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Markttrends

Im Industrieland Tschechien fallen enorme Mengen Abfall an. Entsorgung und Verwertung bieten viel Potenzial und sind ein aussichtsreiches Zukunftsgeschäft.

Von Gerit Schulze | Prag

Das Abfallvolumen in Tschechien wächst weiter. Das gilt für industrielle Erzeuger ebenso wie für private Haushalte. Gründe sind das steigende Wohlstandsniveau, die sich entwickelnde Wirtschaft und der Boom im Onlinehandel. Außerdem ist die Einwohnerzahl nach Russlands Angriffskrieg durch Geflüchtete aus der Ukraine gestiegen. Im Jahr 2024 erreichte das Abfallvolumen einen Rekordwert von 40,3 Millionen Tonnen.

Mehr Hausmüll als in anderen EU-Ländern

Auch bei Siedlungsabfällen wurde ein neuer Höchststand erreicht. Laut Eurostat fielen 2023 pro Kopf in Tschechien 538 Kilogramm Hausmüll an und damit 27 Kilogramm mehr als im EU-Durchschnitt.

5,6 Millionen Tonnen

Abfälle wurden 2024 auf Tschechiens Deponien gebracht.

Die Deponiequote bei Haushaltsabfällen ist von 48 Prozent (2021) auf 42 Prozent (2024) gesunken. Der Rest wird verbrannt, recycelt oder kompostiert. Im europäischen Vergleich hat das Land aber immer noch viel Nachholbedarf. Weiterhin landen jedes Jahr über 5 Millionen Tonnen Abfälle auf Tschechiens Deponien, rund die Hälfte davon als Siedlungsmüll.

Kreislaufwirtschaft gewinnt an Bedeutung

Diese Menge soll in den kommenden Jahren sinken. Der Aktionsplan "Cirkulární Česko" beschreibt den Weg zu einer effizienteren Kreislaufwirtschaft. Geplant ist, schon beim Produktdesign die künftige Wiederverwertung stärker zu berücksichtigen und eine längere Lebensdauer zu ermöglichen. Der Anteil von Sekundärrohstoffen soll erhöht werden und mehr Produktionsabfälle in den Wirtschaftskreislauf zurückkehren. Es werden neue Recyclingtechnologien sowie die Einführung digitaler und smarter Lösungen für die Abfallwirtschaft unterstützt. Dazu gehören auch automatisierte Anlagen oder Roboter für Müllsortierung und Recycling.

Der Aktionsplan strebt an, Einwegartikel – besonders aus Kunststoff – zu reduzieren. Bei Bioabfällen wird mehr Kompostierung gefördert. Für Bauabfälle ist eine sauberere Trennung der einzelnen Bestandteile das Ziel, zum Beispiel durch selektive Demontage von Gebäuden.

Ziel ist es, die Abfallmenge nicht mehr proportional zum Wirtschaftswachstum ansteigen zu lassen. Dazu beitragen soll eine Sharing Economy, also das gemeinsame Nutzen von Ressourcen.

Neue Akzente durch Regierungswechsel

Der Regierungswechsel Ende 2025 führt auch in der Abfallwirtschaft zu neuen Akzenten. Laut dem Regierungsprogramm des rechtspopulistischen und EU-kritischen Kabinetts soll ein Pfandsystem für PETFlaschen und Getränkedosen nur eingeführt werden, wenn ein ökologischer Nutzen nachgewiesen ist.

Anfang Januar 2026 wurde ein Gesetzentwurf der alten Regierung zur Einführung eines Flaschenpfands abgelehnt. Premierminister Andrej Babiš hält das derzeitige Abfalltrennungssystem über Sammelbehälter für effizienter. In Tschechien werden jährlich rund 1,8Milliarden PETFlaschen (47.000Tonnen) und 800 Millionen Getränkedosen (15.000Tonnen) in Verkehr gebracht.

Laut der Regierungserklärung setzt sich die aktuelle Koalition für den Ausbau von Müllverbrennungsanlagen ein, um das Deponieaufkommen zu reduzieren und Energie zu erzeugen. Auf europäischer Ebene könnte Tschechien dafür eintreten, Emissionszertifikate nicht auf die energetische Abfallverwertung anzuwenden. Kleinere Recycling und Abfallbetriebe sollen durch Deregulierung und weniger Bürokratie unterstützt werden. Am Verbot der Deponierung von Siedlungsabfällen nach 2030 hält die neue Regierung fest.

Noch unter der vorherigen Regierung entstand der Nationale Abfallwirtschaftsplan (POH ČR) für den Zeitraum bis 2035, der Ende 2025 verabschiedet wurde.

Tschechiens Ziele für die Abfallwirtschaft

  • Recyclingquote bei Kommunalabfällen von 55 Prozent (2025) auf 65 Prozent (2035) steigern
  • Senkung der Deponiequote auf unter 10 Prozent Gewichtsanteil bis 2035
  • 70 Prozent Sortierquote für in Gemeinden anfallende Abfälle, flankierend zur Erhöhung der Recyclingquote bis 2035
  • Rücknahmequote von 65 Prozent für Elektroaltgeräte ab 2025 

Quelle: Abfallwirtschaftsplan der Tschechischen Republik für den Zeitraum 2025 bis 2035 (Dezember 2025)

Bei der Verwertung von Klärschlamm soll die Materialnutzung Vorrang bekommen, vor allem die Phosphor- und Stickstoffrückgewinnung. Hochwertige Schlämme sollen in Böden und zur Energieerzeugung genutzt werden.

Projekte zur Energiegewinnung aus Abfällen

Eine zunehmend wichtigere Rolle spielt die thermische Verwertung von Abfällen. Derzeit sind in Tschechien vier größere Müllverbrennungsanlagen für Siedlungsabfälle in Betrieb (in Prag, Plzeň, Liberec und Brno). Sie haben eine Jahreskapazität von rund 860.000 Tonnen. Dort werden etwa 14 Prozent des Hausmülls verwertet. 

Weitere Anlagen sind in Planung oder bereits im Bau. Für fünf Projekte wurden Investitionsförderungen aus dem EU-Modernisierungsfonds bewilligt:

  • Mělník (Mittelböhmen, 320.000 Tonnen pro Jahr)
  • Komořany (Region Ústí nad Labem, 150.000 Tonnen pro Jahr)
  • Planá nad Lužnicí (Südböhmen, 80.000 Tonnen pro Jahr)
  • Písek (Südböhmen, 50.000 Tonnen pro Jahr)
  • Vráto (Südböhmen, 150.000 Tonnen pro Jahr)

Daneben gibt es Projekte, die bislang noch ohne Förderzusagen sind, unter anderem in Mährisch-Schlesien. Insgesamt könnten bis 2028 zusätzlich 700.000 Jahrestonnen Kapazitäten zur Abfallverbrennung hinzukommen.

Außerdem verfügt Tschechien über 20 Verbrennungsanlagen für Industrie- und Krankenhausabfälle mit einer Kapazität von über 100.000 Tonnen. Zudem nutzen fünf Zementwerke Abfall als zusätzlichen Brennstoff. Dort können pro Jahr 550.000 Tonnen Müll thermisch verwertet werden.

Strom aus Küchenabfällen

Ein weiteres Geschäftsfeld zur energetischen Abfallnutzung ist die Biogasproduktion. Über ein Zehntel der tschechischen Abfallmenge entfällt auf biologisch abbaubare Bestandteile (4,3 Millionen Tonnen pro Jahr). Dieses Volumen kann bislang nicht in den bestehenden Biogasanlagen verarbeitet werden. Daher sind laut Abfallwirtschaftsplan bis 2035 neue Standorte geplant, die weitere 400.000 Tonnen aufnehmen können. Das wäre eine Verdopplung des aktuellen Standes. Parallel dazu sollen die Kompostierkapazitäten ausgebaut werden. 

Den Investitionsbedarf schätzen Experten auf über 300 Millionen Euro. Für die Investitionsvorhaben stehen Fördermittel aus EU-Programmen wie dem Modernisierungsplan oder dem Nationalen Aufbauplan bereit.

 

Aktuelle Investitionsprojekte in Tschechiens Abfallwirtschaft (Auswahl)in Millionen Euro
Projekt / Ort

Investition *)

StandProjektträger
Umbau und Modernisierung der Abfallverbrennungsanlage / Mělník

535,8

Förderung aus dem Modernisierungsfonds; Übergang von Kohle zu Abfall- und Erdgasverbrennung im Heizkraftwerk; Baubeginn 2025; Probebetrieb ab 2027/28ČEZ
Ausbau einer Anlage zur energetischen Abfallnutzung / Planá nad Lužnicí

113,7

Förderung aus dem Modernisierungsfonds; Bau hat 2025 begonnen; Nutzung von Siedlungsabfällen und Biomasse zur Produktion von Wärme und EnergieC-energy
Müllverbrennungsanlage / Opatovice – Čeperka – Hrobice

k.A.

Investitionen von mehreren Milliarden Kronen nötig; Standort in Verhandlung; Widerstand der Öffentlichkeit; Probebetrieb für 2028 geplantElektrárny Opatovice
Kapazitätserweiterung der Biogasanlage / Mladá Boleslav

14,9

EU-Förderung; Fertigstellung bis Ende 2028 geplant; Biomethan soll im öffentlichen Busverkehr und als Erdgasersatz im Netz zum Einsatz komenCompaq Mladá Boleslav
Abfallzentrum / Olomouc

14,3

EU-Förderung; Fertigstellung bis Ende 2027 geplant; Linie zur automatischen Trennung von Altpapier und KunststoffenServisní společnost odpady Olomouckého kraje
Modernisierung der AbfallsortieranlageOldřichovice

12,8

EU-Förderung; Bau 2025 begonnen; Fertigstellung bis Mitte 2027 geplant; Kapazitätserhöhung und neue Technologien zur Selektion von Altpapier und KunststoffenSmolo
Ausbau der Biogas- und Biomethananlage / Mořice

9,8

EU-Förderung; Fertigstellung bis Mitte 2027 geplant; Gasproduktion und BlockheizkraftwerkBMS Mořice
* Umrechnung anhand des Wechselkurses 1 Euro = 24,265 Tschechische Kronen (Tschechische Nationalbank, 8.1.2026).Quelle: DotaceEU.cz; Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen 2026

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