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Polens Präsident blockiert EU-Gelder für eigene Rüstungsindustrie
Polen sollte der größte Profiteur des EU-Kreditprogramms für die Rüstungsindustrie SAFE werden. Doch nun gerät das Vorhaben ins Wanken. Das hat auch mit Deutschland zu tun.
13.03.2026
Von Christopher Fuß | Warschau
Der Staatspräsident Polens Karol Nawrocki hat sein Veto gegen ein polnisches Gesetz eingelegt, das es dem Land ermöglichen sollte, Mittel aus dem europäischen Kreditprogramm für die Verteidigungswirtschaft Security Action for Europe (SAFE) abzurufen. Für Polen steht damit die Auszahlung von 43,7 Milliarden Euro zumindest teilweise auf dem Spiel. Die Mittel waren vorgesehen, um die heimische Rüstungsindustrie zu modernisieren und den Erwerb neuer militärischer Ausrüstung zu finanzieren.
Das SAFE‑Gesetz hätte bei der staatlichen Förderbank BGK einen Fonds geschaffen, der die europäischen Kreditmittel verwalten sollte. Durch das Veto bleibt offen, wie die polnische Regierung die Gelder abrufen will und ob zentrale Rüstungsprojekte umgesetzt werden können.
Nawrocki, der aus dem Umfeld der nationalkonservativen Oppositionspartei PiS stammt, verfolgt eine andere Finanzierungsstrategie. Statt auf europäische Mittel zu setzen, möchte er Rüstungsprojekte mit nationalen Ressourcen finanzieren. Nawrocki hatte bereits Anfang März 2026 ein alternatives Modell angekündigt, gemeinsam mit dem Leiter der Nationalbank (NBP), Adam Glapiński – der sein Amt noch zu Regierungszeiten der PiS erhalten hatte.
Die NBP soll Teile ihrer Goldreserven veräußern, um damit ein Programm anstelle von SAFE zu finanzieren. Polens Zentralbank hatte ihre Goldbestände in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Der Wert des Edelmetalls ist seit 2025 deutlich gestiegen.
Rüstungsprogramme belasten den Haushalt
Die polnische Regierung hatte sich auf EU-Ebene maßgeblich für das SAFE-Programm eingesetzt. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch Russland investiert Polen in neue Waffensysteme. Kein NATO-Land gibt gemessen an seiner Wirtschaftskraft mehr für Verteidigung aus. Dies zieht parallel eine im Rekordtempo wachsende Verschuldung nach sich.
SAFE sollte hier Entlastung bringen, da anstelle Polens die EU die Kredite aufnimmt und sie anschließend an Polen weitergibt. Da die EU am Kapitalmarkt günstigere Konditionen erhält, wären die SAFE‑Darlehen für Polen billiger.
Die Kredite haben eine Laufzeit von 45 Jahren. Die ersten zehn Jahre sind für Polen tilgungsfrei, der Zinssatz liegt laut polnischem Finanzministerium im ersten Jahr bei 3,2 Prozent. Polen hingegen müsste für vergleichbare Kredite laut der staatlichen Wirtschaftsagentur PFR rund 4,4 Prozent Zinsen zahlen. Mit SAFE ließen sich laut PFR bis zu 14 Milliarden Euro einsparen.
Staatspräsident Nawrocki meint, der alternative Weg über die Zentralbank sei jedoch vollständig zinsfrei. Außerdem müsse man sich nicht an Vorgaben der Europäischen Kommission halten.
Modalitäten des SAFE-Programms
Beschaffungsvorhaben im Rahmen von SAFE müssen mindestens zwei Teilnehmer umfassen, darunter:
- mindestens einen EU-Mitgliedstaat, der SAFE-Mittel beantragt
- einen weiteren EU-Mitgliedstaat
- oder Beteiligungen wahlweise der Ukraine, Islands, Liechtensteins und Norwegens.
Ausnahme: Bis zum 30. Mai 2026 kann ein einzelner EU‑Mitgliedstaat SAFE‑Mittel erhalten, wenn er spätestens bis zu diesem Datum einen Beschaffungsauftrag unterzeichnet.
Außerdem können bis zu diesem Stichtag bereits laufende Projekt refinanziert werden, sofern sie die SAFE-Kriterien erfüllen.
Bis zu 35 Prozent der Komponenten eines beschafften Endprodukts dürfen außerhalb der EU und übrigen SAFE-Teilnehmerstaaten eingekauft werden.
Laut der Regierungsbeauftragten für das SAFE-Programm Magdalena Sobkowiak-Czarnecka habe man einen Plan B. Das Veto verhindere nicht den SAFE-Kredit selbst, sondern nur den Mechanismus für die Auszahlung. Gegenüber der Tageszeitung Rzeczpospolita erklärte sie: "Wir werden SAFE nutzen, aber mit Abstrichen." Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz fügte hinzu, man könne einen seit 2022 bestehenden staatlichen Armee-Investitionsfonds nutzen, um die SAFE Gelder abzurufen, was aber absehbar teurer werde.
Der Staatspräsident hat jedoch rechtliche Schritte angedeutet, falls die Regierung trotz des Vetos auf SAFE zugreift. Die polnische Regierung wird indes den NBP-Ansatz voraussichtlich nicht weiter verfolgen.
Geplant war ein Modernisierungsschub
Polen wollte 139 Projekte aus SAFE finanzieren. Das Land veröffentlicht keine vollständige Liste mit allen Vorhaben. Es gibt aber einige Auszüge.
So will die Regierung von heimischen Produzenten das Infanterie-Kampffahrzeug Borsuk, die Panzerhaubitze Krab und den Transporter Rosomak kaufen. Darüber hinaus stehen Drohnen vom Typ Gladius oder FlyEye auf der Einkaufsliste, sowie das Drohnenabwehrsystem SAN, welches polnische Firmen gemeinsam mit Norwegen entwickeln.
Die Unternehmen aus Polen müssten ihre Produktionskapazitäten voraussichtlich ausbauen, um die Aufträge realisieren zu können.
Auch der europäische Airbus-Konzern hofft auf neue Aufträge. Das Unternehmen bietet Polen Transportflugzeuge vom Typ A400M, Luftbetankungsflugzeuge vom Typ A330 MRTT sowie verschiedene Helikopter an. Wie es mit den Projekten nach dem Veto weitergeht, bleibt offen.
Gleiches gilt für Infrastrukturinvestitionen. Polen wollte mit SAFE-Krediten die Bahnstrecke von der Hafenstadt Szczecin bis zur Staatsgrenze mit Deutschland ausbauen. So könnten Rüstungsgüter schneller transportiert werden.
| Projekt (Akteur) | Investitionssumme | Anmerkungen (Standort) |
| PIT-RADWAR S.A. (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 410 (Staatszuschuss) | Neuer Betrieb, unter anderem für Radaraufklärungssysteme, Führungs- und Feuerleitsysteme, Freund-Feind-Erkennungssysteme (Kobyłka) |
| Zakłady Metalowe DEZAMET S.A. (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 324 (Staatszuschuss) | Neue Fabrik für Munition 155 mm (Raum Bydgoszcz) |
| MESKO S.A. (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 211 (Staatszuschuss) | Ausbau und Modernisierung der Fabrik für Munitionskörper 155 mm (Kraśnik) |
| Zakłady Mechaniczne Bumar-Łabędy S.A. (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 202 (Staatszuschuss) | Neue Produktionshalle für gepanzerte Fahrzeuge, vornehmlich AHS Krab und K2-Panzer (Gliwice) |
| Jelcz Sp. z o.o. (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 180 (Staatszuschuss) | Neue Fabrik für Militärfahrzeuge (Jelcz-Laskowice) |
| Zakłady Mechaniczne Tarnów (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 74 (Staatszuschuss) | Ausbau und Modernisierung des Betriebs, unter anderem für ferngesteuerte Waffenmodule und Systeme zur Bekämpfung unbemannter Luftfahrzeuge (Tarnów) |
| PCO S.A. (Polska Grupa Zbrojeniowa S.A.) | 26 (nur Fabrikbau) | Neue Fabrik für optoelektronische Systeme (Warschau) |
| PONAR Wadowice S.A. | 24 | Neue Produktionshalle, vornehmlich für hydropneumatische Aufhängungen für Kettenfahrzeuge (Wadowice) |
| Polska Grupa Zbrojeniowa S.A., MESKO S.A., Eurenco (Joint Venture) | k.A. | Neue Fabrik für modulare Ladungen für 155-mm-Munition (Pionki) |
Vorbehalte gegen Deutschland
Unter den öffentlich bekannten SAFE-Vorhaben befinden sich keine großen polnisch-deutschen Projekte. Das hat politische Gründe. Oppositionsparteien wie die PiS beschuldigen die Regierung in markigen Worten, sie lasse sich von Deutschland kontrollieren. Um diesem Vorwurf auszuweichen, distanziert sich Polens Regierung demonstrativ von Deutschland. So erklärte Premierminister Donald Tusk mit Blick auf SAFE: "Nur 0,37 Prozent dieser Kredite fließen an die deutsche Industrie."
Trotz der schwierigen Umstände gibt es einige deutsche Unternehmen, die in Polen um Aufträge werben. Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat Absichtserklärungen mit dem polnischen PGZ-Konzern über den Bau von Unterstützungsfahrzeugen unterzeichnet. Parallel dazu will das Unternehmen aus Düsseldorf Forschungsarbeiten mit dem Munitionshersteller Niewiadów durchführen. Außerdem sicherte sich Rheinmetall Produktions- und Vertriebsrechte an Satelliten des finnisch-polnischen Startups ICEYE.
Der Münchener Technologiekonzern Rohde & Schwarz liefert Radiostationen für die polnische Marine. Sie werden auf den Fregatten zum Einsatz kommen, die Polen im Rahmen des Programms Miecznik baut.
Der Getriebe- und Fahrzeugteilebauer Renk aus Augsburg wiederum will in Polen ein Wartungs- und Produktionszentrum aufbauen. Die Produkte von Renk kommen in Panzern und anderen Militärfahrzeugen zum Einsatz. Grund für die Investition ist die Nähe Polens zum Baltikum und zur Ukraine.