Die Personalsuche läuft in Taiwan ähnlich wie auch in anderen Märkten. Im Unterschied zu Deutschland sind Fragen zum privaten Umfeld kein Tabu.
Ausländische Unternehmen können in Taiwan auf ein breit entwickeltes Rekrutierungsumfeld zurückgreifen. Der wichtigste Kanal für die Personalsuche sind lokale Online-Jobportale. Sind erfahrenere taiwanische Arbeitskräfte gefragt, zählen die sogenannten "Nummer-Plattformen“ zu den gängigsten Kanälen. Diese bieten jedoch meist keinen benutzerfreundlichen englischsprachigen Zugang.
Vielzahl von Suchkanälen vorhanden
Insbesondere die Plattform 104 Job Bank hat sich als Standardinstrument für die Rekrutierung von Fach- und Führungskräften etabliert. Ergänzt wird sie durch weitere Stellenbörsen wie 1111 Job Bank, 518 Job Bank und Yes123. Für international ausgerichtete Positionen gewinnt zudem LinkedIn an Bedeutung, insbesondere bei der Ansprache englischsprachiger Fachkräfte und ausländischer Kandidaten.
Auch spezialisierte Webfirmen wie Cake.me und Yourator sind in mehreren Sprachen für Stellenausschreibungen geeignet. Als eine Dienstleistung bietet das Deutsche Wirtschaftsbüro (AHK Taiwan) an, auf seiner Webseite Stellenausschreibungen zu platzieren. Gleichzeitig nutzt eine wachsende Zahl von Unternehmen staatliche Plattformen und Talentprogramme, die speziell auf internationale Fachkräfte ausgerichtet sind. Druckmedien spielen für Stellenausschreibungen in Taiwan praktisch keine Rolle mehr.
Rekrutierung mehrgleisig fahren
Bei der Besetzung von Führungspositionen setzen viele ausländische Unternehmen auf Personalberatungen und Headhunter. Internationale Anbieter wie Michael Page, Robert Walters, Adecco oder Manpower sind in Taiwan stark vertreten und verfügen über umfangreiche Netzwerke. Da qualifizierte Fachkräfte häufig nicht aktiv nach einer neuen Stelle suchen, gewinnt die direkte Ansprache potenzieller Kandidat:innen an Bedeutung. Dies gilt insbesondere für Ingenieure, IT-Spezialisten, Führungskräfte und Experten der Halbleiterindustrie.
Ein wichtiger Rekrutierungskanal sind Hochschulen und Universitäten. In Taiwan suchen deutsche Unternehmen meist nach zweisprachigem Personal, das zumindest in Englisch kommunizieren kann. Absolventen höherer Bildungseinrichtungen verfügen häufig über Englischkenntnisse, wenn auch vielfach nur passiv. Einen zweisprachigen Pool bilden auch die aus dem Ausland zurückkehrenden Universitätsabsolventen, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind.
Viele Unternehmen kooperieren direkt mit führenden Bildungseinrichtungen. Über Praktikumsprogramme, Abschlussarbeiten und Karrieremessen versuchen Unternehmen, qualifizierte Absolventen frühzeitig an sich zu binden. Besonders die Halbleiter-, Elektronik- und Softwareindustrie nutzt diese Form des Campus-Recruitings intensiv.
In der Praxis bedeutet das für deutsche Unternehmen, einen mehrgleisigen Ansatz zu verfolgen, der lokale Jobplattformen, Executive Search (Führungskräftevermittlung), Universitätskooperationen und – bei Bedarf – die gezielte Anwerbung internationaler Fachkräfte umfasst. Auch persönliche Netzwerke und die direkte Ansprache geeigneter Kandidaten nehmen zu.
Genügend Zeit für Rekrutierung einplanen
Für eine Anstellung bei einem ausländischen Unternehmen steht auf allen Ebenen ein monetärer Anreiz ganz oben auf der Liste. Darüber hinaus legt die jüngere Generation in Taiwan mehr Wert auf Work-Life-Balance (hybride und flexible Arbeitszeiten). Weitere Anreize sind längere Jahresurlaube als in taiwanischen Firmen üblich, Familienleistungen, Urlaubszuschüsse und die Möglichkeit zur Weiterbildung.
Der Rekrutierungsprozess ist anderen Ländern ähnlich: Üblicherweise reichen Interessierte Lebenslauf und Motivationsschreiben ein und werden daraufhin zu Interviews eingeladen. Diese finden in Taiwan in der Regel in Persona statt, da die Entfernungen in Taiwan nicht allzu groß sind. Telefon- und Online-Interviews sind nicht so häufig.
In einem nächsten Schritt sind Tests der technischen Fähigkeiten, Verkaufspräsentationen und Gesprächsrunden üblich. Für die Kommunikation mit lokalen Bewerbern verwenden Unternehmen häufig den Messenger-Dienst LINE, der eine ähnlich zentrale Stellung einnimmt wie WhatsApp in Europa. Nicht selten werden Bewerbungsgespräche, Terminabstimmungen oder erste Kontakte über LINE organisiert.
Anders als in Deutschland wird in Taiwan kaum nach Empfehlungen oder früheren Arbeitgebern gefragt. Zudem ist es möglich, bei Vorstellungsgesprächen nach Familienmitgliedern, zukünftiger Familienplanung und anderen, eher privaten Angelegenheiten, zu fragen.
Kommunikation als wichtiger Faktor
Um geeignetes Personal zu halten, bedarf es monetärer wie nicht-monetärer Anreize. Zwar ist in Taiwan die Loyalität der Mitarbeitenden recht hoch, insbesondere in Familienbetrieben und staatlichen Unternehmen. Bei der jüngeren Generation ist es jedoch wahrscheinlicher, dass die Talente zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen wechseln und nicht erwarten, bis zur Rente in einem Unternehmen zu bleiben.
Dennoch sieht es nicht gut aus, wenn ein Bewerber in kurzen Abständen einen neuen Job annimmt, egal ob aus Sicht eines taiwanischen oder ausländischen Unternehmens. Das Hauptargument für einen Wechsel vor allem in der Technologiebranche und der Halbleiterindustrie ist ein besseres Gehalt.
Die größte Herausforderung für ausländische Unternehmen und Vorgesetzte ist oft die Kommunikation. Taiwanisches Personal kann gut ausgebildet sein, ist aber oft schüchtern oder indirekt, was die Kommunikation im Büro angeht. Dies hat nicht unbedingt nur etwas mit der Sprachbarriere zu tun. Laut Erfahrung einer Personalexpertin erwarten taiwanische Angestellte eher schrittweise Anleitung und Anweisungen, während ausländische Vorgesetzte eher Aufgaben erteilen und dann auf deren selbstständige Erfüllung warten.
In Taiwan lagern viele Firmen die Personalarbeit aus, um sich eine eigene Verwaltung zu sparen, oder greifen auf Personalverwaltungssysteme und softwarebasierte Dienstleistungen zurück. Vor allem die Gehaltsabrechnung, die Arbeitszeiterfassung, die Urlaubs- und Jahresurlaubsverwaltung und andere einfachere Aufgaben können so programmiert werden.
Von
Jürgen Maurer
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