | 2.552 | 2.470 | -3,2 |
| Reiner Wodka (umgerechnet in 100 % Alkohol, in 1.000 hl) | 867 | 843 | -2,8 |
| Bier (in 1.000 hl) | 34.563 | 33.060 | -4,3 |
Wichtigster Absatzmarkt der Industrie ist Deutschland. Nach Angaben der staatlichen Landwirtschaftsagentur KOWR gehen rund 25 Prozent aller polnischen Exporte von Agrar- und Lebensmitteln in das westliche Nachbarland. Polen weist im Lebensmittelsektor einen Handelsüberschuss mit Deutschland auf. Besonders ausgeprägt ist der Überschuss bei Fleisch, Fisch sowie Getreideprodukten.
Gleichzeitig sperrt sich Polen gegen Lebensmittelimporte aus Drittstaaten. Nach Protesten gegen das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten kündigen polnische Verarbeiter von Rindfleisch auch Widerstand gegen ein geplantes Abkommen mit Australien an.
Jahr | Wert |
|---|---|
| 2025 *) | 58,4 |
| 2024 | 53,8 |
| 2023 | 52,1 |
| 2022 | 47,9 |
2021 | 37,6 |
| 2020 | 34,3 |
Wenig Platz für internationale Waren
Im Inland dominieren heimisch produzierte Lebensmittel den Handel. Dies ist auch Ergebnis politischen Drucks. So forderte etwa die Landwirtschaftskammer Lublin Anfang 2026 eine verpflichtende Quote für polnische Produkte im Einzelhandel.
Das Landwirtschaftsministerium verwies in einer Antwort darauf, dass der Anteil polnischer Erzeugnisse in vielen Kategorien bei bis zu 90 Prozent liegen würde. Dies betreffe unter anderem Fleisch, Eier, Milchprodukte sowie Backwaren.
Internationale Handelsketten betonen in diesem Zusammenhang ihre Rolle als Exportplattform. Die polnische Tochter des deutschen Discounters Lidl exportiere 2025 laut eigenen Angaben polnische Lebensmittel von 386 Lieferanten im Wert von insgesamt 1,7 Milliarden Euro. Die Waren gingen unter anderem nach Rumänien, Tschechien, Ungarn und Litauen.
Vereinzelt gelingt auch deutschen Herstellern der Markteintritt in den polnischen Einzelhandel. So kamen Cola‑Getränke des Hamburger Produzenten fritz‑kola 2025 dank einer Kooperation mit Lidl Polska erstmals landesweit in den Handel. Zuvor vertrieb das Unternehmen seine Produkte in Polen vor allem über die Gastronomie sowie über Onlinekanäle.
Dominanz der Discounter
Der Lebensmitteleinzelhandel ist, ähnlich wie die Lebensmittelverarbeitung, von einem Mix aus internationalen und heimischen Akteuren geprägt. Umsatzstärkste Kette ist der portugiesische Discounter Biedronka, gefolgt von Lidl. Unter den Unternehmen mit polnischem Eigentümer dominieren die Eurocash‑Gruppe und die Supermarktkette Dino. Letztere expandiert seit Jahren stark und eröffnet jährlich bis zu 400 Filialen, vor allem in ländlichen Regionen. Lidl plant etwa 50 Neueröffnungen pro Jahr und baut zudem ein neues Distributionszentrum in Skawina.
Besonders dynamisch wächst die Franchise‑Kette Żabka. Die kioskähnlichen Minimärkte entstehen in Neubaugebieten und Bürozentren. Sie zielen auf eine hohe Kundenfrequenz und Impulskäufe. Żabka eröffnet jährlich rund 1.000 Filialen und befindet sich mehrheitlich im Besitz eines internationalen Investmentfonds.
Gleichzeitig haben es Vollsortimenter und höherpreisige Konzepte schwer. Die französische Hypermarktkette Carrefour steht vor dem Verkauf ihrer polnischen Aktivitäten. Die Spar‑Gruppe hat sich bereits aus dem Markt zurückgezogen und ihre Filialen an das polnische Unternehmen Specjał verkauft. Die hohe Inflation der Jahre 2022 bis 2024 hat das Konsumverhalten in Polen nachhaltig geprägt. Viele Verbraucher sind weiterhin preissensibel und zeigen nur geringe Bereitschaft, für höherpreisige Lebensmittel mehr auszugeben.
Parallel zum Wachstum der Discounter steigt der Anteil von Eigenmarken in den Regalen. Laut einer Untersuchung der Marktberatung YouGov vom Juli 2025 liegt Polen dabei bislang im europäischen Mittelfeld. Rund 24 Prozent aller Waren im FMCG‑Segment (Fast Moving Consumer Goods) entfallen auf Handelsmarken. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Anteil 41,4 Prozent. Den YouGov‑Daten zufolge wächst der Eigenmarkenanteil in Polen jährlich um knapp 1 Prozentpunkt.