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Branchen | Polen | Stromnetze

Netzbetreiber stellt neuen Investitionsplan bis 2034 vor

Die Modernisierung des polnischen Stromnetzes könnte fast doppelt so teuer werden wie geplant. Eine große Herausforderung ist die Versorgungssicherheit.

Von Christopher Fuß, Niklas Becker | Warschau, Helsinki

Polens staatlicher Übertragungsnetzbetreiber PSE (Polskie Sieci Elektroenergetyczne) stockt seine Investitionsziele auf. Für den Zeitraum von 2025 bis 2034 sind Ausgaben in Höhe von 14,9 Milliarden Euro nötig, heißt es im Entwurf eines neuen Strategiepapiers. Die Regulierungsbehörde URE (Urząd Regulacji Energetyki) muss das Dokument noch absegnen. Es löst den bislang gültigen Entwicklungsplan für die Jahre 2023 bis 2032 ab. Darin rechnete PSE noch mit Investitionen von 7,6 Milliarden Euro. Die um fast das Doppelte gestiegenen Ausgaben haben mehrere Gründe. 

Mehr erneuerbare Energien und mehr Stromkunden

Die Inflation und eine europaweit hohe Nachfrage nach Kabeln und Energietechnik treiben die Kosten in die Höhe. Gleichzeitig steigt der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix schneller als gedacht - und damit der Bedarf nach Investitionen ins Stromnetz. Große Kohlekraftwerke decken bislang fast zwei Drittel des Strombedarfs in Polen. Kommt die Energie hingegen aus vielen kleinen wetterabhängigen Kraftwerken, braucht es neue Leitungen und Energiespeicher.

Außerdem kalkuliert PSE mit einem Puffer für zusätzliche Offshore-Windkraftwerke. Laut Schätzungen des Übertragungsnetzbetreibers werden 2034 Offshore-Windparks mit einer Kapazität von 12 Gigawatt am Netz sein. Das Unternehmen will auf Nummer sicher gehen und Leitungskapazitäten für bis zu 18 Gigawatt schaffen. Teil dieser Strategie sind auch neue Hochspannungsgleichstromleitungen (High-voltage direct current; HVDC) von der Ostseeküste im Norden bis zu den Industriezentren im Süden des Landes. Anders als ursprünglich vorgesehen will PSE nicht nur eine, sondern mehrere dieser sogenannten Stromautobahnen verlegen. Eine Machbarkeitsstudie läuft bereits. Dank HVDC können große Strommengen verlustarm über lange Distanzen transportiert werden.

Der Übertragungsnetzbetreiber berücksichtigt laut einer Pressemitteilung auch die "fortschreitende Elektrifizierung von Heizung und Verkehr". Hintergrund: Wenn mehr Elektroautos auf den Straßen fahren und mehr Haushalte mit Wärmepumpen heizen, benötigt Polen mehr Strom. PSE geht davon aus, dass der jährliche Nettostromverbrauch des Landes ab 2034 bei über 240 Terrawattstunden liegen wird - fast 50 Prozent mehr als 2023.

Modernisierung des polnischen Stromnetzes

Polens Übertragungsnetzbetreiber PSE kündigt folgende Investitionen zwischen 2025 bis 2034 an:

  • 1.615 Kilometer neue Gleichstromleitung (HVDC)
  • 4.851 Kilometer neue Stromleitungen mit 400 Kilovolt
  • 263 Kilometer neue Stromleitungen mit 220 Kilovolt
  • 7.500 Transformatoren 400/220 Kilovolt
  • 30.540 Transformatoren 400/110 Kilovolt
  • 8.110 Transformatoren 220/110 Kilovolt

Weitere Angaben finden sich im Investitionsplan.

Ersatz für Kohlekraftwerke gesucht

Das Unternehmen warnt außerdem vor kommenden Herausforderungen. Ab 2025 endet die Kapazitätsmarktförderung für Kohlekraftwerke mit einem hohen Ausstoß an Kohlenstoffdioxid. Im Rahmen des Kapazitätsmarktes bekommen Kraftwerke einen Zuschuss für die bereitgestellte Leistung - und nicht für die gelieferte Strommenge. Ohne die Förderung rentieren sich einige Kohlekraftwerke nicht mehr. Sie gehen voraussichtlich vom Netz. Wetterunabhängige Energiequellen, wie Erdgas, Atomkraft oder auch Energiespeicher, entstehen aber nicht schnell genug, um die Lücke zu schließen.

Wenig überraschend steigt ab 2025 der LOLE-Index (Loss of Load Expectation). Er gibt an, wie viele Stunden im Jahr die Stromproduktion die Nachfrage nicht decken kann. Der Wert könnte laut PSE von heute 3 Stunden auf 142 Stunden im Jahr 2032 steigen. Fehlt Strom, muss Polen auf Importe ausweichen. Es gibt aber einen Lichtblick: Frühere PSE-Prognosen rechneten mit einem Defizit in Höhe von 2.060 Stunden ab dem Jahr 2032. Die laufenden Investitionen in Polens Stromversorgung zeigen also bereits Wirkung.

PSE schlägt vor, alte Kohlekraftwerke bis 2028 im Kapazitätsmarkt zu halten. Ferner wirbt der Netzbetreiber für neue Energiespeicher, Biogaskraftwerke, Erdgaskraftwerke und für Investitionen in Wasserstofftechnologien. Kernenergie könnte das Netz nach Ansicht von PSE ebenfalls stabilisieren.

Neuer Anlauf bei transnationalen Netzen

Sollte dennoch zu viel oder zu wenig Strom im Umlauf sein, helfen transnationale Leitungen, sogenannte Interkonnektoren. PSE investiert in die Energieinfrastruktur rund um den Ort Baczyna, nahe der deutsch-polnischen Grenze. Eine neue 400-Kilovolt-Leitung soll ab 2025 einen intensiveren Stromhandel zwischen Deutschland und Polen ermöglichen.

Darüber hinaus schaut PSE in Richtung Nordeuropa. Das Energieversorgungsnetz der drei baltischen Staaten ist aus historischen Gründen Teil des russischen und belarussischen Stromverbunds, bekannt als BRELL-System. Die Frequenz - einer der wichtigsten Parameter eines Stromsystems - wird von Russland kontrolliert. Um das zu ändern, will PSE gemeinsam mit dem litauischen Netzbetreiber Litgrid ein HVDC-Unterseekabel verlegen. Dank dieser Verbindung mit dem Projektnamen Harmony Link wäre das Baltikum stärker in das kontinentaleuropäische Stromnetz CESA (Continental European Synchronous Area) integriert. Ein Problem sind die hohen Kosten. Angebote für Bauarbeiten lagen bei einer Ausschreibung aus dem Jahr 2023 um 140 Prozent über dem Budget von PSE und Litgrid. Auch Fördergelder aus dem EU-Programm CEF (Connecting Europe Facility) in Höhe von 493 Millionen Euro konnten die Mehrkosten nicht auffangen.

Überlandkabel wäre günstiger und schneller umsetzbar

Die beiden staatlichen Übertragungsnetzbetreiber prüfen nun eine andere Möglichkeit, nämlich ein Überlandkabel. In einer gemeinsamen Pressemitteilung vom November 2023 heißt es: "Nach ersten Schätzungen könnte diese Option eine Reduzierung des Budgets und eine schnellere Umsetzung ermöglichen. Das Überlandkabel könnte teilweise entlang der geplanten Bahnstrecke Rail Baltica zwischen Polen und Litauen verlaufen." Noch im 1. Halbjahr 2024 wollen beide Partner eine Entscheidung fällen. Außerdem werben Polen und Litauen für höhere EU-Zuschüsse. PSE scheint nicht an einen schnellen Abschluss des Projekts zu glauben. Laut Strategiepapier nimmt Harmony Link erst 2033 den Betrieb auf.

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