Wirtschaftsausblick | Saudi-Arabien

Irankrieg ordnet Saudi-Arabiens Investitionsagenda neu

Saudi-Arabiens Wirtschaft durchläuft eine strategische Neuausrichtung. Das Wachstum hängt 2026 stark vom regionalen Konfliktverlauf ab.

Von Lucie Käppner | Riad

Top Thema: Vision 2030 schärft den Fokus

Saudi-Arabiens Wirtschaftsentwicklung steht 2026 im Zeichen einer stärker fokussierten Umsetzung der Saudi-Vision 2030. Besonders deutlich wird dies beim saudischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF), einem zentralen Finanzierungsinstrument des Transformationsprogramms. Mit seiner im April 2026 veröffentlichten Strategie für die Jahre 2026 bis 2030 rückt der PIF nachhaltige Wertschöpfung, höhere Investitionseffizienz und langfristige Renditen stärker in den Vordergrund. Die Vision 2030 bleibt damit der zentrale Rahmen. Gleichzeitig richtet sich die Umsetzung stärker auf wirtschaftliche Tragfähigkeit und nationale Wertschöpfungsketten.

Wirtschaftlicher Nutzen, Finanzierbarkeit und realistische Umsetzungszeiträume gewinnen bei Großprojekten an Bedeutung. Das zeigt sich beim Megaprojekt NEOM. Teile des visionären Siedlungsprojekts sind gestoppt, die Presse berichtet über Aufhebungsverträge in Milliardenhöhe. Dennoch werden Teile des Projekts weiterverfolgt. Zusätzlichen Druck erzeugen internationale Großereignisse: Die Expo 2030 in Riad und die Fußballweltmeisterschaft 2034 geben der Investitionsagenda einen klaren Zeithorizont. Sie stützen vor allem Infrastruktur-, Bau- und Tourismusprojekte und stärken Standortmarketing, Besucherzahlen und private Investitionen.

Zunehmend rücken Sektoren mit strategischem Mehrwert in den Vordergrund. Dazu zählen Logistik und Transport, Hafeninfrastruktur am Roten Meer, Lebensmittelsicherheit, lokale Produktion sowie die Verteidigungsindustrie. Hinzu kommen erneuerbare Energien und nachhaltige Wasserinfrastruktur. Diese Felder verbinden Resilienz, industrielle Wertschöpfung und sicherheitspolitische Ziele. Vorrang erhalten damit Vorhaben, die wirtschaftliche Wirkung, internationale Sichtbarkeit, private Beteiligung und langfristige Diversifizierung miteinander verbinden. Beispielsweise ist der neue Hafen von Neom (Port of Neom) in Betrieb. Auch Industrieprojekte, beispielsweise zur Produktion von grünem Wasserstoff, werden mit internationalen Partnern weiterverfolgt.

Wirtschaftsentwicklung bleibt abhängig von regionaler Stabilität

Die Konjunkturaussichten für Saudi-Arabien bleiben im laufenden Jahr 2026 eng mit der regionalen Sicherheitslage verbunden. Die Weltbank erwartet ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,1 Prozent, weist jedoch auf Abwärtsrisiken bei einer weiteren Eskalation des Irankriegs hin. Deutlich schwächer fällt die Prognose der Economist Intelligence Unit (EIU) aus: Für 2026 erwartet das Analyseinstitut einen Rückgang des realen BIP um 2 Prozent.

Die Unsicherheit belastet auch das Investitionsklima. Der Einkaufsmanagerindex, ein Frühindikator für die Unternehmensstimmung, fiel im März 2026 von 56,1 auf 48,8 Punkte und damit unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Im April und Mai erholte sich der Index jedoch wieder auf 51,5 beziehungsweise 52,8 Punkte. Dieser Trend spricht weniger für einen breiten Einbruch der Privatwirtschaft als für eine vorübergehende Belastung durch Unsicherheit, beeinträchtigte Lieferketten und zurückhaltende Geschäftsentscheidungen. Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Investitionschancen bleiben bestehen, Entscheidungen können sich aber verzögern und selektiver getroffen werden.

Ein stabilisierender Faktor bleibt die Binnennachfrage. Die Weltbank erwartet beim privaten Verbrauch ein Plus von 3,2 Prozent nach 1,7 Prozent im Vorjahr. Niedrige Arbeitslosigkeit, staatliche Ausgaben und die junge Bevölkerung stützen die Nachfrage. Steigende Lebenshaltungskosten in den großen Städten belasten jedoch die Haushalte. Die Inflation wird voraussichtlich von 2 Prozent im Jahr 2025 auf 2,8 Prozent im Jahr 2026 steigen; der Preisdruck konzentriert sich auf Wohnkosten. Damit trägt der Konsum im Jahresverlauf zur Konjunktur bei, jedoch weniger stark als öffentliche Investitionen und priorisierte Vision-2030-Projekte.

Außenhandel: Ölpreis stützt Exporte

Nach Angaben der saudischen Statistikbehörde GASTAT exportierte Saudi-Arabien 2025 Waren im Wert von rund 312 Milliarden US-Dollar (US$). Das waren 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Importe stiegen mit 8,8 Prozent deutlich stärker auf etwa 253,3 Milliarden US$. 

Für 2026 bleiben die Risiken erhöht: Produktionsausfälle sowie höhere Energie-, Versicherungs-, Fracht- und Importkosten könnten die Außenwirtschaft belasten. Zugleich hält die Investitionsagenda den Importbedarf hoch, insbesondere bei Maschinen, Ausrüstung, Transporttechnik und Bauzulieferungen.

Deutsche Perspektive: Marktzugang wird anspruchsvoller

Für deutsche Unternehmen bleibt Saudi-Arabien vor allem ein Absatzmarkt für investitionsnahe Güter und Lösungen. Die deutschen Ausfuhren legten 2025 um 2,3 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro zu. Wichtigste Lieferpositionen waren Maschinen und Industrieanlagen, Fahrzeuge sowie pharmazeutische Erzeugnisse. Die Exportentwicklung hängt damit stärker von Investitionszyklen, öffentlichen Vergaben und der Umsetzung großer Transformationsprojekte ab.

Gute Chancen bestehen dort, wo deutsche Anbieter Effizienz, Qualität und technische Zuverlässigkeit liefern, etwa in Energie- und Wassertechnik, Industrieautomatisierung, Nahrungsmittelindustrie, Medizintechnik, Logistik, Umwelttechnik und digitalen Lösungen. Zugleich verlangt der Markt mehr lokale Wertschöpfung im Land. Für deutsche Unternehmen reicht eine reine Exportstrategie daher seltener aus. Entscheidend werden lokale Partner, Finanzierungskompetenz und belastbare Projektsteuerung. Das unterstreicht auch Dalia Samra-Rohte, Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen: "Erfolgsentscheidend sind Flexibilität, lokale Präsenz und die Einbindung saudischer Partner, um regulatorische Anforderungen und Lokalisierungsvorgaben optimal zu erfüllen."