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Portugal und seine Start-up-Szene ziehen Talente an
Das portugiesische Start-up-Ökosystem wächst. Für deutsche Firmen kann es sich lohnen, mit Fachkräften und Unternehmen vor Ort zu kooperieren.
19.01.2026
Von Friedrich Henle | Madrid
Jedes Jahr im November richtet Lissabon den "Web Summit" aus. Das Start-up-Event hat sich zu einem internationalen Magneten entwickelt. Allein 2025 reisten über 70.000 Besucher aus aller Welt an. Die größten Besuchergruppen stammten - neben Gastgeber Portugal - aus Spanien, Brasilien, den USA und Deutschland. Auch öffentlich geförderte Programme aus Deutschland, wie die de:hub-Initiative oder das Markterschließungsprogramm für KMU, organisierten 2025 Delegationsreisen mit einer Reihe von deutschen Start-ups zum Web Summit.
Ein kleines Land bringt große Unternehmen hervor
Mitte November 2025 waren im Land insgesamt 5.091 Start-ups aktiv, 372 mehr als noch ein Jahr zuvor. Damit zeigt sich Portugals Start-up-Ökosystem gleichzeitig lebendig und sehr erfolgreich. Drei Viertel der portugiesischen Start-ups sind dem Bereich Digitalwirtschaft zuzuordnen.
Im Jahr 2024 konnten portugiesische Jungunternehmen laut Startup Portugal 375 Millionen Euro an Finanzierungsmitteln einwerben. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Rückgang um 9,2 Prozent. Im laufenden Jahr 2025 sehen die Zahlen allerdings wieder besser aus. Bis Mitte November lag der Wert des eingesammelten Kapitals bereits bei 470 Millionen Euro. Darunter fallen Unternehmen, die entweder ihren Hauptsitz in Portugal haben oder zumindest hierzulande gegründet wurden.
Portugals neuestes Unicorn ist Tekever. Das Unternehmen aus dem Bereich KI-unterstützte Verteidigungstechnologie entwickelt und produziert autonome Drohnensysteme. Kunden sind unter anderem die europäische Grenzschutzbehörde Frontex sowie europäische Streitkräfte. Anfang Dezember 2025 schloss das Unternehmen einen Rahmenvertrag im Wert von 30 Millionen Euro mit der Europäischen Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA), um Drohnen für maritime Einsätze bereitzustellen. Im Mai 2025 hatten Investoren Tekever weitere 70 Millionen Euro an Finanzierung bereitgestellt, darunter auch der NATO Innovation Fund. Mit dieser letzten Finanzierungsrunde war die Bewertung des Unternehmens auf über 1 Milliarde Euro gestiegen.
| Name | Branche/Aktivität | Bewertung in Mrd. Euro |
|---|---|---|
| Talkdesk | Cloudbasierte Contact-Center-Software für Unternehmen | 10 |
| OutSystems | KI-gestützte Low-Code Anwendungsentwicklungsplattform für Unternehmen | 9,5 |
| Feedzai | Fintech: KI-Lösungen zur Betrugsprävention bei Finanzinstituten und -transaktionen | über 1 |
| Remote | Software: Beschäftigungsplattform für die Erleichterung der Personalverwaltung in Unternehmen | über 1 |
| Sword Health | Healthtech: Virtuelles Physiotherapie-Programm zur Behandlung von muskuloskelettalen Erkrankungen (MSK) | über 1 |
| Tekever | KI-gesteuerte autonome Systeme und Drohnen | 1,2 |
| Defined.ai | Datenplattform für das Training von KI-Modellen | k.A. |
| Uniplaces | Online-Plattform: Wohnungsvermittlung für Studenten und digital Arbeitende europaweit | k.A. |
Start-ups profitieren von breitem Unterstützungsnetzwerk
Die Analyseplattform StartupBlink veröffentlicht jährlich ein Ranking zur Qualität der Start-up-Ökosysteme weltweit. Portugal erreicht in der neuesten Ausgabe 2025 den 29. Platz von 100 untersuchten Ländern. Vor allem die beiden größten Städte Lissabon und Porto ziehen Gründungen an. Auf sie entfallen etwa 60 Prozent der Unternehmenssitze von Start-ups in Portugal. Im Städteranking von StartupBlink belegen Lissabon den 87. Platz und Porto den 171. Platz weltweit (unter 1.000 analysierten Städten). Damit haben die beiden größten Städte Portugals leicht gegenüber den Vorjahresuntersuchungen verloren. Die kleineren Städte Braga, Coimbra, Leiria und Aveiro haben hingegen an Attraktivität gewonnen.
Was sind die Pluspunkte von Portugals Start-up-Landschaft?
Talentpool: hohe Dichte an Ingenieurabsolventen und ausgeprägte Englischkenntnisse
Öffentliche Unterstützung: Förderinitiativen wie beispielsweise "Startup Portugal" und spezielle Arbeitsvisa
Infrastruktur: moderne und zahlreiche Coworking-Spaces, exzellente digitale Konnektivität, Flughafen Lissabon mit internationalen Verbindungen
Lebensqualität: Klima, Kultur, Sicherheit und moderate Lebenshaltungskosten ziehen Talente an
"Web Summit-Effekt": international bekanntes Event hat Portugals Sichtbarkeit als Start-up- und Technologiestandort erhöht
| Name | Fokus | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Fabrica de Startups | Spezialisiert in der Gründung und Skalierung innovativer Unternehmen, die von der Ideenfindung bis zum Markteintritt reicht | Private Einrichtung |
| Startup Braga | Aufstrebender Hub für Gründung von Start-ups in den Bereichen Nanotechnologie, Gesundheitswirtschaft, Digitalwirtschaft, Biotechnologie und Nachhaltigkeit | Öffentliche Einrichtung (Innovation Hub der Wirtschaftsfördergesellschaft InvestBraga) |
| Instituto Pedro Nunes | Unterstützt technologieorientierte Start-ups, vor allem Spin-offs aus der Universität Coimbra und ihrem Umfeld | Private, gemeinnützliche Einrichtung, gegründet auf Initiative des Pedro Nunes Institute (IPN) und der Universität Coimbra |
| UPTEC | Unterstützt die Gründung, Entwicklung und Internationalisierung von Unternehmen; verfügt auch über ein eigenes Accelerator-Programm | Öffentliche, gemeinnützliche Einrichtung (Wissenschafts- und Technologiepark der Universität Porto) |
| Lispolis | Unterstützt Start-ups, Spin-offs und Scale-ups durch Mentoring, Networking und Dienstleistungen | Private, gemeinnützliche Einrichtung (betreibt den Technologiepark von Lissabon) |
| Name | Fokus | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Unicorn Factory Lisboa | Unterstützt Start-ups in ihren Anfangs- und Wachstumsphasen mit Mentoring, Schulungen und Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten | Öffentlich-private Partnerschaft zwischen Stadt Lissabon, IAMPEI und privaten Organisationen |
| Beta-i | Vernetzt seit 2009 Start-ups mit Investoren und staatlichen Institutionen durch sein Accelerator-Programm | Private Einrichtung |
| Building Global Innovation (BGI) | Unterstützt Start-ups bei der Entwicklung, Finanzierung und Internationalisierung; Fokus auf nachhaltigen Innovationen | Öffentlich-private Initiative zwischen wissenschaftlichen und technischen Universitäten |
| Maze Impact | Bietet den teilnehmenden Start-ups zeitlich begrenzte Sprint-Methodik an; betreibt zwei Investitionsprogramme (VC Fonds) für Frühphasen-Start-ups mit wissenschaftlichem Hintergrund | Private Organisation, gegründet durch IE Business School und Social Finance UK |
Wie können deutsche Unternehmen den Standort für sich nutzen?
In den vergangenen Jahren entschieden sich immer mehr Technologieunternehmen für eine Präsenz in Portugal. Darunter fielen beispielsweise Forschungs- und Entwicklungszentren von Automobilzulieferern. Eine wesentliche Bedingung dafür ist die Verfügbarkeit von Fachkräften. Der Anteil der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) liegt aktuell unter allen Studierenden in Portugal bei 28 Prozent und damit über dem EU-Durchschnitt. Da solche Profile sowohl in Portugal als auch im Ausland begehrt sind, besteht allerdings eine starke Konkurrenz um die besten Köpfe. Das durchschnittliche Lohnniveau in Portugal fällt im europäischen Vergleich niedriger aus.
Deutsche Unternehmen können den Standort Portugal beispielsweise nutzen, indem sie bestimmte Entwicklungsleistungen dorthin auslagern, entweder über eigene Niederlassungen oder über eine Partnerschaft mit portugiesischen Start-ups oder etablierten Unternehmen. Die hohe Lebensqualität mit angenehmem Klima, attraktiven Freizeitmöglichkeiten und moderaten Lebenshaltungskosten zieht auch viele digitale Nomaden an - Fachkräfte insbesondere aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologie, Marketing, Design oder Beratung, die gerne ortsunabhängig arbeiten. Deutsche Unternehmen können solche Fachkräfte auch mit dem Angebot an sich binden, von Portugal aus mobil für das Unternehmen zu arbeiten.
Ein weiterer Aspekt spricht für eine Zusammenarbeit mit portugiesischen Jungunternehmen: Der überschaubare Binnenmarkt lässt Start-ups schon in einem frühen Stadium in Richtung Ausland blicken. Die Internationalisierung und Skalierbarkeit werden entsprechend bei vielen Geschäftsmodellen gleich mitgedacht. Deutsche Unternehmen können in solch einer Kooperation also auch einen Zugang zu weiteren Auslandsmärkten gewinnen, insbesondere zu lusophonen Ländern in Afrika und Lateinamerika.
Termine der wichtigsten Start-up-Events in Portugal
- Web Summit (Lissabon, 9. bis 12. November 2026)
- SIM Startup & Investment Matching (Porto, 14. bis 15. Mai 2026)
- Startup Capital Summit (Coimbra, 3. Juni 2026)