Interview | Schweden | Bau
"Netzwerke entscheiden über Projekte in Schwedens Bauwirtschaft"
Der Marktzugang zur schwedischen Baubranche erfolgt oft über Netzwerke und mittelgroße Akteure gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an CO₂‑Nachweise.
18.06.2026
Von Judith Illerhaus | Stockholm
Schwedens Bauwirtschaft gilt als innovations- und nachhaltigkeitsorientiert, steht zugleich jedoch unter erheblichem Kostendruck. Sven Staiger, Architekt und Gründer von Scharc Architects und Viska AI, erläutert im GTAI-Interview, wie Projekte in der Praxis angebahnt werden, warum große Konzerne für externe Partner nur begrenzt zugänglich sind und welche Faktoren für ausländische Anbieter beim Markteintritt entscheidend sind. Zudem erklärt er die wachsende Bedeutung von CO₂‑Nachweisen in Ausschreibungen.
Wie bewerten Sie die aktuelle Lage der schwedischen Baubranche?
Die vergangenen Jahre waren für die Branche herausfordernd, nicht zuletzt aufgrund der zeitverzögerten Effekte der Baukonjunktur. Zahlreiche Projekte wurden verschoben, neu kalkuliert oder ganz gestoppt – insbesondere im Wohnungsbau. Auch größere Vorhaben wurden zunehmend unter Kostengesichtspunkten überprüft und teilweise in ihrer Planung angepasst. Aktuell zeigen sich erste Anzeichen einer Belebung: Die Zahl der Ausschreibungen nimmt wieder zu, und Investoren bringen Projekte schrittweise zurück in den Markt. Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit hoch. In der Praxis zeigt sich das beispielsweise daran, dass Projekte häufiger in Phasen unterteilt werden oder erst nach gesicherter Finanzierung freigegeben werden. Auch werden externe Partner und neue Anbieter intensiver geprüft als noch vor einigen Jahren. Insgesamt agiert die Branche deutlich selektiver und risikobewusster als zuvor.
"Für neue Anbieter ist der Einstieg über mittelgroße Unternehmen häufig erfolgversprechender."
Der Markt gilt als konzentriert. Wie kommen neue Anbieter ins Geschäft?
Der schwedische Markt ist durch wenige große und viele kleinere Akteure geprägt. Der Zugang zu großen Baukonzernen ist grundsätzlich möglich, gestaltet sich in der Praxis jedoch oft schwierig. Entscheidungsprozesse sind komplex, und bestehende Partnerstrukturen dominieren. Das unterschätzen viele, wenn sie sich auf dem Markt etablieren möchten. Für neue Anbieter - auch aus dem Ausland - ist der Einstieg über mittelgroße Unternehmen häufig erfolgversprechender. Diese verfügen über kürzere Entscheidungswege und einen konkreteren Bedarf.
Wie funktionieren Projektvergabe und Geschäftsanbahnung in der Praxis?
Ein wesentlicher Teil der Projekte entsteht über Vertrauen, Referenzen und persönliche Netzwerke. Gerade im Planungsbereich wird Vertrauen verkauft, da Ergebnisse oft erst nach Jahren sichtbar werden. Parallel dazu spielen Ausschreibungen, insbesondere im öffentlichen Sektor, eine zentrale Rolle. Diese sind jedoch aufwendig und ressourcenintensiv. Größere Unternehmen können entsprechende Kapazitäten vorhalten, kleinere Akteure setzen daher stärker auf netzwerkbasierte Projektakquise.
5 Tipps für deutsche Anbieter
- Nicht nur auf die größten Konzerne zielen - Mittelständler entscheiden oft schneller.
- Referenzen und Verlässlichkeit zählen mehr als ein aggressiver Vertrieb.
- Ausschreibungen realistisch kalkulieren - strenge Vergabeverfahren und geringe Spielräume für Nachverhandlungen.
- Nachhaltigkeitsnachweise früh mitdenken.
- Lokale Rahmenbedingungen wie Rollen, Haftung, Dokumentation sauber abbilden.
Wie digital ist die schwedische Baubranche im internationalen Vergleich – und worin unterscheiden sich die Rahmenbedingungen von Deutschland?
Die Offenheit für digitale Lösungen ist im internationalen Vergleich hoch. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung im Bau heterogen. Methoden wie BIM (Building information modeling) sind etabliert, werden jedoch unterschiedlich konsequent angewendet. Entscheidend sind verfügbare Datenstandards und geeignete Anreizstrukturen. Wenn Leistungen überwiegend nach Aufwand vergütet werden, entsteht für Dienstleister nicht automatisch ein Vorteil durch Effizienzgewinne. Das kann die Implementierung digitaler Lösungen bremsen. Zudem ist der Architektenberuf weniger reguliert als in Deutschland. Dies beeinflusst Rollenverständnisse, Verantwortlichkeiten und Projektabläufe.
Sie sind Architekt und zugleich Unternehmer. Wie hat sich Ihr Geschäftsmodell entwickelt und wie positionieren Sie sich im schwedischen Markt?
Ich habe 2002 ein Architekturbüro in Stockholm gegründet, zunächst vor dem Hintergrund eines schwierigen Arbeitsmarkts. Über die Jahre haben wir ein breites Projektspektrum umgesetzt, von Bildungs- und Sportbauten bis hin zu Infrastrukturvorhaben. Parallel dazu habe ich mich verstärkt mit technologischen Lösungen beschäftigt, da viele Herausforderungen im Bau weniger im Entwurf als in Prozessen und Abstimmungen liegen. In Schweden zeigt sich dabei, dass sich Architekturbüros zu Technologieanbietern entwickeln mussten, um unter hohem Kostendruck und mit Blick auf KI wettbewerbsfähig zu bleiben. Entsprechend liegt unser Fokus auf Umsetzbarkeit, Effizienz und enger Zusammenarbeit mit Bauunternehmen, um Projekte wirtschaftlich zu realisieren. Dieses Verständnis wird im Markt geschätzt.
Welche zentralen Herausforderungen prägen die Branche derzeit – insbesondere im Spannungsfeld von Kostendruck und steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen?
Der Kostendruck ist aktuell ein zentrales Thema. Einsparungen erfolgen häufig direkt am Gebäude, etwa bei Materialien oder Ausführungsdetails. Kurzfristig kann dies wirtschaftlich erscheinen, langfristig führt es jedoch häufig zu höheren Lebenszykluskosten und geringerer Energieeffizienz. Parallel dazu steigen die Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit deutlich. CO₂‑Berechnungen und entsprechende Nachweise gewinnen in Ausschreibungen an Bedeutung. Dies erhöht den Planungsaufwand, treibt die Entwicklung aber voran. Gleichzeitig zeigt sich, dass ambitionierte Nachhaltigkeitsziele mit den vorhandenen industriellen Kapazitäten in Einklang gebracht werden müssen. Im Holzbau etwa stellt sich die Frage der Skalierbarkeit entsprechender Konzepte.
Wo sehen Sie Chancen für deutsche Unternehmen im schwedischen Markt?
Chancen bestehen insbesondere für Anbieter, die zuverlässig liefern und die lokalen Rahmenbedingungen verstehen. Wichtig ist ein partnerschaftlicher Ansatz sowie ein langfristiger Marktzugang. Strategisch empfiehlt sich häufig der Einstieg über mittelgroße Unternehmen. Entscheidend sind belastbare Referenzen und ein funktionierendes lokales Netzwerk. Wer die schwedischen Projektstrukturen versteht und sich entsprechend positioniert, kann sich nachhaltige Marktchancen erschließen.