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Portugals Verteidigungssektor sucht größere Rolle in Europa
Portugal erhöht die Verteidigungsausgaben, um NATO-Vorgaben zu erfüllen. Lokale Branchenunternehmen sind international wichtige Partner und Technologielieferanten.
21.05.2026
Von Friedrich Henle | Madrid
Portugal treibt seine militärische Modernisierung voran. Im Rahmen des EU‑Programms SAFE hat die Regierung Kredite über 5,8 Milliarden Euro beantragt, über die noch vor Sommer 2026 entschieden werden soll. Im Fokus stehen große Beschaffungs- und Aufbauprojekte: Neben drei neuen Fregatten plant Lissabon Investitionen in Produktionskapazitäten für gepanzerte Fahrzeuge, kleinkalibrige Munition und Satellitentechnik sowie die Modernisierung der Werft Arsenal do Alfeite.
Darüber hinaus steht voraussichtlich im Jahr 2027 eine Entscheidung darüber an, welche neue Generation von Kampfjets die portugiesische Luftwaffe anschafft. Bisher nutzt sie vor allem das Modell F-16 des US-Herstellers Lockheed Martin. Nun bringt sich auch der schwedische Rüstungskonzern Saab mit seinem Modell Gripen in Stellung und verspricht, Teile davon in Portugal zu produzieren. Dabei könnte OGMA lokale Montagearbeiten an Struktur‑ und Systemkomponenten übernehmen.
Verteidigungsbudget im Aufwind
Portugal hat im Jahr 2025 zum ersten Mal das kurzfristige Zwei-Prozent-Ausgabenziel der NATO erreicht. Mit zusätzlichen Mitteln soll dieses Niveau der Verteidigungsausgaben auch 2026 gehalten werden. Nach NATO-Definition entspräche dies etwa 6 Milliarden Euro.
Beschaffungsaufträge des portugiesischen Militärs, die veröffentlicht werden, finden sich auf der nationalen Ausschreibungsplattform BASE.
Lokale Verteidigungsindustrie ist stark fragmentiert
Die portugiesische Sicherheits- und Verteidigungsbranche umfasst nach Angaben der Wirtschaftsförderung AICEP rund 500 Unternehmen. Große Rüstungskonzerne wie in Spanien, Frankreich oder Deutschland gibt es nicht. Dennoch erzielten die Branchenunternehmen 2025 laut der staatlichen Agentur Indústria de Defesa de Portugal (idD) im militärischen Bereich einen Umsatz von insgesamt 4,4 Milliarden Euro. Rund drei Viertel davon entfielen auf den Export.
Lokale Branchenunternehmen bieten in erster Linie Hightech- und Nischenprodukte in kleiner Serie an. Sie liefern unter anderem elektronische Komponenten und Software, Drohnen, militärische Textilien sowie Wartungsdienstleistungen. Sie fungieren als innovativer Zulieferer großer Unternehmen in Europa. Schwerpunkte sind IKT-Lösungen, unbemannte Systeme und Überwachungsdienstleistungen.
Zu den größeren Akteuren zählt OGMA. An dem Unternehmen hält der portugiesische Staat 35 Prozent, der brasilianische Flugzeughersteller Embraer 65 Prozent Beteiligung. OGMA erbringt Wartungs-, Reparatur- und Überholungsdienstleistungen und fertigt Flugzeugteile. Die portugiesische Luftwaffe bezieht derzeit von Embraer kleinere Militärflugzeuge des Typs A-29N Super Tucano. Mittelfristig ist eine lokale Produktion des Modells in Portugal vorgesehen. Embraer produziert an seinem Standort in Évora bereits Flugzeugteile aus Metall und Verbundwerkstoffen.
Ein weiterer zentraler Akteur in Portugals Verteidigungsindustrie ist EID. Das Unternehmern entwickelt und produziert sichere Kommunikations- und Führungssysteme für Marine und Landstreitkräfte verschiedener Länder. Critical Software liefert der Verteidigungsbranche Simulations- und Trainingssysteme, Überwachungsplattformen und Testsicherheitsleistungen.
| Unternehmen | Geschäftsfelder | Staatlicher Kapitalanteil |
|---|---|---|
| Arsenal do Alfeite | Schiffs- und U-Bootbau | 100 |
| ETI - Empordef Tecnologias de Informação | Militärische Trainings- und Simulationslösungen | 100 |
| Extra - Explosivos da Trataria | Explosivstoffe, Zünd‑ und Sprengmittel, pyrotechnische Produkte | 59,8 |
| NavalRocha - Sociedade de Construção e Reparações Navais | Schiffsreparaturen | 45 |
| OGMA - Indústria Aeronáutica de Portugal | Wartung militärischer Flugzeuge, Flugzeugkomponenten | 35 |
| EID - Empresa de Investigação e Desenvolvimento de Eletrónica | Militärische Kommunikation (C4I/C4ISR), Marinesysteme | 18 |
| Thales Edisoft Portugal | C4ISR, maritime Gefechtsführung, Raumfahrtsoftware | 17,5 |
Portugal kooperiert europaweit und nutzt EU-Finanzierung
Portugiesische Branchenunternehmen kooperieren mit Partnerfirmen in Europa und nutzen dafür weitere europäische Finanzierungsquellen. In der letztjährigen Ausschreibung des European Defence Fund sind portugiesische Unternehmen an 16 der insgesamt 57 ausgewählten Vorhaben beteiligt.
Ein Beispiel dafür ist das portugiesische Start-up Beyond Composites, das in das FAMOUS-Konsortium aufgenommen wurde. FAMOUS zielt darauf ab, die Zusammenarbeit und Standardisierung bei der Entwicklung und dem Bau von Militärfahrzeugen zu erhöhen. Auf deutscher Seite sind die Unternehmen Diehl Defence, Rheinmetall Electronics und Renk mit an Bord.
Erster Verteidigungs-Accelerator stärkt Portugals Start-ups
Portugal ist ein interessanter Standort für Start-ups, vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie. Seit wenigen Monaten verfügt das Land über einen ersten Accelerator speziell für den Verteidigungsbereich. Der Defense Accelerator wird von der gemeinnützigen Organisation Startup Leiria organisiert. In einer ersten Runde hat der Accelerator 30 Start-ups ausgewählt. Mit einem zweimonatigen Programm bereitet er diese Unternehmen darauf vor, Dual-Use-Technologien zu entwickeln und sich damit in die Lieferketten der NATO-Staaten zu integrieren.
Zu den international bekannten Start-ups zählt Tekever, Portugals neuestes Einhorn. Das Unternehmen entwickelt und produziert Drohnen und die dazu passenden, durch künstliche Intelligenz unterstützten Softwareprogramme. Zu den Kunden gehören unter anderem die europäische Grenzschutzbehörde Frontex sowie europäische Streitkräfte. Anfang Dezember 2025 schloss Tekever mit der Europäischen Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) einen Rahmenvertrag im Wert von 30 Millionen Euro, um Drohnen für maritime Einsätze bereitzustellen.
Verbindungen mit Deutschland im Verteidigungsbereich sind ausbaubar
Deutsche Unternehmen der Verteidigungsindustrie sind in Portugal bisher nicht mit eigenen Fertigungskapazitäten präsent. Weiteres Engagement ist aktuell nicht erkennbar, außer in Form von möglichen Lieferbeziehungen. So wurde im Januar 2026 bekannt, dass das portugiesische Heer Radschützenpanzer vom Typ 8x8 Boxer von Artec kaufen will, dem Konsortium aus Rheinmetall und KNDS.
In die andere Richtung könnten deutsche Unternehmen Portugal verstärkt als Sourcing-Standort auch in der Verteidigungsindustrie in den Blick nehmen. Nicht nur Drohnentechnologien und Softwarelösungen sind relevant. Insbesondere in den Bereichen Metallerzeugnisse, Kunststoffwaren und industrielle Textilien haben portugiesische Hersteller in den letzten Jahren neue Kunden im Ausland gewinnen können.