Branche kompakt | Polen | Pharmaindustrie, Biotechnologie
Branchenstruktur
Polnische Pharmahersteller suchen verstärkt die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen. Internationales Know-how und EU‑Programme könnten der Branche neue Wachstumsschübe geben.
02.02.2026
Von Christopher Fuß | Warschau
Polens Pharmaindustrie gehört nicht zu den europäischen Schwergewichten. Laut der Statistikbehörde Eurostat kommt die polnische Branche, gemessen an der jährlichen Bruttowertschöpfung, nur auf ein Viertel des Niveaus von Ländern wie Spanien oder den Niederlanden. Deutschlands Pharmaindustrie ist sogar zehnmal größter als die polnische.
Diese Nischenrolle hängt mit dem Produktportfolio der Unternehmen zusammen. Polnische Hersteller konzentrieren sich auf Generika und OTC‑Medikamente (Over the Counter). Zu den größten Produzenten zählen Polpharma und Adamed. Im Bereich der rezeptfreien Arzneimittel führen USP Zdrowie und Aflofarm. Eine Sonderstellung nimmt das Unternehmen Bioton ein, das als einziger polnischer Hersteller Insulin entlang der gesamten Wertschöpfungskette produziert.
Polnische und deutsche Firmen entwickeln gemeinsam Arzneimittel
Mittelfristig streben die führenden Hersteller an, mehr forschungsintensive Produkte anzubieten. Ein Schwerpunkt liegt auf Biosimilars. Dabei handelt es sich um biotechnologisch hergestellte Arzneimittel, die einem bereits zugelassenen Medikament ähnlich sind und nach Ablauf von Patentfristen auf den Markt kommen.
Vor allem Polpharma baut dieses Geschäftsfeld aus. Die Tochtergesellschaft Polpharma Biologics entwickelt Biosimilars in der Schweiz, während Konzerntochter Rezon Bio in Polen als Auftragsentwickler und Auftragshersteller tätig ist.
Der Fokus auf Biosimilars schafft die Grundlage für neue Partnerschaften mit deutschen Pharmaunternehmen. So unterzeichnete Fresenius Kabi im August 2025 eine Lizenzvereinbarung mit Polpharma Biologics. Das polnische Unternehmen übernimmt die Entwicklung eines Wirkstoffs gegen Darmerkrankungen, Fresenius Kabi leitet den Vertrieb.
Ein weiteres Projekt verfolgt Polpharma Biologics seit Mai 2025 mit dem Berliner Unternehmen ProBioGen. Ziel ist die Entwicklung von Zelllinien. Sie sind ein Vorprodukt bei der Herstellung von Biosimilars. ProBioGen entwickelt Zelllinien für Polpharma Biologics.
Auch das Unternehmen Sartorius aus Göttingen und Mabion aus Konstantynów Łódzki gingen 2025 eine neue Partnerschaft ein. Sartorius übernimmt ab sofort frühe Entwicklungsphasen, während Mabion unter anderem für die Produktion von Biosimilars zuständig ist.
Fördergelder helfen der Krebsforschung
Eine Hürde bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe sind die Kosten. Polnische Pharmaunternehmen greifen daher auf EU-Fördermaßnahmen zurück. Dazu zählt das STEP‑Programm (Strategic Technologies for Europe Platform). Es soll Europa unabhängiger von Importen machen. Das Budget für polnische Pharmaunternehmen umfasst insgesamt über 900 Millionen Euro. Mit den Mitteln können die Firmen neue Wirkstoffe entwickeln und Produktionskapazitäten für aktive pharmazeutische Wirkstoffe API (Active Pharmaceutical Ingredients) aufbauen.
Die Verteilung der STEP‑Mittel erfolgt über mehrere Institutionen und Ausschreibungen. Bis Ende Februar 2026 vergibt beispielsweise die staatliche Forschungsagentur NCBR (Narodowe Centrum Badań i Rozwoju) rund 28,5 Millionen Euro. Teilnahmebedingung ist eine Beteiligung an der EU‑Initiative IPCEI Med4Cure. In Polen erfüllt derzeit nur Ryvu Therapeutics diese Voraussetzung. Das Unternehmen entwickelt Therapien gegen Krebserkrankungen.
Die Förderprogramme könnten dazu beitragen, die Innovationskraft der Pharmabranche zu stärken. Bislang liegt Polen im europäischen Vergleich deutlich zurück. Im Jahr 2024 meldeten polnische Pharmaunternehmen lediglich 29 Patente bei der europäische Patentbehörde EPO an. Zum Vergleich: Schweden kam im selben Jahr auf 125 Registrierungen, Frankreich auf 493 und Deutschland auf 612.
Polen beliebt als Vertriebsstandort
Neben den einheimischen Arzneimittelherstellern sind fast alle großen Pharmakonzerne in Polen aktiv. Doch nur die wenigsten unterhalten eine Produktionsniederlassung. Zu den wichtigsten Ausnahmen von dieser Regel zählen der Schweizer Konzern Novartis mit seiner Generika‑Tochter Sandoz, der französische Pharmakonzern Sanofi sowie das japanische Unternehmen Takeda. Darüber hinaus ist Polen ein bedeutender Produktionsstandort für den israelischen Generikahersteller Teva.
Das deutsche Unternehmen Fresenius Kabi produziert in Polen Infusionslösungen. Weitere deutsche Pharmakonzerne wie Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck sind im Land vor allem mit Vertriebs-, Marketing‑ und Verwaltungseinheiten präsent.
Die meisten internationalen Pharmaunternehmen haben sich in Polen in einem von zwei Verbänden zusammengeschlossen. Dazu zählen der Arbeitgeberverband Infarma sowie die Wirtschaftskammer Farmacja Polska. Die einheimischen Hersteller sind im Arbeitgeberverband PZPPF/KLP organisiert.
Ein Zentrum der polnischen Pharmaindustrie liegt im Süden rund um das Life‑Science‑Cluster Kraków. Das Netzwerk gehört zu den nationalen Schlüsselclustern (Krajowe Klastry Kluczowe, KKK). Diese vom Wirtschaftsministerium vergebene Auszeichnung ermöglicht dem Cluster die Teilnahme an verschiedenen Förderprogrammen und Wettbewerben.
Ungarn ist zweitwichtigster Lieferant
Polen ist bei der Arzneimittelversorgung auf Importe angewiesen. Das Land führt mehr Pharmaprodukte ein, als es exportiert. Mit einem Anteil von 18,8 Prozent an den gesamten Pharmaimporten ist Deutschland der wichtigste Lieferant.
Gleichzeitig gewinnt Ungarn an Bedeutung. Im Jahr 2024 war das Land erstmals der zweitgrößte Importpartner Polens für pharmazeutische Erzeugnisse. Der Marktanteil Ungarns stieg zwischen 2020 und 2024 von 3,4 Prozent auf 13,2 Prozent der gesamten Pharmaimporte.
Die Hintergründe dieser Entwicklung erläutert die GTAI‑Ungarn‑Korrespondentin Kirsten Grieß: "Ungarische Hersteller wie Egis und Gedeon Richter haben ihre Produktionskapazitäten gezielt mit Blick auf neue Exportmärkte ausgebaut. Zudem nutzen internationale Pharmaunternehmen Ungarn zunehmend als Produktionsstandort für den europäischen Markt." Beispiele hierfür seien Ceva‑Phylaxia und Sanofi aus Frankreich sowie Hongene Biotech aus Singapur.
| Unternehmen | Umsatz 2023 |
|---|---|
| Polpharma S.A. | 802,2 |
| Lek S.A. (Sandoz) | 760,5 |
| Roche Polska Sp. z o. o. | 645,4 |
| Bayer Sp. z o.o. | 604,9 |
| GSK Services Sp. z o. o. | 480,0 |
| Teva Operations Poland Sp. z o. o. | 477,7 |
| Adamed Pharma S.A. | 379,4 |
| Bausch Health Poland Sp. z o. o. | 373,9 |
| AstraZeneca Pharma Poland Sp. z o.o. | 281,7 |
| USP Zdrowie Sp. z o. o. | 279,9 |
| Boehringer Ingelheim Sp. z o. o. | 270,8 |