Branche kompakt | Tunesien | Abfallwirtschaft

Chancen durch Investitionen in Tunesiens Abfallwirtschaft

Tourismus, Industrie und Haushalte sorgen für mehr Abfall in Tunesien. Bisher landet dieser meist auf Deponien - Pilotanlagen für Waste-to-Energy kommen aber voran.

Von Verena Matschoß | Tunis

Ausblick der Abfallwirtschaft in Tunesien

Bewertung:

  • Ein Großteil der Siedlungsabfälle landet unbehandelt auf Deponien, Recyclingquote bleibt niedrig.
  • Einzige Anlage zur Behandlung von gefährlichen Industrieabfällen ist seit 2011 außer Betrieb.
  • Wichtige Projekte in der Abfallwirtschaft werden von bi- und multilateralen Gebern getragen, zum Beispiel im Bereich Waste-to-Energy. 

 

Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: März 2026

Markttrends

Umweltboulevards (Boulevards de l'Environnement) mit der Statue von Labib, einem kleinen Wüstenfuchs, standen Anfang der 90er-Jahre als Symbol für eine groß angelegte Umweltkampagne in Tunesien. Das Umweltmaskottchen ist zwar immer noch präsent, aber meist fehlt ein Ohr, ein Arm oder die Farbe ist abgeblättert. Laut Weltbank müsste Tunesien für die Abfallwirtschaft bis 2050 rund 500 Millionen US-Dollar ausgeben.

Tunesien erzeugt rund 2,6 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle pro Jahr. Davon werden etwa 72 Prozent gesammelt und landen vor allem auf Deponien. Es existierten laut der Agence Nationale de Gestion des Déchets (ANGed) im Jahr 2023 rund 17 kontrollierte Deponien. Hinzu kommen tausende illegale Müllhalden, viele nahe von Wohngebieten. In Tunesien gibt es derzeit keine Müllverbrennungsanlagen für Siedlungsabfälle und die Recyclingquote liegt nur bei rund 4 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland - einem Spitzenreiter in der EU - werden rund zwei Drittel der Siedlungsabfälle recycelt. 

Deponien an Belastungsgrenze

Die größte Deponie Djebel Chakir im Großraum Tunis ist überlastet. Nicht nur der Großraum Tunis, sondern auch andere Küstenregionen mit starkem Tourismus zählen zu den größten Abfallverursachern. Plastikmüll macht etwa 10 Prozent des Haushaltsabfalls aus und landet häufig in der Natur, dabei auch im Mittelmeer. Einwegplastiktüten sind seit 2020 verboten, doch die Umsetzung bleibt lückenhaft und es gibt kaum Kontrollen oder Sanktionen.

Auch die tunesische Industrie verursacht Abfall und ist für Umweltverschmutzung verantwortlich. Zu nennen sind hier insbesondere staatliche Phosphat‑ und Chemiekonzerne, aber auch Ölförderer, Zementunternehmen und Textilfabriken. Die einzige Anlage zur Behandlung gefährlicher Industrieabfälle in Jradou ist seit 2011 außer Betrieb. Damit fehlt weiterhin eine zentrale Infrastruktur für toxische Abfälle. Zudem fallen in Tunesien schätzungsweise jährlich 10 bis 15 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Abfälle an, darunter 5 bis 7 Millionen Tonnen Getreiderückstände sowie etwa 1 Million Tonnen Olivenölabfälle in Form von Olivenmühlenabwässern und Trestern.

Tunesien setzt sich in Abfallstrategie ambitionierte Ziele

Die aktuell maßgebliche nationale Abfallstrategie Tunesiens wurde im Jahr 2020 verabschiedet. Bis 2035 strebt Tunesien unter anderem 20 Prozent Recycling, 40 Prozent Verwertung und 60 Prozent weniger Deponierung an. Darüber hinaus plant die Regierung, Anlagen zur energetischen Abfallverwertung (Biogas, Biomethan) zu errichten. 

Ein Pilotprojekt in Sousse produziert bereits seit Februar 2025 Strom aus Deponiegas aus der Deponie in Oued Laya. Das Projekt wurde im Rahmen der tunesisch-japanischen Entwicklungszusammenarbeit umgesetzt. Weitere Ausbauschritte sind geplant. Anfang 2026 startete auf Djerba ein Projekt zur Umwandlung organischer Abfälle in Bioenergie. Das Vorhaben wird in Partnerschaft mit dem UNDP und der italienischen und japanischen Regierung umgesetzt. 

Branchenstruktur und Rahmenbedingungen

Der Abfallsektor ist stark staatlich reguliert. Die ANGed koordiniert Verwertungssysteme, während Kommunen für Sammlung und Entsorgung zuständig sind. In größeren Städten vergeben sie diese per Ausschreibung teilweise an private Unternehmen. In städtischen Gebieten ist die Sammlungsrate weitaus höher als im ländlichen Raum. Auf der Seite der ANGed sind die lizenzierten privaten Entsorgungsunternehmen nach Abfallart gelistet. Die größte Zahl zugelassener privater Entsorgungsunternehmen entfällt in Tunesien auf Kunststoffabfälle, da dieses Segment am rentabelsten ist. Für Papier und Karton gibt es nur wenige Recyclingfirmen, die den Markt unter sich aufteilen. 

Es gibt einzelne Initiativen, vor allem in größeren Städten, die eine Mülltrennung in Tunesien etablieren wollen. Ein Beispiel ist die Organisation Tunisie Récyclage, die seit 2013 in den nördlichen Vororten von Tunis aktiv ist. Über eine digitale Plattform können Haushalte und Einrichtungen insbesondere Kunststoffe und Papier, aber auch andere in Tunesien recycelbare nicht‑organische Abfälle wie Glas, Aluminium oder Elektroschrott, abholen lassen, die sie zuvor getrennt haben. In einem Sortierzentrum wird der Müll weiterverarbeitet und dann an Partnerunternehmen sowie die ANGed gegeben. 

Bei der Sammlung von Plastikmüll zum Recycling spielt der informelle Sektor eine zentrale Rolle. Houssem Hamdi, Vorsitzender von Tunisie Récyclage schätzt, dass rund 8.000 Müllsammler, sogenannte Barbechas, im Großraum Tunis Plastikmüll sammeln. Sie verkaufen die gesammelten Materialien anschließend an lokale Sammelunternehmen, die diese wiederum an Recyclingunternehmen oder Exporteure weiterveräußern.

Die Herausforderungen in der tunesischen Abfallwirtschaft sind gigantisch. Trotz allem gibt es Chancen, zum Beispiel durch eine bessere Integration des informellen Sektors oder durch öffentlich-private Partnerschaften. Entscheidend bleibt der politische Wille, wirklich etwas verändern zu wollen.

Houssen Hamdi Vorsitzender, Tunisie Récyclage, Tunis

Rücknahmesysteme verlieren an Bedeutung

Darüber hinaus existieren in Tunesien staatlich organisierte Rücknahme‑ und Verwertungssysteme für ausgewählte Abfallströme. Diese Systeme werden von der ANGed koordiniert und beruhen auf dem Prinzip der Hersteller‑ beziehungsweise Importeursverantwortung, teilweise nach dem Modell der erweiterten Herstellerverantwortung. Dazu zählen unter anderem ECO‑LEF für Verpackungsabfälle aus Kunststoff, ECO‑Batteries für Altbatterien und Akkumulatoren sowie ECO‑ZIT für gebrauchte Schmieröle. Allerdings hat die Wichtigkeit stark abgenommen. Wurden 2010 noch 14.200 Tonnen Plastik über ECOLEF eingesammelt, waren es 2023 nur noch 1.100. 

In die tunesische Abfallwirtschaft floss in der Vergangenheit viel Geld der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, vor allem aus Deutschland, Japan und Italien. Laut Hamdi fehlt es jedoch an Koordination und nachhaltiger Umsetzung.

Informationen über Projekte und Ausschreibungen

Bei der Umsetzung von geberfinanzierten Vorhaben schreiben die Staaten die benötigten Bau-, Liefer- und Beratungsleistungen oft international aus.

GTAI informiert tagesaktuell mit Projektfrühinformationen und Hinweisen auf Ausschreibungen über die vielfältigen Geschäftschancen in der internationalen Zusammenarbeit. Die kostenfreie Datenbank ist nach Land, Branche und Geber filterbar.

Unser E-Mail-Service Tenders & Projects Daily liefert Ihnen täglich die neuesten öffentlichen Ausschreibungen und Projekte aus der ganzen Welt - direkt in Ihr Postfach.