Für Pharmaunternehmen ist Polen vor allem wegen seiner dynamischen Wachstumszahlen interessant. Doch trotz steigender Budgets droht der Krankenkasse auch 2026 ein Haushaltsloch.
Die öffentlichen Gesundheitsausgaben in Polen erreichen 2026 ein Rekordniveau. Das Haushaltsgesetz sieht Mittel in Höhe von rund 59 Milliarden Euro vor, ein Plus von 6 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. Die Summe beinhaltet beitragsfinanzierte Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse NFZ (Narodowy Fundusz Zdrowia) sowie steigende Zuschüsse aus dem Staatshaushalt.
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Die gute Nachricht für Pharmahersteller: Das NFZ-Budget für Erstattungen wächst um über 780 Millionen Euro auf insgesamt rund 7,3 Milliarden Euro. Damit steigt die Chance, dass weitere Präparate auf die Erstattungsliste kommen. Übernimmt die Krankenkasse die Kosten, lösen Patienten ein Rezept häufiger ein. Der Absatz von Pharmaprodukten erhält damit einen Wachstumsimpuls.
Zwischen 2025 und 2026 hat das Gesundheitsministerium die Liste der erstattungsfähigen Medikamente erneut ausgebaut. Im Januar 2026 führt das Register insgesamt 4.146 verschreibungs- und apothekenpflichtige Präparate. Das sind 73 Arzneimittel mehr als ein Jahr zuvor. Auch deutsche Hersteller profitieren: Seit Juli 2025 wird der Wirkstoff Empagliflozin von Boehringer Ingelheim für weitere Therapien erstattet. Neue Zusagen erhielten zudem Medikamente von Bayer, Stada und Merck.
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ihrer Umsätze erwirtschaftet Polens Pharmaindustrie im Export.
Gleichzeitig steigen weitere Firmen in den Markt ein. InfectoPharm aus Heppenheim eröffnete im Januar 2026 ihre erste Vertriebsniederlassung in Polen. Das Land sei ein "strategischer Baustein", betont Markus Rudolph, Geschäftsführer von InfectoPharm in einer Pressemitteilung. "Der aufstrebende Wirtschaftsmarkt bietet durch seine Größe von rund 38 Millionen Einwohnern und steigende Gesundheitsausgaben enormes Potenzial", so Rudolph.
Finanzlöcher bleiben bestehen
Doch die positiven Signale können strukturelle Probleme nicht überdecken. Trotz Rekordeinnahmen und wachsender staatlicher Unterstützung steuert der NFZ im Jahr 2026 auf ein Defizit von 5,5 Milliarden Euro zu. Das berichten polnische Medien. Schon 2025 geriet die Kasse in finanzielle Schieflage.
Die Regierung musste aushelfen und griff auf Gelder des Medizinfonds (Fundusz Medyczny) zurück. Anders als der NFZ finanziert sich dieses Instrument allein über Steuergelder. Es kommt normalerweise für hochmoderne Therapien außerhalb des Erstattungssystems auf. Jetzt hilft der Fundusz Medyczny dabei, Haushaltslöcher zu stopfen. Eine nachhaltige Lösung für den NFZ steht weiterhin aus.
Die Krankenkasse steht auch deshalb unter Druck, weil sie in den vergangenen Jahren neue Aufgaben übernehmen musste. So überführte das Gesundheitsministerium die Medikamentenprogramme (programy lekowe) aus dem Staatshaushalt in die Verantwortung des NFZ. Diese Programme finanzieren unter anderem stationäre Behandlungen mit modernen Arzneimitteln, darunter Biopharmaka. Auch Medikamente deutscher Hersteller sind vertreten, etwa das Produkt Elmiron der bene Arzneimittel GmbH.
Seit 2023 erhalten zudem Personen unter 18 Jahren und über 65 Jahren eine ganze Reihe von Medikamenten kostenlos. Zuvor galt das Programm ausschließlich für Menschen über 75 Jahren.
Zu den größten Kostentreibern zählen jedoch die steigenden Gehälter im Gesundheitswesen und der Finanzbedarf der Krankenhäuser. Das Gesundheitsministerium hat daher Einsparmöglichkeiten vorgestellt. Dazu gehören neue Obergrenzen für ausgewählte Behandlungen und ein Stopp der gesetzlich vorgeschriebenen Gehaltserhöhungen. Auch Einschnitte bei den kostenlosen Medikamenten-Programmen stehen zur Diskussion.
Widerspruch kommt unter anderem vom Staatspräsidenten Karol Nawrocki, der Reformen per Veto blockieren kann. Angesichts der schwierigen politischen Lage erscheint ein grundlegender Umbau des Gesundheitswesens vorerst unwahrscheinlich.
Kontroverse Paragrafen entfallen
Veränderungen könnten sich jedoch beim Erstattungsrecht ergeben. Bereits im Mai 2025 hatte Polens Regierung ein entsprechendes Gesetzespaket vorgestellt. Es nimmt Teile einer umstrittenen Reform aus dem Jahr 2023 zurück. Zu den Streitthemen zählt etwa die Vorschrift, dass Hersteller bestimmte Medikamente an mindestens zehn Großhändler liefern müssen oder Liefermengen anhand eines starren Algorithmus einzuhalten haben.
Mit der neuen Reform könnte das Gesundheitsministerium außerdem einen Hersteller dazu aufrufen, einen Erstattungsantrag zu stellen, beispielsweise wenn ein Medikament für eine Patientengruppe besonders wichtig ist. Im Gegenzug würde das Unternehmen von niedrigeren Registrierungsgebühren und schnelleren Genehmigungen profitieren.
Zudem soll die Erstattungsliste um eine Kategorie erweitert werden. Dank der neuen Gruppe würden Patienten mehr Arzneimittel in ambulanten Versorgungszentren erhalten. Dieser Schritt hilft den Biopharmaka, die bislang eher in Krankenhäusern verabreicht werden.
Die großen Pharmaverbände Polens äußern sich insgesamt positiv zu den Plänen. Wann das Gesetz im Parlament eingeht, ist allerdings offen. Ursprünglich hatte das Gesundheitsministerium Ende 2025 anvisiert, diesen Termin jedoch verfehlt.
Chancen für innovative Medikamente
Die Aussichten für den Pharmamarkt bleiben trotz aller Unsicherheit positiv, wie die Marktberatungsagentur Fitch Solutions in ihrer Analyse vom Januar 2026 bestätigt. Demnach wächst der Umsatz mit pharmazeutischen Erzeugnissen bis 2029 jährlich um durchschnittlich 5,4 Prozent.
Die Gründe liegen in der alternden Bevölkerung, und einer Zunahme von Zivilisationskrankheiten darunter Diabetes und Bluthochdruck. Darüber hinaus schreibt ein Gesetz vor, dass die öffentlichen Gesundheitsausgaben in Polen bis 2027 auf 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen müssen. Für 2026 liegt der Wert bei 6,8 Prozent. Das Aufholpotenzial zu Westeuropa bleibt aber bestehen. In Deutschland liegt der Wert bei rund 10,6 Prozent des BIP.
Positiv für Hersteller patentgeschützter Arzneimittel ist laut Fitch Solutions, dass Polen zunehmend innovative Produkte erstattet. Ein Schwerpunkt liegt auf Onkologie- und Neurologiemedikamenten sowie auf Arzneimitteln für seltene Krankheiten.
Ausgewählte Investitionsprojekte der pharmazeutischen Industrie in PolenInvestitionssumme in Millionen Euro| Akteur/Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
|---|
| Polfa Tarchomin | 149 | Fertigstellung bis Ende 2027 | Bau eines Zentrums für die Entwicklung und Herstellung von hochwirksamen Arzneimitteln, insbesondere zur Krebsbehandlung, in Warschau |
| Gedeon Richter | 48 | Fertigstellung bis Ende 2026 | Ausbau des Werks in Grodzisk Mazowiecki |
| PCF Procefar (Grupa Hasco) | 19 | Fertigstellung bis Ende 2026 | Bau eines Vertriebszentrums in Stryków |
| Anpharm (Servier) | k.A. | Fertigstellung bis Ende 2026 | Modernisierung und Ausbau der Kapazitäten im Werk in Warschau |
| Polpharma | k.A. | Fertigstellung bis 2028 | Implementierung von MES-Systemen (Manufacturing Execution System) in den Werken in Sieradz, Starogard Gdański, Nowa Dęba und Duchnice |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Von Christopher Fuß
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Warschau