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Auftragsfertigung: Kerngeschäft vieler taiwanischer Unternehmen
Taiwanische Auftragsfertiger prägen globale Wertschöpfungsketten in vielen Produktgruppen. Deutsche Firmen können sich als Ausrüstungs- und Technologielieferanten positionieren.
28.10.2026
Die Auftragsfertigung gehört zu den tragenden Säulen der taiwanischen Industrie. Sie hat über Jahrzehnte dieses Modell perfektioniert. Internationale Marken lagern Produktion, Montage und Beschaffung sowie zunehmend auch Design und Entwicklung an spezialisierte Partner aus. Bekannte Beispiele sind Foxconn, das unter anderem Apple-Produkte und KI-Server fertigt, sowie TSMC, das Halbleiter für Fabless-Chipdesignunternehmen produziert. Beide Konzerne haben die Auftragsfertigung zu einem Erfolgsmodell entwickelt und prägen Taiwans Wirtschaft.
Die Auftragsfertigung reicht weit über die Elektronik hinaus. In der Sportartikelindustrie produzieren Pou Chen und die Lai Yih Group unter anderem Schuhe für Adidas, Puma und Nike; Giant und Merida fertigen High-End-Rahmen und Kompletträder für internationale Premiummarken. Cheng Shin Rubber beliefert Fahrzeug- und Fahrradmarken mit Reifen. In der Medizintechnik stellen BriteMED Technology und Lily Medical Erzeugnisse im Kundenauftrag her.
Bei den Auftragsfertigern unterscheidet man zwischen folgenden Geschäftsmodellen:
- OEM (Original Equipment Manufacturer) produzieren nach den Vorgaben und Zeichnungen ihrer Auftraggeber.
- ODM (Original Design Manufacturer) entwickeln darüber hinaus komplette Produkte oder Plattformen, die ihre Kunden unter eigener Marke vertreiben.
- EMS (Electronic Manufacturing Services) bieten vor allem in der Elektronikfertigung umfassende Dienstleistungen von der Beschaffung über Leiterplattenbestückung, Montage und Prüfung bis zur Logistik.
Vom Montagebetrieb zum Systempartner
In der Praxis übernehmen große Anbieter immer mehr Leistungen aus einer Hand. Fertigungspartner bündeln die Aufträge vieler Kunden, beschaffen Komponenten in großen Mengen und betreiben möglichst hoch ausgelastete Produktionslinien. Ihre Rolle reicht heute vom Design über Prototypenbau und Zertifizierung bis zum weltweiten Ersatzteilservice.
Die Auftragsfertigung entwickelt sich so zu einem Dienstleistungsmodell, das sich als "Production as a Service" beschreiben lässt: Kunden erwerben nicht nur Fertigungskapazitäten, sondern auch Beschaffungs-, Produktions- und Lieferkettenmanagement. Für deutsche Unternehmen entstehen daraus Beteiligungsmöglichkeiten als Technologie-, Komponenten- und Automatisierungspartner – sowohl in Taiwan als auch an anderen Standorten. Entscheidend ist der Zugang über die taiwanischen Konzernzentralen.
Globale Fertigung, taiwanische Steuerung
Taiwans Rolle in der Auftragsfertigung reicht über den physischen Produktionsort hinaus. Seit den 1990er-Jahren verlagerten taiwanische Firmen große Teile ihrer Montage nach China. Mit den dort seit den 2000er-Jahren gestiegenen Löhnen, dem technologischen und strategischen Wettbewerb zwischen den USA und China sowie dem wachsenden Bedarf an diversifizierten Lieferketten entstehen nun neue Kapazitäten in Südostasien, Indien, Mexiko, den USA und Osteuropa.
Der Aufbau zusätzlicher Standorte treibt die Ausgaben für Werke, Automatisierung, Cybersicherheit und die Qualifizierung neuer Lieferanten. Gleichzeitig erwarten Kunden alternative Produktionsrouten und Notfallpläne sowie die Fähigkeit, identische Produkte an mehreren Standorten zu fertigen. Diese geografische Diversifizierung ist kostspielig, angesichts geopolitischer und geoökonomischer Risiken jedoch zu einem zentralen Bestandteil resilienter Lieferketten geworden.
Entwicklung, Kundensteuerung, Beschaffung und zentrale Entscheidungen bleiben meist in taiwanischer Hand. Es entsteht ein Netzwerkmodell: Taiwan fungiert als Technologie-, Beschaffungs- und Managementzentrale, während Produktionsstandorte nach Kundennähe, Zollbedingungen, Kosten und Risikoprofil ausgewählt werden.
Der Marktzugang über eine Konzernzentrale in Taiwan kann den Weg in das weltweite Fabriknetz des Unternehmens öffnen. Dafür müssen deutsche Lieferanten global lieferfähig sein, dem Preisdruck standhalten und technischen Service an mehreren Standorten gewährleisten. Sie sollten Entwicklungskooperationen eingehen, lokale Anwendungsunterstützung und den Schutz geistigen Eigentums sicherstellen.
Taiwan dominiert die Elektronikfertigung
Taiwans Elektronikindustrie hat wie kaum ein anderer Standort das Geschäftsmodell Electronic Manufacturing Services (EMS) konsequent entwickelt. An der Spitze steht der taiwanische Konzern Hon Hai Precision Industry (Foxconn). Er führt die Liste der weltweit umsatzstärksten EMS- und ODM-Unternehmen an.
Nach Zahlen des Elektronikportals Evertiq entfällt auf Foxconn etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes der globalen EMS- und ODM-Industrie. Unter den zehn größten Branchenunternehmen stammen sechs aus Taiwan. Neben Foxconn zählen Wistron, Quanta Computer, Pegatron, Wiwynn und Compal in ihren Segmenten zur Weltspitze. Unter den 30 weltweit größten EMS- und ODM-Unternehmen kommen zwölf aus Taiwan, sieben aus China und fünf aus den USA. Zollner Elektronik aus Zandt in der Oberpfalz ist der einzige europäische Anbieter in dieser Rangliste.
Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Mobility Foresights soll der taiwanische EMS-Markt zwischen 2026 und 2031 durchschnittlich um rund 9,6 Prozent pro Jahr wachsen. Das Marktvolumen wird für 2026 auf etwa 450 Milliarden US-Dollar (US$) und für 2032 auf rund 780 Milliarden US$ geschätzt. Als Wachstumstreiber gilt insbesondere die Produktion von KI-Servern, die inzwischen andere Segmente der Informations- und Kommunikationstechnik überholt hat.
Rang | Unternehmen | Schwerpunkte und Kernprodukte | Wichtigste Kunden und Segmente |
|---|---|---|---|
1 | Weltweit größter EMS-Dienstleister; Smartphones, KI-Server, Elektrofahrzeuge | Apple (iPhone), Nvidia, große Cloudanbieter | |
2 | KI-Server-Hauptplatinen, Notebooks | Nvidia, Dell, Hyperscaler | |
3 | KI-Server-Racks und Notebooks | Google, AWS, Meta, Microsoft | |
4 | iPhones, Spielekonsolen, Kommunikationsgeräte | Apple, Microsoft, Sony | |
5 | Notebooks, Wearables und zunehmend KI-Server | Dell, HP, Lenovo, Apple | |
6 | Servermontage, Notebooks, IoT-Geräte | Google (TPU-Aufträge), HP | |
7 | System-in-Package (SiP), Automobilindustrie, Industrieelektronik | Apple (Chipsätze), Autozulieferer | |
8 | Monitore, Medizinelektronik, Projektoren | BenQ-Gruppe, Industriekunden | |
9 | Netzteile, insbesondere für KI-Server; Optoelektronik | Cloudanbieter, PC-Hersteller | |
10 | Unterhaltungselektronik, Drucker, Speicherlösungen | HP, Dyson, Speicherhersteller |
KI erfordert hohe Fertigungskompetenz
Der KI-Boom beschleunigt den Aufstieg in höherwertige Fertigungsstufen. Taiwanische Unternehmen fertigen einen großen Teil der weltweit eingesetzten Chips und Server für KI-Systeme. Während TSMC leistungsfähige Halbleiter im Auftrag internationaler Technologiekonzerne produziert, fertigen Unternehmen wie Foxconn, Quanta und Wistron komplette KI-Server und Racks für Rechenzentren.
Gemeinsam mit Chipentwicklern und Cloudkonzernen entwerfen sie neue Systemarchitekturen. Die Wertschöpfung der taiwanischen EMS- und ODM-Auftragsfertiger hat sich damit längst von der margenarmen Massenmontage zur Systemintegration verlagert. Das stärkt ihre Position, erhöht zugleich aber den Investitionsbedarf und die technologischen Anforderungen.
Für deutsche Unternehmen bestehen Chancen besonders dort, wo Fertiger ihre Produktivität steigern oder neue Qualitätsstufen erreichen müssen. Gefragt sind Automatisierungs- und Prüftechnik, Robotik, industrielle Bildverarbeitung, Laser- und Präzisionsbearbeitung, Sensorik, Leistungselektronik, thermisches Management, Spezialchemikalien sowie Software zur Fabriksteuerung.
Unternehmen | Projektregion | Fokus/Technologie | Investitionsvolumen |
|---|---|---|---|
Tessalia Technology (Foxconn, Radiall und Thales) | Frankreich | Outsourced Semiconductor Assembly and Testing (OSAT); mehr als 50 Millionen System-in-Package (SiP)-Komponenten pro Jahr bis 2033 | 250 Mio. Euro |
Bull - Foxconn Kooperation | Frankreich | KI-Infrastrukturen | 120 Mio. Euro |
Wiwynn | USA | KI-Infrastrukturen | 1,6 Mrd. US$ |
Foxconn | USA | KI-Infrastrukturen; Erweiterungsinvestition | 569 Mio. US$ |
Inventec | Thailand | Neues Werk | 181,8 Mio. US$ |
Wistron | USA | Westport D2 Werk; Anlagenverbesserungen sowie Anschaffung von Maschinen und Ausrüstungen | 146 Mio. US$ |
Wistron | Vietnam | Bau neuer Anlagen, Gebäudeverbesserungen und Beschaffung von Ausrüstungen | 134,8 Mio. US$ |
Quanta | Vietnam | Notebooks, Desktop-Computer und elektronische Komponenten; Erweiterungsinvestition | 120 Mio. US$ |
Inventec | USA | Fabrikmodernisierung | 116 Mio. US$ |
Inventec | Mexiko | Neues Werk | 111,7 Mio. US$ |
Know-how und Vertrauen sind strategische Vorteile
Taiwans Stärke in der Auftragsfertigung beruht nicht allein auf niedrigen Kosten, sondern vor allem auf langjähriger Erfahrung mit kurzen Produktzyklen, flexiblen Anpassungen und der Einhaltung strenger Qualitätsanforderungen. Enge vertrauensvolle Beziehungen zu den Auftraggebern – meist große Technologiekonzerne aus den USA, Japan und Europa – festigen die starke Position taiwanischer EMS- und ODM-Unternehmen.
Taiwan dürfte seine führende Rolle in der Auftragsfertigung behaupten, auch wenn immer mehr Produktion außerhalb der Insel stattfindet. Entscheidend bleibt das dort gebündelte Know-how, Designs schnell in stabile Serienprozesse zu überführen und weltweit zu skalieren. Der Ausbau von KI-Infrastruktur und KI-Anwendungslösungen erhöht die strategische Bedeutung dieser Kompetenz zusätzlich.
Parallele Produktstrategien: kein Problem
Das klassische Modell, für andere Marken weitgehend unsichtbar zu produzieren, bleibt ein wichtiger Pfeiler taiwanischer Anbieter. Zugleich erweitern Auftragsfertiger ihr Geschäftsmodell um das margenstärkere Eigenmarkengeschäft. Beispiele sind Giant und Merida bei E-Bikes sowie Cheng Shin Rubber, das Reifen unter der Marke Maxxis vertreibt. Taiwan setzt dieses Modell auch in der Medizintechnik oder bei medizinischen Verbrauchsmaterialien ein.
Foxconn produziert unter der Marke Foxtron seit mehreren Jahren Elektrobusse; Ende 2025 kamen erste eigene elektrische Pkw-Modelle hinzu. Parallel bietet Foxconn anderen Automobilmarken OEM-Dienstleistungen an. Mit Mitsubishi gewann Foxconn einen Kooperationspartner, für den es Elektrobusse und Elektroautos herstellen wird. Mit einem Partner in Polen will Foxconn die Automobilauftragsfertigung auch in Europa aufbauen.
Taiwanische Auftragsfertiger sind zugleich Kunden und Lieferanten, Partner und Wettbewerber. Ihr Bedarf an effizienter Ausrüstung, Technologien und Materialien eröffnet deutschen Anbietern Chancen in weitreichenden Produktionsnetzwerken. Voraussetzung sind globale Lieferfähigkeit, wettbewerbsfähige Preise und verlässlicher technischer Service. Gleichzeitig erhöhen geopolitische Spannungen, Fachkräftemangel, steigende Löhne und der hohe Kapitalbedarf für Automatisierung den Druck auf die Fertiger – und damit den Bedarf an produktivitätssteigernden Lösungen.