Interview | Schweden | Infrastruktur

"Viele Anlagen erreichen das Ende ihrer Lebensdauer"

Die Einkaufsorganisation SINFRA bündelt die Beschaffung kommunaler Infrastruktur in Schweden. Für deutsche Unternehmen entstehen Geschäftschancen, wie im Interview deutlich wird.

Von Judith Illerhaus | Stockholm

Musa Bargabriel, Einkaufsleiter SINFRA Musa Bargabriel, Einkaufsleiter SINFRA | © SINFRA

Schwedens kommunale Infrastruktur steht vor einer mehrjährigen Phase umfassender Modernisierung und hoher Investitionen - bis 2037 sollen insgesamt etwa 110 Milliarden Euro investiert werden. Betroffen sind weite Teile der Energie-, Wasser- und Verkehrsversorgung. Steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Digitalisierung erhöhen den Anpassungsdruck auf Kommunen deutlich. SINFRA bündelt als zentrale Einkaufsorganisation die Beschaffung zahlreicher kommunaler Unternehmen und bietet Anbietern damit einen strukturierten Zugang zum Markt. Im Interview erläutert Musa Bargabriel, Einkaufsleiter bei SINFRA, wo aktuell die größten Bedarfe liegen, welche Trends die Beschaffung prägen und worauf deutsche Unternehmen beim Markteintritt achten sollten.

Welche Rolle spielt SINFRA im schwedischen Infrastrukturmarkt und warum ist die Organisation für Anbieter relevant?
SINFRA ist eine zentrale Beschaffungsstelle für kommunale und öffentliche Unternehmen in Bereichen wie Wasser und Abwasser, Energie, Glasfaser, Abfallwirtschaft und Hafenbetrieb. Unsere Aufgabe ist es, rechtssichere, wettbewerbliche und zunehmend auch nachhaltigkeitsorientierte Vergaben durchzuführen. Auf dieser Basis schließt SINFRA rahmenvertragliche Vereinbarungen ab, die von ihren Mitgliedern – überwiegend kommunalen Versorgungs- und Infrastrukturunternehmen – genutzt werden können. Die einzelnen Unternehmen müssen ihre Projekte nicht separat vergeben, sondern können im Rahmen dieser Verträge auf gebündelt ausgeschriebene Leistungen zurückgreifen. Ziel ist es, Beschaffungsprozesse zu standardisieren, Volumina zu bündeln und Effizienzgewinne zu erzielen.

In welchen Bereichen entstehen derzeit die größten Investitionsbedarfe?
Die größten Investitionen entfallen derzeit auf die Erneuerung und den Ausbau von Wasser‑ und Abwassersystemen sowie von Energienetzen. Viele Anlagen erreichen das Ende ihrer Lebensdauer. Urbanisierung, strengere Umweltauflagen und die Energiewende – etwa durch Elektrifizierung und die Integration erneuerbarer Energien – schaffen währenddessen zusätzliche Anforderungen. Parallel wächst die Nachfrage nach digitalen Lösungen, etwa bei Steuerungs‑ und Leitsystemen, Automatisierung sowie datenbasierter Überwachung und Optimierung.

Was bedeutet das für deutsche Anbieter?

Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus gute Chancen, da ihre Stärken häufig in technisch anspruchsvollen, langlebigen Lösungen liegen. Voraussetzung für einen erfolgreichen Markteintritt ist jedoch eine sehr sorgfältige Vorbereitung: Angebote müssen formal präzise, klar strukturiert und exakt auf die schwedische Vergabepraxis zugeschnitten sein. Erwartet werden zudem belastbare Referenzen sowie nachvollziehbare Angaben zu Betrieb, Wartung und Lebenszykluskosten. Lokale Partner‑ oder Service‑Strukturen sollten frühzeitig etabliert werden, um Anforderungen an Verfügbarkeit und Reaktionszeiten zuverlässig zu erfüllen.

Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus gute Chancen, da ihre Stärken häufig in technisch anspruchsvollen Lösungen liegen, die Effizienz, Zuverlässigkeit und Systemintegration verbinden.

Welche strukturellen Trends prägen die öffentliche Beschaffung in Schweden?
Ein wesentlicher Trend ist die Verschiebung der Bewertungskriterien. Während früher häufig der Anschaffungspreis im Mittelpunkt stand, rücken heute Lebenszykluskosten, Betriebssicherheit und langfristige Leistungsfähigkeit stärker in den Fokus. Für kommunale Versorgungs- und Infrastrukturunternehmen ist entscheidend, dass Systeme über viele Jahre zuverlässig und wirtschaftlich betrieben werden können. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Nachhaltigkeit – sowohl im Hinblick auf Energieeffizienz als auch auf Materialeinsatz und Lieferketten. Digitalisierung entwickelt sich ebenfalls zu einem Querschnittsthema, da sie Effizienzgewinne ermöglicht und gleichzeitig neue Anforderungen an Sicherheit und Systemintegration stellt.

Tipps für Ausschreibungen in Schweden

  1. Formal korrekt bieten
    Vollständig und fristgerecht einreichen.
  2. Kriterien exakt treffen
    Anforderungen klar und konkret adressieren.
  3. Wirtschaftlichkeit belegen
    Lebenszykluskosten und Betrieb darlegen.
  4. Referenzen nachweisen
    Vergleichbare Projekte belegen.
  5. Vor Ort präsent sein
    Service und Umsetzung lokal sichern.

Wie können sich Unternehmen an SINFRA-Ausschreibungen beteiligen und worauf kommt es im Vergabeprozess besonders an?
SINFRA‑Vergaben werden öffentlich und im Einklang mit den EU‑Vergaberichtlinien ausgeschrieben. Unternehmen können sich beteiligen, indem sie ihre Angebote fristgerecht und vollständig über die von SINFRA veröffentlichten Ausschreibungsverfahren einreichen. Die Verfahren stehen Anbietern aus dem gesamten EU‑Binnenmarkt offen.

Entscheidend ist, dass Angebote formal korrekt, klar strukturiert und exakt auf die jeweiligen Anforderungen zugeschnitten sind. Neben dem Preis spielen qualitative Kriterien eine zunehmend wichtige Rolle. Dazu zählen insbesondere die technische Leistungsfähigkeit, die Betriebssicherheit, Nachhaltigkeitsaspekte sowie die Lebenszykluskosten über die gesamte Nutzungsdauer. Auftraggeber erwarten Lösungen, die langfristig wirtschaftlich sind und zuverlässig betrieben werden können. Auch die Fähigkeit, Leistungen verlässlich vor Ort zu erbringen, fließt häufig in die Bewertung ein.

Wo scheitern neue Marktteilnehmer in der Praxis besonders häufig?
Neue Marktteilnehmer unterschätzen häufig die Detailtiefe und Verbindlichkeit der Ausschreibungsanforderungen. Angebote bleiben teilweise zu allgemein oder gehen nicht ausreichend auf die konkret benannten Bewertungskriterien ein. Auch Umfang, Struktur und Nachweise der geforderten Dokumentation werden mitunter nicht vollständig erfüllt. Zudem erweist sich eine fehlende lokale Service‑ oder Umsetzungskapazität als Nachteil, insbesondere bei technischen Leistungen mit hohen Anforderungen an Verfügbarkeit und Betriebssicherheit. Erfolgreich sind vor allem Unternehmen, die ihre Lösungen klar auf die spezifischen Erwartungen öffentlicher Auftraggeber ausrichten und diese nachvollziehbar belegen.