Interview | Schweden | Verteidigungswirtschaft
"Schweden setzt auf Spezialisierung – nicht auf Masse"
Markus Brüggemeier, Verteidigungsattaché in Stockholm, spricht im GTAI‑Interview über Besonderheiten und Chancen der schwedischen Verteidigungsindustrie für deutsche Unternehmen.
06.05.2026
Von Judith Illerhaus | Stockholm
Markus Brüggemeier, Verteidigungsattaché an der Deutschen Botschaft in Stockholm, beobachtet und begleitet seit mehreren Jahren die sicherheits‑ und verteidigungspolitische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Schweden. In seiner Funktion ist er eng in den Austausch mit schwedischen Streitkräften, Beschaffungsbehörden, Industrievertretern und politischen Entscheidungsträgern eingebunden. Vor dem Hintergrund des starken Ausbaus der Verteidigungsausgaben in Europa und der wachsenden Bedeutung grenzüberschreitender Rüstungskooperationen bietet Schweden für deutsche Unternehmen interessante Anknüpfungspunkte.
Herr Brüggemeier, Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der schwedischen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Wo würden Sie Schweden im europäischen Vergleich verorten?
Schweden war über Jahrzehnte bündnisfrei und musste wesentlich stärker als viele Verbündete auf eigene Verteidigungsfähigkeit setzen. Das hat früh zu einem vergleichsweise starken Militär und einer leistungsfähigen wehrtechnischen Industrie geführt. In den Hochphasen des Kalten Krieges war das Land – gemessen an der Bevölkerungszahl – sehr stark militarisiert. Diese Tradition erklärt, warum Schweden bis heute in der Lage ist, komplexe Systeme zu entwickeln und zu bauen. Wichtig ist aber: Schweden ist kein Massenhersteller. Das Land ist eher ein hochspezialisierter Technologieanbieter.
"Schweden ist bis heute in der Lage, komplexe Systeme zu entwickeln und zu bauen."
Welche Rolle spielen die großen Plattformen, also komplette Waffensysteme und Hauptsysteme, und wie hat sich das Verhältnis zu Deutschland entwickelt?
Bei den großen Plattformen waren Deutschland und Schweden lange eher Konkurrenten – etwa bei U‑Booten oder beim Kampfflugzeug. Das hat Kooperationen gehemmt. In den vergangenen Jahren hat sich das Bild jedoch verschoben: Beide Seiten haben akzeptiert, dass man bei solchen Schlüsselplattformen nicht zwangsläufig zusammenkommt, wohl aber bei spezialisierten Teilkomponenten und -technologien. Dazu zählen zum Beispiel Sensorik und Sensorfusion oder Unterwasser- und Akustiksysteme. Gerade in diesen Nischen ergeben sich realistische Ansatzpunkte für eine Zusammenarbeit.
Parallel hat sich Schweden internationalisiert. Vor rund zehn Jahren war vieles stark auf den eigenen Bedarf fokussiert, Exporte und Partnerschaften waren begrenzt. Heute agieren schwedische Unternehmen deutlich globaler – auch in Deutschland. Das war aus schwedischer Sicht nötig, um im Wettbewerb mit großen internationalen Playern nicht an den Rand gedrängt zu werden.
Was macht das schwedische Innovationsmodell in der Verteidigungsindustrie aus – und welche Rolle spielt Dual Use?
Der Innovationsgrad ist auffällig hoch. Entscheidend ist weniger ein einzelnes Programm, sondern ein Prozess: Aus Ideen werden oft in kurzer Zeit konkrete Produkte. Dazu kommt, dass Anforderungen früher geteilt werden als in klassischen, stark "top‑down" geprägten Beschaffungslogiken. Wenn solche Anforderungen frühzeitig mit Industrie und teils auch mit der Wissenschaft diskutiert werden, können Lösungen schneller entstehen. Dazu gehört auch, dass Finanzmittel für Erprobung und Iteration verfügbar sind und dass man eine deutlich ausgeprägtere Fehler‑ und Experimentierkultur akzeptiert als in Deutschland. Dual Use ist in Schweden weniger ein Schlagwort als eine Arbeitsweise: Technologien aus Cyber, Sensorik, Drohnen‑ oder Raumfahrtanwendungen werden so gedacht, dass sie zivil wie militärisch nutzbar sind.
Wie eng sind Staat, Streitkräfte, Wissenschaft und Industrie in Schweden verflochten?
Die Zusammenarbeit zwischen Staat, Industrie und Wissenschaft ist in Schweden ausgesprochen eng und wird deutlich pragmatischer interpretiert als etwa in Deutschland. In diesem Zusammenhang wird häufig auf die "Triple-Helix" verwiesen, also auf das systematische Zusammenspiel staatlicher Akteure, industrieller Anbieter und wissenschaftlicher Einrichtungen. Die Streitkräfte und die Beschaffungsbehörde sind dabei integraler Bestandteil der staatlichen Seite und früh Teil der Prozesse.
Dahinter steht ein breiteres Selbstverständnis: Sicherheit und Verteidigung gelten als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht ausschließlich als staatliches Thema. Anforderungen werden entsprechend nicht isoliert formuliert, sondern in einem kontinuierlichen Austausch weiterentwickelt – was Innovationsprozesse beschleunigt und Übergänge zwischen Entwicklung, Beschaffung und Nutzung erleichtert.
"Sicherheit und Verteidigung gelten als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht ausschließlich als staatliches Thema."
Wie funktioniert der Marktzugang und was sollten deutsche Unternehmen beachten?
Zentraler Ansprechpartner auf der Beschaffungsseite ist die schwedische Beschaffungsbehörde FMV, die Material und Dienstleistungen beschafft und Projekte steuert. Für Unternehmen ist der Einstieg dennoch nicht trivial, weil der Markt stark von großen Playern geprägt ist. Wer mit einem Produkt kommt, das unmittelbar in Konkurrenz zu einem schwedischen Kernanbieter tritt, wird es schwer haben. Erfolgversprechender ist, komplementär zu denken. Zudem sind, anders als in manchen Märkten, keine generellen, gesetzlich verankerten Offset‑Pflichten der Normalfall; entscheidend ist weniger ein Gegengeschäft als der nachvollziehbare Mehrwert und die Anschlussfähigkeit an bestehende Strukturen.
In welchen Segmenten sehen Sie aktuell die besten Ansatzpunkte für deutsche Firmen?
Aus meiner Sicht gibt es mehrere Felder: maritime Fähigkeiten und Unterwassertechnologie, Radartechnik über Wasser, Kommunikations‑ und Navigationslösungen sowie Flugabwehr. Außerdem sehen wir gemeinsame Entwicklungsansätze bei weitreichenden Effektoren – das, was man heute oft als "Deep‑Strike‑Fähigkeiten" bezeichnet. Grundsätzlich ist "Zug im Kamin": In beiden Ländern sind technische Kompetenzen vorhanden, der politische Wille ist hoch und die Budgets wachsen. Das schafft ein Umfeld, in dem Kooperationen realistisch und für beide Seiten attraktiv sein können.