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Auftragsfertigung: Kerngeschäft vieler taiwanischer Unternehmen

Taiwanische Auftragsfertiger prägen globale Wertschöpfungsketten in vielen Produktgruppen. Deutsche Firmen können sich als Ausrüstungs- und Technologielieferanten positionieren.

Jürgen Maurer

Von Jürgen Maurer | Taipei

Die Auftragsfertigung gehört zu den tragenden Säulen der taiwanischen Industrie. Sie hat über Jahrzehnte dieses Modell perfektioniert. Internationale Marken lagern Produktion, Montage und Beschaffung sowie zunehmend auch Design und Entwicklung an spezialisierte Partner aus. Bekannte Beispiele sind Foxconn, das unter anderem Apple-Produkte und KI-Server fertigt, sowie TSMC, das Halbleiter für Fabless-Chipdesignunternehmen produziert. Beide Konzerne haben die Auftragsfertigung zu einem Erfolgsmodell entwickelt und prägen Taiwans Wirtschaft. 

Die Auftragsfertigung reicht weit über die Elektronik hinaus. In der Sportartikelindustrie produzieren Pou Chen und die Lai Yih Group unter anderem Schuhe für Adidas, Puma und Nike; Giant und Merida fertigen High-End-Rahmen und Kompletträder für internationale Premiummarken. Cheng Shin Rubber beliefert Fahrzeug- und Fahrradmarken mit Reifen. In der Medizintechnik stellen BriteMED Technology und Lily Medical Erzeugnisse im Kundenauftrag her. 

Bei den Auftragsfertigern unterscheidet man zwischen folgenden Geschäftsmodellen:

  • OEM (Original Equipment Manufacturer) produzieren nach den Vorgaben und Zeichnungen ihrer Auftraggeber.
  • ODM (Original Design Manufacturer) entwickeln darüber hinaus komplette Produkte oder Plattformen, die ihre Kunden unter eigener Marke vertreiben.
  • EMS (Electronic Manufacturing Services) bieten vor allem in der Elektronikfertigung umfassende Dienstleistungen von der Beschaffung über Leiterplattenbestückung, Montage und Prüfung bis zur Logistik.

Vom Montagebetrieb zum Systempartner 

In der Praxis übernehmen große Anbieter immer mehr Leistungen aus einer Hand. Fertigungspartner bündeln die Aufträge vieler Kunden, beschaffen Komponenten in großen Mengen und betreiben möglichst hoch ausgelastete Produktionslinien. Ihre Rolle reicht heute vom Design über Prototypenbau und Zertifizierung bis zum weltweiten Ersatzteilservice. 

Die Auftragsfertigung entwickelt sich so zu einem Dienstleistungsmodell, das sich als "Production as a Service" beschreiben lässt: Kunden erwerben nicht nur Fertigungskapazitäten, sondern auch Beschaffungs-, Produktions- und Lieferkettenmanagement. Für deutsche Unternehmen entstehen daraus Beteiligungsmöglichkeiten als Technologie-, Komponenten- und Automatisierungspartner – sowohl in Taiwan als auch an anderen Standorten. Entscheidend ist der Zugang über die taiwanischen Konzernzentralen.

Globale Fertigung, taiwanische Steuerung

Taiwans Rolle in der Auftragsfertigung reicht über den physischen Produktionsort hinaus. Seit den 1990er-Jahren verlagerten taiwanische Firmen große Teile ihrer Montage nach China. Mit den dort seit den 2000er-Jahren gestiegenen Löhnen, dem technologischen und strategischen Wettbewerb zwischen den USA und China sowie dem wachsenden Bedarf an diversifizierten Lieferketten entstehen nun neue Kapazitäten in Südostasien, Indien, Mexiko, den USA und Osteuropa. 

Der Aufbau zusätzlicher Standorte treibt die Ausgaben für Werke, Automatisierung, Cybersicherheit und die Qualifizierung neuer Lieferanten. Gleichzeitig erwarten Kunden alternative Produktionsrouten und Notfallpläne sowie die Fähigkeit, identische Produkte an mehreren Standorten zu fertigen. Diese geografische Diversifizierung ist kostspielig, angesichts geopolitischer und geoökonomischer Risiken jedoch zu einem zentralen Bestandteil resilienter Lieferketten geworden. 

Entwicklung, Kundensteuerung, Beschaffung und zentrale Entscheidungen bleiben meist in taiwanischer Hand. Es entsteht ein Netzwerkmodell: Taiwan fungiert als Technologie-, Beschaffungs- und Managementzentrale, während Produktionsstandorte nach Kundennähe, Zollbedingungen, Kosten und Risikoprofil ausgewählt werden. 

Der Marktzugang über eine Konzernzentrale in Taiwan kann den Weg in das weltweite Fabriknetz des Unternehmens öffnen. Dafür müssen deutsche Lieferanten global lieferfähig sein, dem Preisdruck standhalten und technischen Service an mehreren Standorten gewährleisten. Sie sollten Entwicklungskooperationen eingehen, lokale Anwendungsunterstützung und den Schutz geistigen Eigentums sicherstellen. 

Taiwan dominiert die Elektronikfertigung 

Taiwans Elektronikindustrie hat wie kaum ein anderer Standort das Geschäftsmodell Electronic Manufacturing Services (EMS) konsequent entwickelt. An der Spitze steht der taiwanische Konzern Hon Hai Precision Industry (Foxconn). Er führt die Liste der weltweit umsatzstärksten EMS- und ODM-Unternehmen an.

Nach Zahlen des Elektronikportals Evertiq entfällt auf Foxconn etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes der globalen EMS- und ODM-Industrie. Unter den zehn größten Branchenunternehmen stammen sechs aus Taiwan. Neben Foxconn zählen Wistron, Quanta Computer, Pegatron, Wiwynn und Compal in ihren Segmenten zur Weltspitze. Unter den 30 weltweit größten EMS- und ODM-Unternehmen kommen zwölf aus Taiwan, sieben aus China und fünf aus den USA. Zollner Elektronik aus Zandt in der Oberpfalz ist der einzige europäische Anbieter in dieser Rangliste. 

Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Mobility Foresights soll der taiwanische EMS-Markt zwischen 2026 und 2031 durchschnittlich um rund 9,6 Prozent pro Jahr wachsen. Das Marktvolumen wird für 2026 auf etwa 450 Milliarden US-Dollar (US$) und für 2032 auf rund 780 Milliarden US$ geschätzt. Als Wachstumstreiber gilt insbesondere die Produktion von KI-Servern, die inzwischen andere Segmente der Informations- und Kommunikationstechnik überholt hat. 

Foxconn steht nach Umsatz seit vielen Jahren an vorderster StelleTop 10 der taiwanischen EMS- und ODM-Unternehmen

Rang 

Unternehmen 

Schwerpunkte und Kernprodukte 

Wichtigste Kunden und Segmente 

1 

Foxconn (Hon Hai Precision Industry) 

Weltweit größter EMS-Dienstleister; Smartphones, KI-Server, Elektrofahrzeuge 

Apple (iPhone), Nvidia, große Cloudanbieter 

2 

Wistron (inkl. Wiwynn) 

KI-Server-Hauptplatinen, Notebooks 

Nvidia, Dell, Hyperscaler 

3 

Quanta Computer 

KI-Server-Racks und Notebooks 

Google, AWS, Meta, Microsoft 

4 

Pegatron 

iPhones, Spielekonsolen, Kommunikationsgeräte 

Apple, Microsoft, Sony 

5 

Compal Electronics 

Notebooks, Wearables und zunehmend KI-Server 

Dell, HP, Lenovo, Apple 

6 

Inventec 

Servermontage, Notebooks, IoT-Geräte 

Google (TPU-Aufträge), HP 

7 

USI (Universal Scientific Industrial) 

System-in-Package (SiP), Automobilindustrie, Industrieelektronik 

Apple (Chipsätze), Autozulieferer 

8 

Qisda Corporation 

Monitore, Medizinelektronik, Projektoren 

BenQ-Gruppe, Industriekunden 

9 

Lite-On Technology 

Netzteile, insbesondere für KI-Server; Optoelektronik 

Cloudanbieter, PC-Hersteller 

10 

Kinpo Electronics 

Unterhaltungselektronik, Drucker, Speicherlösungen 

HP, Dyson, Speicherhersteller 

Quelle: DIGITIMES 2026; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

KI erfordert hohe Fertigungskompetenz 

Der KI-Boom beschleunigt den Aufstieg in höherwertige Fertigungsstufen. Taiwanische Unternehmen fertigen einen großen Teil der weltweit eingesetzten Chips und Server für KI-Systeme. Während TSMC leistungsfähige Halbleiter im Auftrag internationaler Technologiekonzerne produziert, fertigen Unternehmen wie Foxconn, Quanta und Wistron komplette KI-Server und Racks für Rechenzentren.

Gemeinsam mit Chipentwicklern und Cloudkonzernen entwerfen sie neue Systemarchitekturen. Die Wertschöpfung der taiwanischen EMS- und ODM-Auftragsfertiger hat sich damit längst von der margenarmen Massenmontage zur Systemintegration verlagert. Das stärkt ihre Position, erhöht zugleich aber den Investitionsbedarf und die technologischen Anforderungen. 

Für deutsche Unternehmen bestehen Chancen besonders dort, wo Fertiger ihre Produktivität steigern oder neue Qualitätsstufen erreichen müssen. Gefragt sind Automatisierungs- und Prüftechnik, Robotik, industrielle Bildverarbeitung, Laser- und Präzisionsbearbeitung, Sensorik, Leistungselektronik, thermisches Management, Spezialchemikalien sowie Software zur Fabriksteuerung. 

USA und Vietnam stehen im FokusAusgewählte angekündigte Investitionsprojekte taiwanischer EMS-/ODM-Unternehmen im Ausland

Unternehmen 

Projektregion 

Fokus/Technologie 

Investitionsvolumen 

Tessalia Technology (Foxconn, Radiall und Thales) 

Frankreich 

Outsourced Semiconductor Assembly and Testing (OSAT); mehr als 50 Millionen System-in-Package (SiP)-Komponenten pro Jahr bis 2033

250 Mio. Euro

Bull - Foxconn Kooperation 

Frankreich 

KI-Infrastrukturen

120 Mio. Euro

Wiwynn 

USA 

KI-Infrastrukturen 

1,6 Mrd. US$ 

Foxconn 

USA 

KI-Infrastrukturen; Erweiterungsinvestition 

569 Mio. US$ 

Inventec 

Thailand 

Neues Werk 

181,8 Mio. US$ 

Wistron 

USA 

Westport D2 Werk; Anlagenverbesserungen sowie Anschaffung von Maschinen und Ausrüstungen 

146 Mio. US$ 

Wistron 

Vietnam 

Bau neuer Anlagen, Gebäudeverbesserungen und Beschaffung von Ausrüstungen 

134,8 Mio. US$ 

Quanta 

Vietnam 

Notebooks, Desktop-Computer und elektronische Komponenten; Erweiterungsinvestition 

120 Mio. US$ 

Inventec 

USA 

Fabrikmodernisierung 

116 Mio. US$ 

Inventec 

Mexiko 

Neues Werk 

111,7 Mio. US$ 

Quelle: Pressemitteilungen 2026; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

 

Know-how und Vertrauen sind strategische Vorteile 

Taiwans Stärke in der Auftragsfertigung beruht nicht allein auf niedrigen Kosten, sondern vor allem auf langjähriger Erfahrung mit kurzen Produktzyklen, flexiblen Anpassungen und der Einhaltung strenger Qualitätsanforderungen. Enge vertrauensvolle Beziehungen zu den Auftraggebern – meist große Technologiekonzerne aus den USA, Japan und Europa – festigen die starke Position taiwanischer EMS- und ODM-Unternehmen. 

Entscheidend ist ein dichtes Ökosystem aus Systementwicklern, Komponentenherstellern, Materiallieferanten, Werkzeugmachern und anderen Spezialisten in der Lieferkette. Kurze Abstimmungswege erleichtern die Entwicklungs- und Produktionsprozesse. Taiwanische Anbieter können deshalb komplexe Geräte innerhalb weniger Monate von der Entwicklungsphase in die Serienfertigung überführen.

Frank Grunert CEO von Siemens Taiwan

Taiwan dürfte seine führende Rolle in der Auftragsfertigung behaupten, auch wenn immer mehr Produktion außerhalb der Insel stattfindet. Entscheidend bleibt das dort gebündelte Know-how, Designs schnell in stabile Serienprozesse zu überführen und weltweit zu skalieren. Der Ausbau von KI-Infrastruktur und KI-Anwendungslösungen erhöht die strategische Bedeutung dieser Kompetenz zusätzlich.

Parallele Produktstrategien: kein Problem 

Das klassische Modell, für andere Marken weitgehend unsichtbar zu produzieren, bleibt ein wichtiger Pfeiler taiwanischer Anbieter. Zugleich erweitern Auftragsfertiger ihr Geschäftsmodell um das margenstärkere Eigenmarkengeschäft. Beispiele sind Giant und Merida bei E-Bikes sowie Cheng Shin Rubber, das Reifen unter der Marke Maxxis vertreibt. Taiwan setzt dieses Modell auch in der Medizintechnik oder bei medizinischen Verbrauchsmaterialien ein. 

Foxconn produziert unter der Marke Foxtron seit mehreren Jahren Elektrobusse; Ende 2025 kamen erste eigene elektrische Pkw-Modelle hinzu. Parallel bietet Foxconn anderen Automobilmarken OEM-Dienstleistungen an. Mit Mitsubishi gewann Foxconn einen Kooperationspartner, für den es Elektrobusse und Elektroautos herstellen wird. Mit einem Partner in Polen will Foxconn die Automobilauftragsfertigung auch in Europa aufbauen.

Taiwanische Auftragsfertiger sind zugleich Kunden und Lieferanten, Partner und Wettbewerber. Ihr Bedarf an effizienter Ausrüstung, Technologien und Materialien eröffnet deutschen Anbietern Chancen in weitreichenden Produktionsnetzwerken. Voraussetzung sind globale Lieferfähigkeit, wettbewerbsfähige Preise und verlässlicher technischer Service. Gleichzeitig erhöhen geopolitische Spannungen, Fachkräftemangel, steigende Löhne und der hohe Kapitalbedarf für Automatisierung den Druck auf die Fertiger – und damit den Bedarf an produktivitätssteigernden Lösungen.